Review
Der 13. Krieger
12 kleine Wikinger
12 kleine Wikinger
Wie Antonio Banderas auszog, um das Sterben zu lernen
»Der Nebel birgt viele Geheimnisse« – glauben jedenfalls die Wikinger. Ahmed Ibn Fahdlan (Antonio Banderas, nach The Mask of Zorro wieder mit glutschwarzen Augen in der Rolle als strahlend-bruchloser Heros der 90er), Poet und Diplomat vom Bagdader Hof Harun al-Rashids und als solcher auch irgendwie ein zweiter Sindbad der Seefahrer, hat es durch diverse Zufälle ins kühle Nebelland verschlagen. Als 13ter Krieger zieht er im Jahr 922 mit 12 Nordmännern aus, um einem guten König gegen böse Feinde zu helfen. Wie einst die glorreichen sieben Samurai kommen die 13 in dessen Dorf, um dort selbstlos-tapfer Frauen und Kinder zu schützen.
Der 13. Krieger ist ein Abenteuerfilm im klassischen Kinostil. Es wird gefochten und gehauen was das Zeug hält, auf hier in der Tat- überflüssige Ironie wird verzichtet und die Story ist so naiv und gradlinig erzählt, wie man es schon lange gerne wieder einmal gesehen hätte. Zugleich ist Der 13. Krieger aber mehr als das.
»Wieso? Sind die Leute gefährlich? Ich bin Botschafter, man erwartet von mir, daß ich mit den Fremden rede.« so wird der Held gleich in den ersten Minuten charakterisiert. Und besonders am Anfang nimmt sich der Film viel Zeit, um von der Begegnung der Ungleichen zu erzählen. Mutig ist schon allein, in einem US-Film einen Araber und Moslem zu Helden zu machen. Clever wird der »Clash of Civilisations« in die Abenteuerhandlung verpackt. Letztlich ist die Message klar: Man muß einander zuhören (ja, ja), um kulturelle Differenzen zu überwinden. Aber das ist gar nicht so einfach. Mühevoll und langsam lernt Ibn Fahdlan die Wikingersprache. (Die Zumutung, daß hier zunächst alles hin und her übersetzt wird, ist ein ganz guter Einfall, Realismus und Zwang zum Gedulden sind Filmtugenden. Und letztlich ist dies alles erträglich und fix gemacht). Langsam versteht er jeden Abend mehr, das wird ganz gut gezeigt, am Ende dann: »Ich habe zugehört«. Jawoll!
Überhaupt bekommt man hier lirum-larum mit großem Fresslöffel einige Altväterweisheiten verpaßt: Seid nett zum Sarotti-Mohr zum Beispiel, überhaupt zum Anderen, und natürlich – hört gut zu liebe Kinder – das Latein-Lernen doch etwas bringt. Wie könnte Omar Sharif sonst mit den Wikingern, nun, äh, kommunizieren. Damals war Latein nämlich die universale Sprache, (heute muß man Englisch können wäre die andere Lesart). Aber, aber – wer hat Angst vorm gelben Mann? – Fremde bedeuten natürlich auch Gefahr, zum Beispiel Tataren, die sich ja bekanntlich wie die Vandalen aufführen, und besonders gerne Karawanen überfallen. Und später natürlich die »Venduls«, tiergleiche Waldmonster. Freilich lernt unser Held hier irgendwann »Es sind Menschen«, will sagen: ganz so anders sind sie gar nicht.
Der Blick von uns Zuschauern verschmilzt bei alldem mit der Perspektive Ibn Fahdlans, allmählich erst lernen wir die Wikinger kennen, und sehen aus der amorphen Zottelmasse Individuen hervortreten. Irgendwann ist dann der altmodische, kumpelhafte Männerbund geschlossen. Am besten zeigt das eine spätere Szene: Als Ibn Fahdlan ein Kind ins Dorf laufen sieht, sehen wir erst einmal einen orangenen, dann einen blauen Punkt, dann das nackte Kind.
