Review
Der Gejagte
Beinahe ist Paul Schrader nun da gelandet, wo er hingehört, beim Western, und zwar dem der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre – Gebrochene Heldenfiguren, langsam denkende Riesen, Männer, die nicht aus ihrer Haut heraus können. Hat John Wayne in Fords The Searchers noch kurz vor dem Finale seines Amoklaufs innegehalten, um vor sich selbst resignierend wieder umzukehren, so sackt Nick Nolte unaufhaltbar in seine Schuld hinein.
Der Schauplatz könnte auch eine Westernstadt sein, stattdessen bleibt Schrader mit seinem Drama diesmal noch in der Gegenwart, im verschneiten Neuengland. Der Roman von Russell Banks als Vorlage paßt perfekt in die Filmographie des Regisseurs, der schon in seinem Drehbuch zu Taxi Driver einen eindrucksvollen Gehetzten geschaffen hat. Heute, über zwanzig Jahre später, rennt wieder ein Mann einer unheilvollen Zukunft entgegen: Der Kleinstadt-Polizist Wade Whitehouse ist vom Glück nicht gerade gesegnet, seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter hat, auch wenn Wade sich sehr um sie bemüht, keine Lust sich mit ihm abzugeben, und in seinem faden Job wird er nicht besonders ernst genommen. Als ein Gewerkschaftsführer bei einem Jagdunfall ums Leben kommt, fängt Wade an, mal richtig Polizist zu spielen, stellt unangenehme Fragen, unterstellt einigen seiner Freunde und Arbeitskollegen schließlich Mord und vermutet eine allgemeine Verschwörung. Immer mehr verrennt sich Wade in diese Idee, gleichzeitig versucht er sein Privatleben endlich in Ordnung zu bringen, wobei sich seine Lage aber zusehends verschlimmert. Er verliert seinen Job, vergrault seine Freundin Margie und verschreckt einmal mehr seine Tochter.
Ausgehend von einer offensichtlichen Kriminalhandlung stapft der Film unbeirrt weiter in eine weit düstere, unübersichtlichere Richtung.
Warum sich Wade so verzweifelt bemüht, alles richtig, alles besser zu machen, erklären Rückblenden in seine Kindheit, in denen ein besoffener Vater die Familie tyrannisiert. Dadurch versteigt sich der Film freilich mit seiner guten alten amerikanischen Vulgärpsychologie zur These von der schicksalhaften Vorbestimmung; Für Wade
gibt es kein Entkommen, seine Entwicklung endet zwangsläufig in einem Gewaltausbruch, wobei Schrader nicht auf ein Fazit über Männergewalt und den Wahn der amerikanischen Männlichkeit verzichten will. Für die warnende Botschaft des Films wurden immerhin ein paar satte Westerngestalten geschaffen mit harten, kantigen Gesichtern: Da ist der grandiose Peckinpah-Veteran James Coburn als der Vater, ein alter Fiesling ohne jedes Schuldbewußtsein, der seine Söhne – »Candy-asses«
nennt er sie – noch wegen ihrer Schlappheit verhöhnt, dann Willem Dafoe als Rolfe Whitehouse, der Sohn, der sich vor seiner brutalen Umgebung zurückzieht und versonnen aus der Distanz zusieht, und schließlich Nick Nolte als tapsiger, unberechenbarer Kraftmensch, dessen Verhalten stets zwischen Herzlichkeit und Bedohung schwankt, und der sich, laut Schrader »nichts so sehr wünscht, als nur ein guter Mensch zu sein.«
Wie gesagt, er sollte Western drehen.