Review
Deep Impact
Der Messiahs rettet die Welt, dann wäscht die Sintflut die Verderbten hinweg, und am Schluß stehen Adam und Eva und ihr Kind – und sehet, sie waren ohne Sünde: Wenn Amerika an Selbstzweifeln krankt, muß die Heilsgeschichte kurzerhand neu geschrieben werden.
Zwei Teenager stehen in einem Feld in Virginia (klar – soll doch auch die Siedlungsgeschichte der USA neu aufgerollt werden) und betrachten den Sternenhimmel. Durch Teleskope, die auch noch mit unhandlichen Kameras versehen sind. Und da liegt das Problem. Denn jede mediierte Wahrnehmung, so läßt uns Deep Impact schnell wissen, ist böse. Wer Gottes schönen Kosmos nicht unvermittelt durch seine gottgegebenen Sinne betrachtet, muß bestraft
werden.
Die Teenager entdecken einen Kometen. Sie schicken ein Photo davon an einen Astronomen, und dem sagen seine Computer, daß sich der Himmelskörper auf Kollisionskurs mit der Erde befindet. Die Welt muß sofort alarmiert werden, doch leider will der Wissenschaftler sich dafür moderner Kommunikationstechnologie bedienen. Mediierte Kommunikation freilich ist böse: Weil e-mail und Mobiltelefon versagen, stirbt der Astronom Sekunden später bei einem Autounfall. Deep Impact ist, vor allem, ein deutlicher Film.
Nach dieser Einstimmung lernen wir unsere Protagonistin kennen, und wenn wir aufgepaßt haben, schwant uns nichts Gutes: Jenny Lerner (Téa Leoni) ist Fernsehreporterin. Und daß sie somit stellvertretend am Übel der Welt Schuld trägt, ist in diesem Film unausweichlich.
Daß die heutige Welt verderbt ist und der apokalyptischen Erneuerung bedarf – das ist für Deep Impact so evident, daß es dafür gar keinen Beleg innerhalb des Werks mehr braucht.
Und ebenso selbstverständlich ist, daß die Probleme der Welt als Probleme der amerikanischen Familie auftreten.
Ein Photo aus Jennys Kindheit macht klar, wo der Traum von der Nuklearfamilie aus dem Ruder gelaufen ist: Es zeigt sie mit ihrem Vater am Strand – Mutter ist nicht zu sehen. Denn Mutter muß hinter der Kamera stehen, um das Bild überhaupt machen zu können. Der technisierte Vorgang der Abbildung zerreißt die Familie – Medium frißt Mutter.
Der Komet naht, aber noch besteht Hoffnung: Im Mittelwesten buddelt man eine modernes Äquivalent der Arche Noah in den Sandstein, während gleichzeitig die NASA an einem Plan arbeitet, der bei Gelingen den Bau dieser Anlage zur überflüssigen Vorsichtsmaßnahme machen würde.
»Messiah« heißt das Raumschiff, das den Kometen abfangen soll – und weil auch das Deep Impact nicht deutlich genug ist, wird der Kommandeur der Mission (Robert Duvall) »Fish«
genannt. (Immerhin – er muß nicht in Kreuzigungspose sterben.) »Fish« war der letzte Astronaut, der auf dem Mond spaziert ist – der letzte Jünger also des amerikanischen Messias Kennedy und seiner New Frontier.
Die schizophrene Logik des Films diktiert es, daß die »Messiah« dafür zu sorgen hat, daß nicht nur die Rettung der Menschheit (sprich: Nordamerikas) sichergestellt wird, sondern auch ein kleines bißchen Jüngstes Gericht – so manches will Deep Impact aus seiner Welt gründlich entfernt wissen.
Und so muß die Flutwelle zuschlagen, und es gibt keine Frage, welchen Ort sie als erstes treffen muß: Noch bevor sie das dekadente New York und die
Freiheitsstatue als Zeichen der alten U.S.A. hinwegfegt, muß sie jenen Ort auslöschen, den Deep Impact zum verdichteten Symbol für die unverzeihlichste Verletzung des amerikanischen Traums erkoren hatte – am Strand aus dem Photo steht Jenny, in den Armen ihres Vaters, und sagt »Daddy!«, bevor der Schoß von Allmutter Ozean beide verschlingt.
Kurz vor Schluß des Films blicken die zwei Teenager vom Beginn wieder in den Himmel – aber mit bloßem Auge, und auch sonst ist alles anders: nun sind sie verheiratet, vor ihnen erstreckt sich eine von der Flut reingewaschene Landschaft, und sie haben ein Kind. Und zwar – Wunschideal unzähliger amerikanischer Filme – ohne sich dafür fleischlicher Wollust hingegeben zu haben: Es ist die vor kurzem geborene Schwester des Mädchens, »gestiftet« von ihren selbstlos
sich opfernden Eltern.