Im Folgenden tut der Film was er muß, daß heißt er spielt das Spiel der 12 kleinen Wikinger, die einer nach dem anderen von den kanibalischen Wolfsmenschen im Wald niedergemetzelt werden, bevor am Ende doch das Gute siegt, und Ibn Fahdlan zum echten Mann geworden ist. Logische Maßstäbe sollte der Zuschauer dabei aber nicht anlegen. Fast denkt man an ein Videospiel, bei dem die einzelnen Elemente im Prinzip beliebig austauschbar sind, für den Spieler freilich der Schwierigkeitslevel ständig steigt. Weil die Game-Gesetzlichkeit über alle Dramaturgie obsiegt, macht es da auch nichts, daß unsere Helden 'mal ihre Rüstung wegwerfen, in der nächsten Szene die gleichen Stücke wieder anhaben. Wie gesagt: die Reihenfolge der Mosaiksteine spielt ebenso keine Rolle, wie Logik.
Ausgestattet wurde passabel und mit trotz aller Vorhersehbarkeit einfallsreichen Design-Ornamenten: Hollywood-Klassiker wie The Vikings, The Long Ships (wer erinnert sich?: Kirk Douglas, Tony Curtis, Richard Widmark), standen Pate und vor allem: werden ernstgenommen. Auch Braveheart wird zitiert, viel Met fließt die Kehle herunter und alle rufen gelegentlich »Oooodiiiin«.
Odins Hilfe hätte man sich freilich auch für die Regie gewünscht. Denn am Ende geraten alle schönen Ansätze plötzlich aus den Fugen. Da verschenkt Der 13. Krieger viel. Derart gerafft und zusammengeschnitten ist die letzte halbe Stunde, daß mehrere Erzählstränge (zum Beispiel die schon zuvor eher nebenbei und inkoherent hingeschluderte Liebesgeschichte) einfach abgebrochen werden, andere Momente entpuppen sich im Nachhinein als überflüssig.
Man würde sich nur noch wundern über so viel Schlamperei, wüßte man nicht von der zweijährigen Produktionszeit, und vom heftigen Streit zwischen Regisseur John McTiernan und dem Autor/Produzenten Michael Crichton (auf dessen Vorlage »Schwarze Nebel« der Film zurückgeht). Crichton übernahm Mitte des Drehs das Zepter, und ist für die Nachbearbeitungszeit ebenso verantwortlich, wie für die entsprechende Kostenexplosion (von 200 Mio US-$ ist die Rede).
Was bleibt, ist ein Film, an dem es in der ersten Stunde nicht das Geringste auszusetzen gibt, und der bis zum Ende spannend erzählt – freilich ohne den epischen Atem des Beginns.
Ein letzter Punkt: Was lernt der Held? Auch darin ist Der 13. Krieger höchst klassisch. Wieder einmal geht es darum, ein richtiger Mann zu werden, und zwar dadurch, daß man das Sterben lernt. Hochtragisches Heldentum wird hier zelebriert, wenn Ibn Fahdlan in absolut sicherer Todes-Gewißheit in die Schlacht zieht. Unsterblich, so behauptet der Film, wird einer erst, wenn er bereit ist, zu sterben. Und man muß auch irgendwann aufhören, zu verstehen, und besser
kämpfen, d.h. töten. Mag ja alles sein, aber da zumindest hätte mehr Ironie gutgetan. Zu ernst, elegisch, pathetisch, zu – pardon – faschistoid-todessehnsüchtig ist das inszeniert.
Zwar betont Ibn Fahdlan unermüdlich: »Ich bin kein Krieger«. Doch dem Film geht es am Ende genau darum, ihn zu einem solchen zu machen. Antonio Banderas, in Hollywood ein Star als »Fremder«, der das Vertraute vor allem erotisch herausfordert, muß einmal mehr gezähmt und gebändigt werden. Die
Tatsache, daß das Fremde hier zugleich für Bildung und Hochkultur steht, läßt – ernstgenommen – für Hollywood nichts Gutes ahnen. Aus Autoren sollen Krieger werden.
Und wenn Ahmed Ibn Fahdlan ganz zum Schluß noch einmal als Autor auftritt, der das Hohelied eines toten Kriegers anstimmt, dann ist das vielleicht auch ein – zumindest interessantes – Selbstportrait Michael Crichtons.