Review
Das Verschwinden des Josef Mengele
Das Gespenst des Todesengels
Das Gespenst des Todesengels
Kirill Serebrennikov zeigt in seiner Romanverfilmung, wie die jahrelange Flucht des Nazi-Verbrechers möglich wurde
Menschenknochen sollen erzählen. Wiederholt werden sie in Das Verschwinden des Josef Mengele benutzt und begutachtet. Das eine Mal werden die Überreste zweier Ermordeter von Auschwitz nach Berlin geschickt. Die gekrümmte Wirbelsäule eines Mannes soll angeblich minderes Erbgut beweisen. Josef Mengele, der sogenannte Todesengel, ist zu diesem Zeitpunkt Lagerarzt in Auschwitz, der über Leben und Tod entscheidet und grausame Versuche an den Gefangenen im Dienste der Nazi-Ideologie durchführt. Das andere Mal – und damit beginnt der Film – sind es Mengeles Knochen selbst, die auf dem Tisch vor einer Schar Studierender präsentiert werden. Aber was erzählen diese Knochen wirklich, abseits einer trügerischen Vergewisserung des Todes, als sei dieses rastlose Gespenst der Nazi-Gewalt endlich gebannt, verfügbar und als Skelett einfach so anschaubar?
Kirill Serebrennikov, der russische Regisseur, der inzwischen im Exil lebt, rüttelt auf, indem er sich dem Trugschluss der Überwindung und des Abgeschlossenen verwehrt. Sein neuer Film, basierend auf dem Roman von Olivier Guez, ist zwar ein Werk über Josef Mengele, aber er ist kein Biopic im klassischen Sinne. Man erfährt fast nichts über den Werdegang dieser berüchtigten historischen Gestalt. Ebenso wenig ist Serebrennikov daran interessiert, die Ausmaße der Gräuel, für die Mengele verantwortlich ist, einfach zu bebildern. Stattdessen entpuppt sich Das Verschwinden des Josef Mengele als anachronistische Abfolge kurzer Momente aus den Fluchtjahren der Haupt- und Titelfigur und einiger Erinnerungsfetzen, die das Überdauern der Nazi-Ideologie jenseits des Zweiten Weltkrieges vorführen soll.
Josef Mengele ersteht auf der Leinwand also wieder auf. An die sterblichen Überreste vom Beginn heften sich Fleisch und Blut. August Diehl spielt den Nazi-Arzt und Verbrecher. Plötzlich steht er entblößt im Zimmer. Er bereitet sich vor, nach draußen zu gehen, und die Kamera ist auf Schritt und Tritt in einer langen Einstellung dabei, wenn er sich durch die Straßen bewegt. Er bemüht sich darum, nicht erkannt zu werden. In den 1950er-Jahren hält sich Mengele unter falscher Identität in Argentinien auf. Serebrennikov zeigt ihn dann bei seinen Reisen und Versuchen, unterzukommen, mal hier, mal dort. Im Geheimen werden Pläne mit Handlangern und Verbündeten geschmiedet, damit das Untertauchen weiterhin gelingt. Herausgekommen ist ein fragmentarischer, desorientierender Film, der permanent zwischen Zeitebenen, Zuständen, Szenen hin- und herspringt und sich dabei ganz tief in den Kopf seiner Hauptfigur bohrt. Allein das ist schon die Provokation an sich! Die Fallhöhe für Werke, die ausschließlich aus Tätersicht erzählen, ist bekanntlich groß und die Herausforderung umso größer, dieses Böse, das dabei mit seinen Worten, Taten und Gedanken die Leinwand vergiftet, formal in eine Relation zu setzen und einzuordnen.
Im Kopf des Verbrechers
August Diehl als Mengele wütet und schwadroniert, brüllt und leidet: von Reue keine Spur. Stattdessen trauert er der Vergangenheit nach, fühlt sich verraten, verfolgt, ungerecht behandelt und ist bemüht, seine Haltung zu wahren. Er sieht die Welt in seinem menschenverachtenden Geist im Untergang. »Gewissen ist eine Krankheit, die sich schwache Menschen ausgedacht haben«, sagt er einmal zu seinem Sohn Rolf, den er in den Jahren seiner Flucht noch einmal wiedersieht. Das Treffen zwischen den Generationen bleibt distanziert, verschwiegen. Der Sohn, der sogleich unter Verdacht gerät, ein verhasster Kommunist zu sein, wird von seinem Vater zurechtgewiesen. Rauchen soll er nicht. Mengele verweist auf die sogenannte Volksgesundheit. Auf kritische Nachfragen reagiert er mit Beschwichtigungen und Ausflüchten. Der Nationalsozialismus relativiert sich hier mit einem vermeintlichen Eintreten für traditionelle Werte und das Wohl des Volkes und immer wieder werfen solche verqueren, verharmlosenden Ausreden ihre unheimlichen Schatten bis in die Gegenwart, wo sich die reine Rhetorik der Rechten mitunter kaum verändert hat.
