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Review

Der Geburtstag

Doppelte und dreifache Melange

Filmszene »Der Geburtstag«
Das »innere Kind« in Sicherheit bringen (Foto: W-film / Friede Clausz)

Doppelte und dreifache Melange

»Vanja lief mit Achilles im Schlepptau mit Volldampf durch den Flur und in ein Zimmer, das vermut­lich das Schlaf­zimmer war und aus dem unmit­telbar darauf ihre exal­tierte Stimme ertönte. Der Gedanke, wieder hinein­zu­gehen und mich an den Küchen­tisch zu setzen, sagte mir nicht sonder­lich zu, so dass ich die Tür zum Bade­zimmer öffnete, sie hinter mir abschloss und einige Minuten reglos stehen blieb. Abschließend wusch ich mir das Gesicht mit kaltem Wasser, trocknete es sorg­fältig mit einem weißen Frot­tee­hand­tuch ab, begegnete im Spiegel meinem sehr finsteren Gesicht, das in einer solchen Frus­tra­tion erstarrt war, dass ich fast erschrak, als ich es sah.«Karl Ove Knausgård, Lieben

Kinder­ge­burts­tage sind der viel­leicht größte Horror, den Eltern mit Klein­kin­dern durch­leben können. Um eine Ahnung von diesem mal subtilen und dann wieder völlig offen­siven Grauen zu erhalten, lohnen sich nicht nur die 45 Seiten über einen Kinder­ge­burtstag in Karl Ove Knaus­gårds »Lieben« (aus seinem Roman­zy­klus »Min Kamp«), sondern seit diesem Donnerstag auch Carlos A. Morellis so über­ra­schend wie subtile filmische Umsetzung des Kinder­ge­burts­tag­themas. Denn dem in Uruguay geborenen Morelli, der 2017 mit seinem Lang­spiel­film­debüt MI MUNDIAL den zweit­größten natio­nalen Box-Office-Erfolg in der Kino­ge­schichte Uruguays erzielte, gelingt in Der Geburtstag ein kleines Kunst­stück. Nicht nur erzählt er souverän und gnadenlos von dem getrennten Paar Matthias (Mark Waschke) und Anna (Anne Ratte-Poll), die trotz gegen­sei­tiger, immer wieder enttäuschter Erwar­tungs­hal­tungen versuchen, ihrem sieben­jäh­rigen Sohn Lukas (Kasimir Brause) einen der üblichen, alle Parteien über­for­dernden Kinder­ge­burtstag auszu­richten, sondern er verwebt sein klas­si­sches »Bezie­hungs­drama« mit klas­si­schen »Film-Noir«-Elementen.

Denn um den Kinder­ge­burtstag und das Bezie­hungs­drama erzählt Morelli auch die Geschichte um ein nach dem Geburtstag nicht abge­holtes Kind, das Matthias versucht am späten Abend seinen Eltern zurück­zu­bringen, dadurch aber einem Spieß­ru­ten­lauf durch die dunklen, verwun­schenen und dann auch verlas­senen Orte Halles an der Saale ausge­setzt wird, ein Spieß­ru­ten­lauf, der ein wenig an Martin Scorseses fast verges­sene Komödie After Hours erinnert, in der ein Program­mierer nach seiner Arbeits­zeit aus den Fugen seines normalen Lebens geworfen wird.

Aus den Fugen wird auch Matthias geworfen. Nicht nur durch ein Halle, das Morellis in Halle geborener Kame­ra­mann Friede Clausz in fantas­ti­schen Schwarz-Weiß-Bildern in einen faszi­nie­renden »Un-Ort« trans­for­miert und wie schon in Nicolette Krebitz' Wild (2016) oder in Norbert Lechners Ente gut! Mädchen allein zu Haus einmal mehr deutlich wird, wie großartig Halle als Drehort funk­tio­nieren kann. Sondern auch durch die verzwei­felte Suche von Matthias und seine düsteren Begeg­nungen, Gespräche und fatalen Fehler im nächt­li­chen Halle, die ihn schließ­lich zu einem neuen Menschen trans­for­mieren werden. Und zwar nicht nur zu einem, der erstmals seine Paar­be­zie­hung versteht, sondern erstmals viel­leicht auch so etwas wie väter­liche Verant­wor­tung nicht nur zu über­nehmen bereit ist, sondern sie in dieser Nacht auch emotional zu spüren gelernt hat.

Damit sind die Toten dieses unge­wöhn­li­chen Hybrids aus Bezie­hungs­drama und »Film Noir« also einmal nicht die Gegenüber, so wie im klas­si­schen »Film Noir«, sondern das erfolg­reich bekämpfte, alte Ich. Ein fast schon klas­si­scher psycho­ana­ly­ti­scher Ansatz, der aus Morellis Geburtstag damit nicht nur eine faszi­nie­rende Reise durch das alte Halle an der Saale, auf einen Kinder­ge­burtstag und in die Tren­nungs­wehen eines Paares macht, sondern darüber hinaus zu einer faszi­nie­renden, höchst symbo­li­schen Reise ins Innere einer geschun­denen und dann neuge­bo­renen Seele ist, die ihr bis dahin verloren geglaubtes, »inneres Kind« endlich in Sicher­heit bringt.