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Review

Der Eid

Grimmig und moralisch ambivalent

Eine klagende Tonspur kündet schon im Vorspann kommendes Unheil an. Und auch der Eröff­nungs­text, der in einer Abwand­lung des Hippo­kra­ti­schen Eides an die Verant­wor­tung eines Arztes erinnert, lässt nichts Gutes erahnen. „Vor allem darf ich nicht Gott spielen“, ist unter anderem dort zu lesen. Eine Mahnung, die der aner­kannte Herz­chirurg Finnur (Baltasar Kormákur) schon bald aus den Augen verliert. Einge­führt wird der Mediziner als Perfek­tio­nist, dem keine beruf­liche Heraus­for­de­rung zu heikel ist. Und als Mann, der auch abseits des Kran­ken­hauses Grenzen austestet. Wie ein Beses­sener tritt der passio­nierte Triathlet in die Pedalen seines Rennrads und kämpft darum, neue Rekorde zu erstram­peln. Zu Hause – einem edlen Flach­dachbau aus Beton, Holz und Glas – präsen­tiert er sich als vers­tänd­nis­voller Fami­li­en­vater, der nach Meinung seiner zweiten Ehefrau (Margrét Bjar­na­dóttir) ruhig etwas strenger mit seiner großen Tochter Anna (Hera Hilmar) sein könnte. Als die 18-Jährige, die offen­kundig die Trennung ihrer Eltern noch nicht verwunden hat, mit dem zwie­lich­tigen Dealer Óttar (Gísli Örn Garðarsson) zusam­men­zieht und immer häufiger zu Drogen greift, sieht sich Finnur genötigt, die Beziehung zu beenden. Notfalls mit dras­ti­schen Methoden.

Nach dem spek­ta­kulär bebil­derten Kata­stro­phen-Block­buster  Everest widmet sich der in Island geborene Filme­ma­cher Kormákur einer intimen Thriller-Geschichte, die er in seiner nass­kalten Heimat ansiedelt. Statt großer Effekte steht das Dilemma eines Mannes im Mittel­punkt, dem im Bestreben, seine Tochter zu retten, die Moral abhanden kommt. „Ein Mann sieht rot“ mit ange­zo­gener Hand­bremse. Ohne allzu über­trie­bene Eskapaden, die ähnlich gelagerte Produk­tionen oftmals zu stumpfen Gewalt­pornos machen. Denis Ville­neuves unbe­quemes Hollywood-Debüt Prisoners kommt einem als Vergleichs­werk in den Sinn, da auch Der Eid das Handeln des Prot­ago­nisten proble­ma­ti­siert und den Zuschauer in eine intensiv-bedrü­ckende Atmo­s­phäre hüllt. Ausgeb­li­chene Bilder des winter­li­chen Reykjavík schaffen ein unter­kühltes Klima, das durch die in vielen Szenen vorherr­schende Dunkel­heit noch unbe­hag­li­cher erscheint. Immer mal wieder entfernt sich der Film für kurze Zeit von seiner Haupt­figur, um die raue und zerklüf­tete Land­schaft der Atlan­tik­insel in den Blick zu nehmen. Das Ergebnis sind majes­tä­ti­sche Impres­sionen, in denen der auf seinem Rennrad voran­pre­schende Finnur wie ein kleines, hilfloses Geschöpf erscheint.

Während das Drehbuch, an dem Kormákur ebenfalls beteiligt war, ohne große Eile eine Gewalt­spi­rale lostritt und dabei einige drama­tur­gi­sche Holp­rig­keiten in Kauf nimmt, ragen besonders die Momente heraus, die an der Zivi­li­siert­heit des renom­mierten Medi­zi­ners kratzen. Sein Vorgehen ist unent­schuldbar und mitunter schmerz­lich ziel­strebig. Etwa dann, wenn er seine Fach­kennt­nisse für eine qualvolle Prozedur benutzt, die er überdies erschre­ckend nüchtern erläutert. Gleich­zeitig blitzt aber auch seine Mensch­lich­keit auf. Seine Verun­si­che­rung und sein Hadern mit einer Situation, deren Kontrolle ihm mehr und mehr entgleitet. Als böses Omen erweisen sich rück­bli­ckend die Hinweise auf Finnurs kürzlich verstor­benen Vater, der zwischen den Zeilen als kalt­her­ziger, wahr­schein­lich gewalt­tä­tiger Mann beschrieben wird. Merkmale, die der eigent­lich gesittete Herz­chirurg auf einmal für sich entdeckt. Das, was er angeblich verab­scheut, ist ihm plötzlich recht und billig.

Kormákur, der die Getrie­ben­heit des Arztes glaubhaft trans­por­tiert, legt mit Der Eid ein solides, konse­quent grimmiges und moralisch ambi­va­lentes Thriller-Drama vor, hätte dem Ganzen aber noch mehr Wucht und Dring­lich­keit verleihen können, wenn die Neben­fi­guren etwas komplexer geraten wären. Der unan­ge­passten Anna schenkt der Film zwar einige eindring­liche Augen­blicke. Insgesamt bleibt die 18-Jährige aber in erster Linie ein Funk­ti­ons­cha­rakter, der den Abwärts­strudel des Prot­ago­nisten auslöst. Und auch die zweite Frau des Arztes hätte ein stärkeres Profil verdient gehabt, zumal sie irgend­wann erkennt, dass sich ihr Mann in große Schwie­rig­keiten manövriert hat. Eine Reaktion auf diese erschüt­ternde Entde­ckung wird ihr jedoch größ­ten­teils verwehrt.