Ein Garten Eden ohne Erbsünde – was für ein Ausgangspunkt für diese neue Neue Welt.
Ganz zu Ende dann noch ein weiser Vater: Der Präsident (er hat überlebt – »People need continuity«, wie es einmal so schön heißt) spricht zu seinem Volk. Das hat sich in den Ruinen von Washington, D.C., millionenenstark um ihn versammelt, um seinen salbungsvollen Worten vom Neubeginn zu lauschen – und weit und breit keine Kamera, kein Teleprompter, kein
Fernseher in Sicht.
Wo das Feindbild liegt, ist mithin mehr als deutlich. Das wahrhaft perfide an dem Film jedoch ist, daß er keine eigentlichen Bösewichte kennt: Auch jene Figuren, die im Eugenozid von Deep Impact unbedingt zu sterben haben, um den Neuanfang zu ermöglichen, sind Sympathieträger. Aber der Film inszeniert ihren Tod als nur oberflächlich schmerzhaften und rechteigentlich befreienden und erlösenden Akt – er erheischt die emotionale Einwilligung des Publikums in eine faschistoide Logik des notwendigen Opfers, das sich nicht um moralische oder menschliche Kriterien kümmern darf. Wenn der Tag der Selektion gekommen ist, darf man nicht mehr danach fragen, ob man jemanden mag – wer weg muß, muß weg.
Angesichts der üblen Ideologie von Deep Impact muß man direkt froh darum sein, daß der Film insgesamt nicht sonderlich gut funktioniert: hatte Mimi Leders letzte Amerika-Fantasie The Peacemaker noch atemloses Tempo, perfekten Rhythmus und eine komplexere (wenn auch ebenfalls nicht unproblematische) Sicht der Dinge zu bieten, so sind die furios-bewegten Einstellungen nun
einer statischeren und schwerfälligeren Inszenierung gewichen. Zu latent instabil war wohl das Weltbild, das aus den mit Dezentrierung flirtenden Bildern von The Peacemaker sprach, für das vorliegende Projekt. Und so gesellt sich zu dem tränenrührigen Plot, der sich zerfasernd dahinschleppt, eine eher dröge filmische Umsetzung, die zudem von James Horner musikalisch in Sturzbächen von
staatstragendem Schleim ertränkt wird.
Geblieben sind die Brüche – aber wo The Peacemaker gerade dadurch spannend wurde, daß er mit diesen offen spielte, setzt Deep Impact viel daran, sie zu kaschieren. Trotzdem – in manchen Momenten macht sich ungewolltes Unbehagen spürbar, das der Film nicht ganz auffangen kann, und letzlich ist Deep
Impact das eigene Versagen, die eigene Demontage bereits eingeschrieben: Mit erblindeten Augen starrt einer der Astronauten auf den Monitor, wo seine Frau mitsamt neugeborenem Kind Abschied von ihm nimmt, und sein Kollege muß ihm heimlich das Bild beschreiben, damit er bei der Unterhaltung den Schein waren kann, alles wäre in Ordnung. Hier entgleist dem Film die Kontrolle über die Lesarten, und der Augenblick (no pun intended) schlägt um in pures Gruseln.
Und was nützt es,
auf dem Eastern Seaboard tabula rasa zu machen, wenn dem Projekt der Neubesiedlung das Wichtigste fehlt: ohne Frontier ist der ganze amerikanische Mythos sinnlos – und der Westen ist am Ende von Deep Impact leider noch genauso erschlossen wie vorher. (Nicht auszumalen, welch humoristisches Potential die Idee birgt, den Film noch einmal aus der blasierten Sicht der Bewohner von Los Angeles zu erzählen.)
Traurig, daß in diesem Machwerk (das immer widerlicher wird, je mehr man über es nachdenkt) Leute wie Vanessa Redgrave und Morgan Freeman auch noch mit Herz bei der Sache sind und ihren Charakteren Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit verleihen – was nur um so schmerzhafter bewußt macht, welch zynischer, manipulativer Dreck alles andere an Deep Impact ist.
Besonders traurig, daß dieser Film die letzte Arbeit des kürzlich verstorbenen Kameramanns
Dietrich Lohmann sein mußte – eines Mannes, der einst bei Fassbinder angefangen hat.
Alle, die jetzt trotz allem immer noch begierig darauf sind, für Deep Impact ihr Geld an die Kinokasse zu tragen, sollten sich wenigstens über eine Sache klar sein: wenn es nach den Leuten geht, die Sie damit reicher machen, könnten Sie zu den ersten gehören, die einer schönen, neuen, sauberen Welt zuliebe dran glauben müssen.