Review
Das Märchen der Märchen
Der Stoff, aus dem die Märchen sind
Der Stoff, aus dem die Märchen sind
»Das Märchen der Märchen«. Das klingt wie die Anmaßung, eine Erzählung geschaffen zu haben, die über allen anderen Erzählungen steht: to end all the tales. Dabei war die Märchensammlung aus der Feder des Neapolitaners Giambattista Basile, »Lo cunto de li cunti« (oder »Il Pentamerone«), die 1634/1636 erschien, erst der Auftakt gewesen für eine europäisch umfassende Sammlung von mündlich überlieferten Volkserzählungen. Erst zwei Jahrhunderte später begannen die Brüder Grimm mit der Sammlung der »Kinder- und Hausmärchen«. Von ihnen wiederum ließ sich Hans-Christian Andersen für seine Kunstmärchen inspirieren.
Der Neapolitaner
Es gibt unzählige Märchen-Verfilmungen, angefangen von Disneys Cinderella (1950 / 2015) über die DEFA-Produktionen wie Das kalte Herz (1950) bis zum heutigen Boom der Neuinterpretationen wie Rapunzel – Neu verföhnt (2010) oder Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (2012) – aber noch nie diente als Vorlage bislang jene frühe Märchensammlung des Giambattista Basile. Bis Matteo Garrone kam, mit seiner Liebe zum Neapolitanischen.
Seinen Mafia-Film Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (2008) hatte er in neapolitanischem Dialekt gedreht, Reality (2012), seine Satire auf das Privatfernsehen, spielt in Neapel. Ursprünglich wollte er auch Das Märchen der Märchen auf neapolitanisch gefärbtem Italienisch verfilmen. Jetzt hat er mit einem internationalen Cast, in dem auch Italiener englisch sprechen müssen, ausgerechnet die Anhänger der neapolitanischen Kultur verprellt. Der illustre Cast mit Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly und Toby Jones soll es richten und die weithin unbekannte Märchensammlung aus ihrer Nische holen und einem großen Publikum bekannt machen. Dieser erhofften Breitenwirkung jedoch widersetzt sich die ungewöhnliche, verwobene Erzählstruktur geradezu, und macht den groß gewünschten Film wieder interessant: Das Märchen der Märchen fordert heraus.
Archaische Kräfte: Zwillinge, Hexen, Menschenfresser
Garrone hat sich aus der Fünfzig-Märchen-Sammlung drei herausgepickt, die er episodisch erzählt: Immer wieder unterbricht er den Verlauf der Geschichte und wechselt zu einer anderen und wirft damit den in Märchen üblichen, festgezurrten Plot, Garant für die hochgradige Verbreitung der Geschichten, lustvoll von Bord. Die drei Episoden sind durchzogen von Analogien und Entsprechungen, Spiegelungen und wiederkehrenden Elementen. In den Geschichten von drei über der weiten Landschaft thronenden Festungen tummeln sich Könige und Königin, Söhne und Töchter, Zwillinge und Schwestern, Mägde und Gaukler, Prinzen und Prinzessinen, Menschenfresser, Riesen, Seeungeheuer und eine echte Hexe.
Garrone steigt dadurch tiefer in das Wesen der tradierten Erzählungen ein, als ihm ein buchstäbliches Erzählen erlaubt hätte. Er kristallisiert aus dem Märchenstoff all das, was ganz und gar archaisch verankert ist: das Wirken fundamentaler psychischer und instinktiver Kräfte, die sich in Figuren niederlassen. Wenn woanders klar gezeichnete Plots und Figuren den Blick auf das Urtümlich-Archaische verstellen, wie bei »Schneewittchen«, »Rotkäppchen« oder »Rumpelstilzchen«, zeigt uns Matteo Garrone verwandtschaftliche und soziale Verhältnisse sowie den gegensätzlichen Natur-Kultur-Raum als Energiegefüge. In ihm erscheint das Leben als tragische Geworfenheit in einem großen Kosmos ineinander verwobener Zusammenhänge.
