Review
Death Proof – Todsicher
Ehrenschwesters Fetischzelluloid
Ehrenschwesters Fetischzelluloid
Da kann der Verleih ihn noch so sehr als Actionstreifen vermarkten – das ändert nichts am wahren Genre des neuen Tarantino: Death Proof ist ein Fetisch-Film.
Tarantino macht keinerlei Anstalten, das zu verbergen – im Gegenteil, gleich in der ersten Einstellung legt er die Karten offen auf den Tisch: Zum Vorspann gibt es eine laaaaaange Großaufnahme eines Paars nackter, weiblicher Füße, auf das Armaturenbrett eines durch die Landschaft bretternden Autos gestützt.
Dass der »Would you give a guy a footmassage«-Dialog aus Pulp Fiction
durchaus was mit gewissen Vorlieben des Regisseurs zu tun hatte, ist ja inzwischen hinreichend bekannt, und Tarantino bekennt sich mit dieser Eröffnung von Death Proof nicht nur zu diesem Ruf, er spielt mit ihm und nutzt ihn als Zeichen: »So, jetzt geht’s um Sachen, auf die ich stehe – willkommen in der Welt meiner Fetische.«
Auf einer Ebene ist Death Proof eine Art Buben-Fantasie, die Inszenierung eins Schlüssellochblicks bei einer Girls only-Pyjamaparty: Es ist der Film eines Mannes, der davon träumt dabeizusein, wenn Mädchen ganz unter sich sind. Klar geht es in Death Proof auch um schnelle Autos und die Coolness von Kurt Russell, der als »Stuntman Mike« endlich mal wieder eine richtige Paraderolle hinlegen darf. Aber den Löwenanteil des Films macht aus, wie Tarantino zwei verschiedene Gruppen junger Frauen beobachtet, wie sie quatschen, lästern, lachen, in der Gegend rumfahren, Liebe suchen, Spielchen machen, Musik hören. Aber vor allem quatschen.
Ähnlich, wie sich Tarantino in früheren Werken immer wieder an die afroamerikanische Kultur angebiedert hat, er versucht hat, quasi ein »nigga honoris causa« zu werden, spürt man in Death Proof (und das keineswegs unsympathisch), wie sehr er sich wünscht, mal als Ehrenschwester bei den Mädels im Schlafzimmer zu hocken, mit ihnen zu kichern und wenn jemand an die Tür klopft sagen zu können »Ain’t nobody here but us chicks«. Man kann ihn sich wohl in etwa so vorstellen wie Jack Lemmon und Tony Curtis im Zugabteil bei Some Like it Hot, nur dass er die Verkleidung freiwillig gewählt hätte. Und dass er sich die Mädels selbst handverlesen hat, wobei ihm tatsächlich eine Auswahl geglückt ist, die zum mit Abstand coolsten und attraktivsten gehört, was das US-Kino in dieser Hinsich seit langem zustande gebracht hat.
Freilich ist auch bekannt, dass Tarantinos Fetische nicht zwangsläufig sexueller Natur sind, sondern oft genug eher populärkultureller. Oder, besser gesagt, dass bei ihm die Begeisterung für gewisse (bevorzugt möglichst obskure) Filme, Comics, Musik eine Erregung hervorruft, die durchaus etwas Libidonöses hat.
Death Proof ist auch vollgepackt mit diesen Vorlieben, mit Diskussionen über die Autos aus Bullitt und Vanishing Point, die Songs aus dem Autoradio (auch da hat Tarantino bei der Auswahl Geschmack bewiesen), Stuntmänner aus alten TV-Westernserien.
Jetzt ist es ja nichts Neues, dass Tarantino in seinem Ouevre seinen privaten Vorlieben fröhnt – dass er, so bewusst wie gekonnt, »Kino aus zweiter Hand« macht, Montagen aus Unmengen vorgefundenen Materials.
Bei Reservoir Dogs blieb dieser Aspekt noch am meisten im Hintergrund (weshalb nach wie vor die Debatte tobt, ob der nun ein Plagiat von oder eine Hommage an Ringo Lams City on Fire sei). Bei Pulp Fiction war er am spielerischsten eingesetzt, bei Jackie Brown am präzisesten auf ein Genre, eine Ära, einen Tonfall, eine Person – die göttliche Pam Grier – begrenzt. Und Kill Bill war eine Mischung aus Hypertext-Enzyklopädie und »Mash-up« – der Versuch, nicht nur möglichst erschöpfend zu zitieren, sondern die Zitate auf ungewohnte Weise
miteinander in Dialog zu setzen, zu schauen, was passiert, wenn unterschiedliche Stationen unterschiedlicher Traditionslinien aufeinandertreffen. Pulp Fiction wie Kill Bill haftete zudem am meisten ein Nerd- oder Geek-Faktor an: Ein lustiges Quellenraten, bei der gewinnt, wer die meisten
obskuren Verweise erkennt.
In Death Proof hingegen werden die Quellen meist relativ offen be- und genannt, oder zumindest z.B. mal ein Poster jenes Films in den Bildhintergrund gehängt, aus dessen Ennio Morricone-Soundtrack sich Tarantino später zur Untermalung seines eigenen Streifens bedient.
Und es steht hier mehr noch als sonst der Lustfaktor im Vordergrund – das lange und liebevolle Präsentieren der Dinge, auf die Tarantino steht.
Soweit wäre dieses neue Werk aber nur graduell von seinen Vorgängern verschieden – was ihm aber einen grundsätzlich neuen Dreh verleiht ist, dass Tarantino hier Kino nich allein als inhaltliche, stilistische, ästhetische Entwicklung begreift: Dass er hier nicht nur Genres zitiert, sondern eine spezielle Form der Produktion und Auswertung von Film.
