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Review

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Scarlett Johansson und Colin Firth

Die Geschichte von Das Mädchen mit dem Perlen­ohr­ring spielt im nieder­län­di­schen Delft, 17. Jahr­hun­dert. Die 16jährige Griet (Scarlett Johanson) kommt als Dienst­magd in das Haus des Malers Jan Vermeer (Colin Firth). Darf sie zuerst nur das Atelier putzen, wird sie bald zu seiner heim­li­chen Assis­tentin, dem Maler schließ­lich Muse und Modell.

Es ist eine Geschichte vom Aschen­puttel, das sein wahres Wesen zu erkennen gibt, als ihr der Perlen­ohr­ring ihrer Herrin angepasst wird. Eine Geschichte, die wie das Märchen auf sexuelle Erweckung hindeutet, wo das Stechen des Ohrlochs auch Symbol für das Pene­trieren ist, das aber – ganz nach den triebtheo­re­ti­schen Lehr­sätzen Sigmund Freuds – in Kunst subli­miert wird. Eine Geschichte auch der Klas­sen­ver­hält­nisse: Ein Mäzen hält sich Maler und Modell als verfüg­bare Objekte, die Magd muss am Ende Magd bleiben und sich im klas­sen­be­wussten Ersatz­ob­jekt, dem Metz­ger­sohn, ein Ventil für ihr Begehren suchen. Letztlich ist alles vorge­zeichnet.

Da kann durchaus ein wenig Ermüdung aufkommen. Nicht nur die absehbare Geschichte ist daran schuld, auch Scarlett Johanson trägt dazu bei, wenn sie Sinn­lich­keit und Sinnes­be­ga­bung allzu oft mit leicht geöff­neten Erdbeer­mund und stau­nenden Augen demons­triert. Die perma­nente Musik­un­ter­ma­lung will betören und hebt dabei nur das Rühr­se­lige der Geschichte hervor.

Die Abseh­bar­keit der Handlung ist dennoch keine wirkliche Schwäche des Films. Denn gerade das Wissen um den Gang der Geschichte gibt für Das Mädchen mit dem Perlen­ohr­ring Raum, im Augen­blick der Bilder zu verweilen. Der Film hält immer wieder die Geschichte an, verliert sich in male­ri­schen Moment­auf­nahmen, in Stilleben der Ereig­nisse. Die Dienst­magd posi­tio­niert sich im Türrahmen, ihr Blick ist gesenkt, die Haube schimmert in cremigem Weiß. Durch Butzen­scheiben dringt gedämpftes Licht in warmen Braun- und Gelbtönen, in einem an das 17. Jahr­hun­dert gemah­nenden Interieur. Aus den Körben, die die Mägde vom Markt in das herr­schaft­liche Haus tragen, hängen schlaff die Gänsehälse, das Gemüse, das sorg­fältig auf dem Schnei­de­brett arran­giert wird, ist violett und dunkel­grün. Jedes Bild, das Peter Webber in seinem Debütfilm findet, ist eine Anspie­lung an die Bild­lich­keit der Nieder­län­di­schen Malerei und des Vermeer von Delft.

Auch wenn das Bemühen, im Set nach­zu­bilden, was die Malerei bereit­hält, gelungen und über­zeu­gend ist, fehlt gerade an der Stelle der Bild­re­fle­xion das, was Das Mädchen mit dem Perlen­ohr­ring zum wirklich großen Film machen könnte. Peter Webber geht letztlich nicht über die angehäuften Bild­zi­tate hinaus. Sie sind motiv­ge­bend für den Maler und zugleich wieder­holen sie nur Motive der Malerei, ein insze­na­to­ri­scher Zirkel­schluss, in dem die Malerei immer nur Thema des Films bleiben kann. Nie gehen die male­ri­schen Momente auf das rein Filmische über, auf Kamera, Schnitt, Tiefen­schärfe. Das Kinobild wird nicht selbst zum Gemälde, es zeigt vielmehr das Gemälde als Abbild, das Kinobild als Imita­tionen der Nieder­län­di­schen Malerei in Licht, Dekor und Kostümen.