Review
Das Versprechen
Der Raum und die Unklarheit
Der Raum und die Unklarheit
Memento Mori: Jack Nicholson zwischen Wahnsinn und Seelenheil
Es schneit. Eine Leinwand, die weiß ist, aber nicht von der Unschuld des Anfangs vor dem Film, sondern von dichtem Schneegestöber. Undurchschaubar ist dieses Bild, aus dem schemenhaft immer wieder etwas aufzutauchen scheint, man glaubt, dass die Dinge klarer werden. Doch es dauert lange, bis man erkennt, dass da ein Auto heranfährt, und klarer wird damit auch nichts.
The Pledge, die dritte Regiearbeit des Schauspielers Sean Penn, ist ein Film über die Unklarheit. Penn hat seine Vorlage, Friedrich Dürrenmatts Roman Das Versprechen (eine weitergedachte Version seines Drehbuchs zu Es geschah am hellichten Tag) in die USA versetzt, und wiederum deutlich bearbeitet. Aber der Kern der Geschichte, eine existentialistisch angehauchte bittere Fahrt in Wahnsinn und Hölle, kaum weniger düster, nur privater als Coppolas Conrad-Variation Apocalypse Now, blieb.
Der beschriebene Anfang erinnert an den von Fargo, und wie dort handelt es sich auch hier um einen Thriller, bei dem der Thrill nicht im Zentrum steht. Jerry Black, ein alter Detektiv der Mordkommission von Nevada (Jack Nicholson) erlebt seinen letzten Arbeitstag. Eine Party wird ausgerichtet. Zuvor schon hat man ihn eine Weile beobachtet, ist seinen Blicken gefolgt, zum Beispiel auf die Fotografien, die seine Karriere illustrieren, zum Beispiel aus dem Fenster, aus dem er wohl schon seit 30 Jahren tagtäglich geblickt hat. Dort war ein Alter zu sehen, der auf zwei Krücken die Gasse entlangschlurft -alles steht in diesem Augenblick in Nicholsons Blick auf dieses memento mori geschrieben: Das Altern, das auch das Altern des Schauspielers Nicholson ist. Später am Tag wird eine Kinderleiche gefunden. Jerry überbringt den Eltern die Nachricht, und wie aus einer Laune heraus wagt er der verzweifelten Mutter gegenüber das Versprechen, den wahren Mörder zu finden – »bei meinem Seelenheil.«
Mit viel Ruhe, Liebe zur Langsamkeit und zum Detail erzählt Penn nun das Folgende: Schnell wird ein Verdächtiger gefunden, der bringt sich um, und der Fall gilt als gelöst.
Doch Jerry hat Zweifel, und macht sich mit der Hartnäckigkeit des Profis und dem Starrsinn des Rentners, der nichts mehr zu tun hat, auf die Suche. Er sammelt Spuren, entwickelt Hypothesen und pachtet eine Tankstelle, wo der Hobbyangler seine Köder auslegt, und mit viel Geduld wartet, überzeugt, eines Tages
werde der Mörder vorbeikommen.
Die Monate vergehen, eine Frau ist mit ihrem Kind eingezogen, aus dem unweigerlich eine Art Köder wird. Und zugleich mehrt sich die Zahl der Verdächtigen rasant. Zunächst zeigt Penn, wie das Versprechen etwas mit dem macht, der es gibt; dass, wer sich verpflichtet, auch selbst woandershin geführt wird.
Doch am Ende hat Jerry alles noch schlimmer gemacht, als es schon war. Der gute Wille des Anfangs endet im Wahnsinn, und sein Seelenheil hat der
Detektiv endgültig verloren.
Das Beste an diesem ungewöhnlichen, in vieler Hinsicht aus dem Rahmen fallenden Film sind aber die atemberaubenden, alptraumhaften Bilder, die Penn gelingen. Oft ganz nah auch an den toten Dingen, manchmal ganz aus der Distanz: Etwa wie Nicholson durch hunderte von Truthähnen schreitet, wie er dort im riesigen Stall die Todesnachricht überbringt – gefilmt in der Totale. Oder später, wie er im Wald wartet, voller Gewißheit: Irgendwo draußen ist er. Der Mörder.
Dem
Zuschauer wird die letzte Sicherheit vorenthalten. Aber der Raum, erfahren wir hier, Schicksal und Reichtum Amerikas, ist auch Bedrohung. Und die Welt ist eine Hölle.