Das pulisierende Herz der analogen Welt
Die Visualität zündet indessen ein Großfeuerwerk. Garrone hat atemberaubend-verzaubernde Bilder gefunden: das dichte Blattwerk eines bemoosten Urwalds, in dem ein Wildschwein den verwunschenen Ort markiert. Eine eng gefaltete Schlucht aus grauem Schichtgestein, die einen glasklaren Fluss birgt, auf dessen Grund ein albinohaftes Ungeheuer mit einem magischen Herzen vor sich hindöst. Eine Höhle in einer unermesslichen Felswand, in die ein menschenfressender Oger seine Beute schleppt. Die Königsburgen, die hoch über den Tälern thronen, darunter die grauen Hütten der unterjochten und verarmten Untertanen.
Bedeutsam ist, und das verrät den Kunstfilmer Garrone, dass er im Unterschied zu seinen Blockbuster-Kollegen als Ausgangspunkt für seine Bilder das kulturelle Erbe und reale Landschaften Italiens genommen hat: Seine Locations findet er in der analogen Welt, es sind Orte wie der Wald von Sasseto, die Schlucht von Arcantara oder die Burgen von Monte, Roccascalegna, Donnafugata und das Interieur des Palazzo Reale von Neapel. Szenograf Dimitri Capunani schuf überdies reale, materielle Monster. Wenn das Höhlenmonster besiegt ist und es daliegt wie die Versteinerung des Archaeopteryx, glaubt man für einen kurzen Moment, die Silhouette eine Menschen zu erkennen, der in einem Kostüm steckt. Das pulsierende Herz, das verspeist wird, entstand handwerklich, als real gebaute Requisite. Dies alles ist im digitalen Zeitalter alles andere als banal.
Never-ending Tales
Zur Haptik und Physis seiner Inszenierung passt, dass der Märchenkosmos durch die Geschichten so gar nicht familientauglich belebt wird. Garrone schafft eine visuelle Körperlichkeit, die seinen Film in das Fantasy-Genre hineinkatapultiert, dort, wo es an den Horror grenzt. Blutiges Fleisch und das Motiv der Häutung durchziehen die Märchen, Sex wird explizit ausgetragen, orgienhaft ausschweifend, zeigt sich instinktiv oder sublim, jedoch niemals romantisch. In den Figuren und hinter den Erzählungen steckt die ganze Tragik des Menschlichen: es geht um Begierden und Sehnsüchte, um Freundschaft, Verwandtschaft und die Unfähigkeit, diese zu empfinden, um das Alter und die ungestillte Sehnsucht nach Jugend (in einer Szene wird diese Sehnsucht im wörtlichen Sinne: gestillt). Es geht um Macht und Unterjochung, um Reichtum und Armut. Perversionen, Begierden und Sehnsüchte bringen die Menschen zum äußersten. Das Schlussbild suggeriert: das Leben spielt sich vor der Kulisse eines unermesslichen Abgrunds ab, ist Tanzen auf einem brennenden Seil.
Kitsch und Pathos sind Garrone jedoch fremd, auch wenn der Score von Alexandre Desplat bisweilen etwas sehr bezaubernd wirken möchte. Fern ist seinem Film auch die Märchenstruktur, mit der wir aufwachsen mussten: die Erzählung von einer heilen, vorübergehend aus dem Lot gebrachten Welt, in der alles gut ausgeht: In der das Böse besiegt wird und die Prinzessin ihren Prinzen findet. »Ende gut, alles gut« war immer die finale Formulierung, die den Sieg über das Böse besiegelte. Oder »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch immer«: die Formel als nichtssagende Floskel, die das Schematische der Märchen verriet.
Bei Garrone gibt es kein Ende. Am Rande seiner Erzählungen tun sich neue Figuren auf, schlummernde Gestalten, die den Weg durch wiederum magische und monsterhafte Geschichten machen werden. Garrone verwebt seine Geschichten wie ein Tuch, dessen Ränder keinen Saum haben, dessen lose, aus dem Webstück heraushängende Fäden nur darauf warten, weitergesponnen zu werden. The never-ending tales.