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Review

Das Vorspiel

Die Schönheit der Unperfektion

Filmszene »Das Vorspiel«
Nina Hoss als gnadenlose Violonistin

Die Schönheit der Unperfektion

Es gibt immer wieder Momente in Das Vorspiel, in denen die Bilder regel­recht zu vibrieren scheinen. Etwa als Anna (Nina Hoss) erstmals mit dem Quintett ihres Kollegen Christian (Jens Albinus) probt. Die Violi­nistin spielt fehler­frei und wird schließ­lich auch aufge­nommen. Doch: Hoss' zwischen Verbis­sen­heit und Unsi­cher­heit chan­gie­rendes Gesicht, die Blicke der Mitmu­siker, dieser hoch­pro­fes­sio­nelle Rahmen machen die Szene zum in Film gegos­senen Leis­tungs­druck.

Genau davon erzählt die Schau­spie­lerin Ina Weisse in ihrem zweiten Spielfilm: Davon, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können, vom Druck, den sich die Musikerin und Musik­leh­rerin macht und von den Folgen für die unmit­tel­bare Umgebung. Getragen wird das kluge Drehbuch (Daphne Charizani und Ina Weisse) von einer erneut fantas­ti­schen Nina Hoss. Mit Das Vorspiel erweitert die Schau­spie­lerin ihr Portfolio der nach außen starken, aber innerlich brüchigen Frauen um eine weitere Nuance.

Gab Hoss in Christian Petzolds Barbara (2011) eine in der DDR zwangs­ver­setzte Ärztin mit Flucht­am­bi­tionen oder, erst im letzten Jahr, in Katrin Gebbes Pelik­an­blut eine einsame Pfer­de­trai­nerin, die von einem der beiden Adop­tiv­kinder an den Rande des (später auch buchs­täb­li­chen) Wahnsinns getrieben wird, zeigt sie sich in Weisses Film als ambi­va­lente, vom Ehrgeiz getrie­bene Gefühls­ver­un­si­cherte. Mit fein­sin­nigem Spiel voller Melan­cholie und Härte gibt Hoss ihrer Figur unglaub­liche Tiefe.

Ihre Anna unter­richtet an einem Musik­gym­na­sium Geige und steckt ihre gesamte Energie in den neuen Schüler Alexander (Ilja Monti). Der Junge ist eine doppelte Projek­ti­ons­fläche: einer­seits will Anna es ihren Lehrer­kol­legen zeigen, gegen deren Willen sie Alexander nach dem Vorspiel an die Schule geholt hat. Ande­rer­seits erinnert er sie an den eigenen Sohn Jonas (Serafin Mishiev), der ebenfalls in der Insti­tu­tion unter­richtet wird, sein Instru­ment für Annas Geschmack zuhause viel zu selten in die Hand nimmt.

Im Laufe des Films bröckelt die Fassade der gutbür­ger­li­chen Familie zusehends. Die Kommu­ni­ka­tion zwischen Mutter und Sohn reicht von kompli­ziert bis kühl, »Jonas, streich den ganzen Bogen aus, sonst kannst du gleich 'ne Zahn­bürste nehmen«, zischt Anna. Der Ton macht die Musik, ihre gleichsam liebevoll gemeinte Kritik geht nach hinten los. Zwischen Anna und ihrem Mann Philippe (Simon Abkarian), einem Instru­men­ten­bauer, wird es ebenfalls eisiger. Sitzen die beiden zu Beginn noch gemeinsam im Restau­rant, er der Verständ­nis­volle, der, Annas Tick nach­se­hend, mehrfach für sie den Tisch wechselt, kann ihr nicht geben, was sie braucht. »Wärme und Zuneigung kannst du auch einem Hund geben«, sagt sie einmal. Ihr körper­li­ches Verlangen befrie­digt die Musikerin mit ihrem Kollegen Christian.

Das Vorspiel hat keine Szene zu viel, kein Moment ist über­flüssig. Subtil und effizient zeichnet die Regis­seurin das Porträt einer dysfunk­tio­nalen Familie und lässt ihre Figuren durch und durch komplex, ja: mensch­lich erscheinen. Über jeder Szene hängt der Staub des fami­liären Zusam­men­le­bens, einer Fami­li­en­ge­schichte, die, niemals auser­zählt, in den Andeu­tungen aber konkret genug ist, dass wir eine Ahnung bekommen. Etwa von der Erziehung Annas, deren Vater, das zeigt eine Szene mit Jonas, ein Vertreter der harten Hand ist. Oder von Jonas selbst, der mit mili­tantem Vege­ta­rismus aufbe­gehrt und der, das schwelt den ganzen Film über mit und wird am Ende konkret, ein gewisses Gewalt­po­ten­zial in sich trägt. Sie alle haben ihre Geheim­nisse.

Weisses Film wirkt – und das ist unbedingt als Kompli­ment zu verstehen –, als hätte sich Michael Haneke an die Neuin­ter­pre­ta­tion von Damien Chazelles großar­tigem Musiker-Thriller Whiplash gemacht. Neben der Präzision, die man auch vom öster­rei­chi­schen Enfant terrible kennt, lässt Weisses Musikerin an die von Isabelle Huppert gespielte Klavier­leh­rerin aus Hanekes Verfil­mung von Elfriede Jelineks Roman »Die Klavier­spie­lerin« denken.

Trotz dieser Remi­nis­zenzen ist Das Vorspiel ein eigen­s­tän­diges Werk. Weisses Film ist weniger radikal als die der genannten Kollegen, dabei aber ebenso eindrück­lich. Hoss' Getrie­bene wird zur Metapher für die Folgen der Hoch­leis­tungs­ge­sell­schaft samt Selb­st­op­ti­mie­rungs­wahn. Nur in wenigen Augen­bli­cken verliert ihre Anna die ihr so wichtige Haltung, etwa, als sie Schüler Alexander zur Korrektur eines Haltungs­feh­lers aufge­bracht mit seinem Gürtel die Schulter abbindet.

Am Ende wird der wahnhafte Perfek­tio­nismus siegen und verlieren. Hochmut kommt vor dem buchs­täb­li­chen Fall in dieser auf Leistung gebürs­teten Welt. Annas Mann bringt es auf den Punkt, als er seiner Frau eine ihrer alten Konzert­auf­nahmen vorspielt, die sie abwertend mit »klingt irgendwie unfertig« abtut. Philippes Antwort: »Das ist ja das Schöne.« Wer nicht die Schönheit des Unper­fekten zu sehen imstande ist, der wird vom Hams­terrad überrollt.