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Review

Der Goldene Handschuh

»Ich liebe dich, jetzt will ich dich ficken«

Kneipen-Treibgut

»Ich liebe dich, jetzt will ich dich ficken«

»›Ich liebe dich, jetzt will ich dich ficken.‹
Was Besseres ist ihm in dem Moment nicht einge­fallen. Helga starrt ihn sprachlos an. Er rupft und zerrt an ihrer Bluse, dass sämtliche Knöpfe wegplatzen und der Büsten­halter gleich mit kaputt ist. Ihre Brüste sind große warme Fladen Dung, die ausein­an­der­fallen. So sehen die also aus. Er hat sich immer vorzu­stellen versucht, wie die wohl aussehen, ausge­packt. So also. Er drückt und quetscht und patscht erregt an ihnen herum. Helga stößt kurze Angst- und Schmer­zens­schreie aus, dann schlägt sie. Sie schlägt nach Fiete, bis der von ihr ablässt. Dann reißt sie sich los und stürzt davon. Fiete ist zu betrunken, um die Verfol­gung aufzu­nehmen.« (Heinz Strunk, »Der goldenen Handschuh«)

Heinz Strunks Roman, »Der goldene Handschuh«, ist ein sinn­li­ches Unter­fangen. Eine Stimme, die direkt im Kopf des Hamburger Frau­en­mörder Fritz Honkas sitzt, gibt sein Innerstes wieder. Wir erfahren, wenn wir das Buch lesen, von seinen Träumen und Sehn­süchten, lesen von einer gebro­chenen Seele, die vergeb­lich versucht, Liebe zu finden. Wir kommen ihm so nah, dass wir ihn fast verstehen können, und sind zugleich so abge­stoßen, dass wir nicht glauben können, was sich da aus den Worten des Romans heraus­schält. Unge­heu­er­lich­keiten, haltlose Monströ­sität. Irgend­wann geben wir die Haupt­figur auf.

Fatih Akin macht sich das leichter. Wo Strunk seinen Roman viel­schichtig anlegt und den frau­en­mor­denden Honka zunächst einmal als sensible Figur zeigt, die verzwei­felt versucht, ein bürger­li­ches Leben ohne Alkohol, aber mit Arbeit und später viel­leicht auch einer Frau zu führen, ist in seinem Film Der goldene Handschuh von Anfang an nur der abstoßende Frau­en­mörder sichtbar. Verur­teilt wird hier ohne Liebe. Es folgt ein ziemlich stupendes Nummern­theater, das sich zwischen dem »Goldenen Handschuh« und der Wohnung von Honka abspielt, mit den immer gleichen Zutaten: Korn und Zorn. Und blutige Teile von Frau­en­lei­chen: Ober­schenkel, Rümpfe. Alles ist auf Schock insze­niert, Akin will die Gewalt zeigen. Scho­nungslos. Auf der Pres­se­kon­fe­renz der Berlinale, wo sein Film Premiere hatte, brüstet er sich damit, er hätte seinen Figuren ihre Würde zurück­ge­geben. Bei all den ober­fläch­li­chen Schau­ef­fekten ist das kaum zu glauben. Und »scho­nungslos« ist hier nur als Platz­halter einge­setzt. Der Film gelangt in keinster Weise zu der horri­fi­zie­renden Wirk­lich­keit, die das Buch durch Worte aufzu­bauen vermag. Es gibt keine retar­die­renden Momente, kein Zögern der Figuren, keine Täuschung, übrig bleibt nur das brachiale Drauf­hauen und das Anstellen des Plat­ten­spie­lers, wo dann Schlager ablaufen, immer das gleiche Lied. Honka verstaut die blutigen Leichen­teile in einem Verschlag in der Wand, und als Running Gag sehen wir bald einen ganzen Wald aus Duft­bäumen wachsen, die die Verwesung über­stinken sollen. Mann, ist das witzig.

»Der goldene Handschuh«, das ist eine Kneipe auf St. Pauli, die mit dem Film jetzt wohl ebenfalls der Gentri­fi­zie­rung anheim fallen wird. Zumindest gibt es sie noch. Hier hat Honka sein Leben verzecht, hat Frauen auf der Suche nach der Liebe aufge­ga­belt, nur die abge­fuck­testen wollen mit ihm mit. In Strunks Roman erfahren wir, wer in diesen geschun­denen Leibern steckt, wer die anderen Knei­pen­be­su­cher sind, und warum hier alle so verzwei­felt und verloren sind, sich am Glas und noch mehr Gläsern fest­halten, um sich besin­nungslos zu betrinken. Es sind die 1970er Jahre, und alle sind irgendwie vom Krieg übrig­ge­blieben, sind späte Kriegs­opfer, die nicht auf die Beine kommen, KZ-Waisen, Hafen­huren der Nach­kriegs­zeit, ein Wehr­machts­soldat ist auch dabei. Die Backwound-Story ist für den »Goldenen Handschuh«, das Lokal, ganz wesent­lich, wenn man kein Kurio­sitä­ten­ka­bi­nett vorführen will.

Akin kann und will das nicht miter­zählen und entscheidet sich fürs Kabinett. Sein Film illus­triert das Buch, als sei es ein Malbuch, das man nur ausmalen müsste. Settings: origi­nal­ge­treu. Figuren: aufge­dunsen und authen­tisch. Honka: mit Pappmaché-Maske. Moment! Es haben sich doch alle auf der Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz gegen­seitig auf die Schulter geklopft, wie gekonnt die Verwand­lung des doch in Wirk­lich­keit so hübschen und so jungen Schau­spie­lers Jonas Dassler in ein entstelltes Monster gelungen sei! In der über­trie­benen Maske liegt jedoch nur Groteske. Der Film-Honka schielt stärker als der echte schielte, die Nase ist noch größer und vernarbter als in Wirk­lich­keit. Hässlich meint hier böse, und weil Honka ein trieb­ge­steu­erter Frau­en­mörder war, ist er als oberböse einzu­stufen, da muss er ja schließ­lich ober­häss­lich sein! Diese gestal­te­ri­sche Abkürzung, die Akin nimmt, ist auch sehr gefähr­lich. Aber nicht nur hier wählt er die Schlag­zeile.

Figu­ren­per­spek­tive: Fehl­an­zeige. Wie in einer Puppen­stube schlachtet Honka in seinem Zimmer die häss­li­chen, unge­wa­schenen Weiber ab. Weder fühlen wir mit den Opfern, noch erschre­cken wir uns vor dem, was wir sehen. Achsel­zu­ckend, wahlweise voyeu­ris­tisch (wie viel zeigt der Film? wie zeigt er es?) gucken wir dem Treiben auf der Leinwand zu.

Auch wenn Heinz Strunk sein Placet gegeben hat und sogar einen kurzen Auftritt in der Kneipe hat, wird man in Akins Verfil­mung mit keiner Unze das stim­mungs­voll-abstoßende Sitten­ge­mälde aus dem Hamburger Hafen­viertel der 70er Jahre entdecken können. Falls man wirklich an einem Honka und seiner mörde­ri­schen Seele inter­es­siert ist, an den langen und schmerz­haften, abgrün­digen Nachwehen des Krieges, mehr von den Herun­ter­ge­kom­menen, Aussor­tierten, Alko­hol­kranken erfahren will, sollte man den Roman lesen. Aber darf man das, an »solchen« Menschen inter­es­siert sein? Muss in Deutsch­land nicht alles Abgrün­dige zur Schen­kel­klopfer-Groteske werden, um rezi­pierbar zu sein? Im Film, so scheint es, ja.