Death Proof ist eigentlich eine Hälfte des Grindhouse-Projekts, das Tarantino mit seinem alten Kumpel (und ungleich unbegabteren Kollegen) Robert Rodriguez ins Leben gerufen hat. Grindhouses nannte man in den ‘60ern und ‘70ern, zu Hochzeiten des Exploitation-Kinos, jene Lichtspielhäuser in US-Städten, die darauf spezialisiert waren, die unabhängig produzierten B- und C-Filme abzunudeln, die mit
reißerischen Titeln, marktschreierischen Plakaten, dem Versprechen immerneuer Tabu-Verletzungen ihr Publikum anlockten.
In den USA kam Death Proof als Teil eines inszenierten B-Picture-Double Features im alten Stil in die Kinos: Nicht nur im Doppelpack mit Rodriguez' Planet Terror, sondern drumrum auch mit (gefakten) Trailern für andere »aktuelle« (Stand: 1970) B-Filme, Werbung für den Süßigkeiten- und Getränkeverkauf im Kino, Ankündigungen für den Beginn des Hauptfilms und was
damals in Amerika noch so alles dazugehörte.
Es ging den beiden nich nur um die Rekreation eines gewissen Stils von Filmen, sondern einer ganz spezifischen Art von Kinoerlebnis. In der Fassung von Death Proof, die jetzt bei uns zu sehen ist, geht dieser Aspekt weitgehend verloren – steckt aber, wohl etwas verwirrend für alle, die von diesem Kontext nichts wissen, noch immer tief in den Film eingeschrieben.
So wie sich Fetischisten oft nach gewissen Materialien, Texturen, Gerüchen sehnen, weil diese mit einer prägenden Erinnerung verknüpft sind, so ist Tarantino in Death Proof einem Film – oder genauer: einer Filmkopie – als stoffliches, greifbares, einmaliges Artefakt auf der Spur.
Filme, die den »grindhouse-circuit« hinter sich hatten, die ihre Tour durch unzählige heruntergekommene Abspielstätten durchlaufen hatten, kamen einem nicht
wie neu aus dem Kopierwerk vor Augen. Was da aus den Blechdosen auf die Projektoren gefädelt wurde, hatte eine Geschichte, die sichtbare Spuren im Zelluloid hinterlassen hatte.
Tarantino inszeniert in Death Proof diese Geschichte des Materials mit: Der Film hat gefakte Laufstreifen, Klebestellen, Tonaussetzer, holprige Aktübergänge.
Es war eine Zeitlang gängige Praxis, sowohl Farb- als auch Schwarzweißfassungen billiger Filme in den Vertrieb zu schicken, und wenn im Verlauf der Auswertungszyklen einzelne Akte durch Beschädigung komplett unspielbar wurden, dann stückelte man Kopien oft aus den übrigen, noch brauchbaren Rollen mehrerer solcher ruinierter Kopien zusammen. Und siehe da: Eine vorgebliche »Rolle« inmitten von Death Proof ist – ein Zusammenspiel dieser
Verleihverfahren suggerierend – in Schwarzweiß.
In gewisser Weise führt Tarantino durch dieses Spiel sogar noch eine neue, außerhalb der Erzählebene des Films stehende Figur mit ein – einen jener (früher nicht seltenen) Kinobetreiber oder Vorführer, der sich die heißeste Szene des Films für die Privatsammlung herausgeschnipselt hat: Beim Lapdance, den Kurt Russell spendiert bekommt, bricht der Film vor dem Höhepunkt unvermittelt ab und springt übergangslos zur
nächsten Sequenz.
Und zum Abspann betreibt Tarantino, bevor bald die unselige Digitalisierung des Kinos ihren von der Industrie durchgepeitschten Vernichtungsfeldzug vollenden wird, gar noch ein wenig echte Zelluloid-Archäologie: Da montiert er die – vermutlich aus echten, alten Filmkopien gewonnenen – Fotos unbekannter Schönheiten zusammen, wie sie früher nach dem Ende des zur Projektion bestimmten Teils von Filmrollen von gelangweilten Kopierwerksangestellten noch als »Füllmaterial« für die Spule verwendet wurden. Bilder, die einst außer den Vorführern niemand zu Gesicht bekam; kleine »guilty pleasures« des alten Voyeursmediums Film.
Als Fetischfilm hat Death Proof genug zu bieten, was so ziemlich alle beglücken sollte, die auch der Cinephilie verfallen sind: Großartige Frauen, Autostunts, bei denen noch echtes Blech auf echtes Blech kracht und nicht Pixel auf Pixel, tolle Musik. Und in seinen besten Momenten gelingt es Tarantino auch, durch das schiere Brennen seiner Begeisterung einem die Liebe beizubringen zu manchem, das einen vorher kalt gelassen hat. (Nicht zuletzt lernt man, sich ein
wenig in die neuseeländische Stuntfrau Zoe Bell – keine klassische Schönheit – zu verknallen.)
Aber es gibt auch Momente, da wird man den frevlerischen Gedanken nicht los, dass die 20 Minuten kürzere Version des Films, die im Grindhouse-Double Feature zu sehen war, möglicherweise die gelungenere ist als die
Langfassung, die hier in Europa zu sehen ist. Denn bei manchen der unzähligen Diskussionen über dies oder jenes Popkultur-Phänomen, von dem Tarantino ungeheuer angetan ist, spürt man auch dieses Außen-vor-Gefühl der Leere, Unberührtheit, des Unverständnisses, das typisch ist für das Betrachten eines Fetisches, den man nicht teilt.