Wenn Mengele in diesem Film zurück nach Deutschland reist, sehnt er die Rückkehr des deutschen Geistes herbei, sobald sich die anderen Mächte gegenseitig mit ihren Atomwaffen vernichtet haben. Dazu fallen Sätze wie: »Es gibt keine Vergangenheit.« Auch das gehört zu dem Mythos der sogenannten Stunde Null, den Serebrennikov in einigen Facetten dekonstruiert. Der Neuanfang nach Ende des Zweiten Weltkriegs nebst sogenannter Entnazifizierung sind nicht zu trennen von dem überdauernden Gedankengut und den Gestalten, die weiter in der Welt umherspuken und nur auf ihre Rückkehr warten. Darin liegt die verstörende Qualität von Serebrennikovs Film, der gleichermaßen auf das Ungenügende und das Versagen jenes Entnazifizierungsprozesses verweist wie auf das anhaltende Wirken der Gewalt des 20. Jahrhunderts, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.
Serebrennikov zeigt die Treffen mit anderen Altnazis und Sympathisanten, die im Verborgenen Netzwerke schaffen, einander decken und immer noch ihren alten Ritualen und Inszenierungen nachgehen. Der Regisseur selbst spricht in einem Interview, das der Verleih geteilt hat, von einem ganzen System namens Mengele, einem Verbund von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen und Profitversprechen dem Verbrecher bei der Flucht halfen. Dass derlei Netzwerke nicht viel vehementer zerschlagen wurden, dass ein Mengele einfach so untertauchen konnte – das zeigt der Film als Skandal. Und es ist zweifelsohne eine Zumutung für das Publikum, sich über zwei Stunden den rassistischen, antisemitischen, menschenverachtenden Sprech des Protagonisten anzuhören. August Diehl verkörpert ihn mit einer Maske des Starrsinns und einer Bruchlosigkeit, sodass dieses Spiel auch für den Darsteller selbst zur Zumutung verkommen muss. Immerzu geht es um das Vorgaukeln von Dominanz im Verhalten, das Diehls Interpretation der Rolle an den Tag legt. Und genau das sieht man hier: Mengele als auftretende Rolle, die immerzu ihre Macht und gleichzeitige Leugnung inszenieren und vor sich hertragen muss.
Erinnerungen in Farbe
Einmal kommt es dann zum Bruch, auch auf formaler Ebene. Der Sohn fragt seinen Vater, was dieser in Auschwitz getan habe. Und plötzlich wird der in Schwarz-Weiß inszenierte Film bunt. Einige wenige Farbaufnahmen gesellen sich später hinzu. Die Erinnerung an den Schrecken ist also lebendiger, lebensechter anzusehen als das zeitlich später angesiedelte Hier und Jetzt, das der Film zum Erscheinen bringt. Einer der Täter selbst führt plötzlich die Kamera und hält Szenen aus Auschwitz fest. Mengele, den man kurz zuvor noch beim vergnügten Turteln und Baden sieht, sortiert die neuen Gefangenen im Konzentrations- und Vernichtungslager, die aus den Zügen in den Tod getrieben werden. Serebrennikov zeigt von den Taten Mengeles nur einen winzigen, nachgestellten Ausschnitt, aber diesen umso drastischer. Zwei Männer werden untersucht, erschossen, ausgeweidet und schließlich gekocht, damit sich das Fleisch leichter von den Knochen schälen lässt. Und mittendrin filmt ein Nazi hinter der Kamera plötzlich seinen eigenen Blick in den Spiegel: Die Täterperspektive wird ausgestellt und zurückgeworfen.
Das ist insofern zynisch, als der Film sich damit um die Frage der angemessenen Inszenierung derartiger Verbrechen oder überhaupt der filmischen Darstellbarkeit ein Stück weit herummogelt, indem er die Kamera einfach einer der Täterfiguren in die Hand drückt und dieser vermeintlich die Inszenierung überlässt. Gleichzeitig fügen sich das Ausschnitthafte und die bloßgestellte Deutungshoheit der Verbrecher über die Tat und deren Bilder erschütternd und konsequent ein: sowohl in den Verdrängungs- und Relativierungsprozess des Protagonisten als auch in die perspektivische Engführung, die der Film vornimmt.
Was Serebrennikov mit seinem verschachtelt montierten Film anstellt, ist weder eine Auratisierung der Gestalt noch eine mitleidende, psychologische Einfühlung, auch wenn er sich immer weiter in den einsetzenden Wahnsinn dieser Mengele-Interpretation vorarbeitet und die Bilder immer unzuverlässiger werden. Das Verschwinden des Josef Mengele ist eine Aufnahme der (Un-)Gleichzeitigkeit eines Regimes und seiner Erben sowie des Bewusstseins einer in sich geschlossenen Ideologie. Nach und nach sucht dieses Bewusstsein verschiedene Konstellationen heim, lässt sich von ihnen hofieren, nutzt sie aus und lässt sich als Gespenst selbst dann kaum bannen, wenn es von den Wogen des Meeres verschluckt und wenn seine Gebeine sicher verwahrt werden.