Review
Der große Trip – Wild
39 Sekunden
39 Sekunden
»I’d rather be a forest than a street
Yes I would, if I could, I surely would
I’d rather feel the earth beneath my feet
Yes I would, if I only could, I surely would«
(Simon & Garfunkel, El Condor Pasa)
Die meisten wirklich guten Filme zeichnet aus, dass sie bis ins Detail gut sind. Und man sie gerade deshalb wieder und wieder sehen kann, weil jede Wiederholung eben keine Wiederholung, sondern ein neuer Film ist. Er ist neu, weil selbst die kleinsten Details durch ihren starken Strich zu einem eigenen Gemälde werden.
Das trifft auch auf Jean-Marc Vallées Der große Trip – Wild zu. Wild ist durch Reese Witherspoon eine schauspielerische Labsal, durch Nick Hornbys kongeniale Drehbuchadaption von Cheryl Strayeds Erinnerungen in eine packende Erzählung überführt worden und durch Yves Bélangers Kamera ein faszinierender Trip an den Rand amerikanischer Zivilisation. Wild zeigt aber auch die gelungene Transformation der Generation nach Woodstock, die sich ohne religiöse Rückzugsräume in einem kollabierenden politischen Umfeld ohne nennenswerte Übergangsrituale neue Wege suchen muss, um sich immer wieder neu zu verankern. Für Cheryl (Reese Witherspoon) ist das die Wanderung – ein zwar altes, seit Jahrhunderten weltweit als Pilgern anerkanntes Allheilmittel, doch in Wild erlebt es eine erstaunliche Neuschreibung. In einem zwar jungen, aber bereits gesättigten Genre – man denke nur an die aus fast jedem Blickwinkel in den letzten Jahren entstandenen modernen Pilgerfilme (z.B. Emilio Estevezs Dein Weg, Sean Penns Into the Wild, Coline Serreaus Saint Jacques... Pilgern auf Französisch oder John Currans Spuren) eine erstaunliche Leistung.
Das dürfte vor allem daran liegen, dass Vallées in Wild mehr als die eine Geschichte erzählt. Während Cheryls Wanderung wird angemesses assoziativ, wohl dosiert und perfekt arrangiert über Rückblenden eine weitere Narration eingewoben, in die wiederum eine dritte eingebettet ist. Es ist nicht nur Cheryls Kindheit, Jugend und der durch den frühen Krebstod der mit ihr symbiotisch verbundenen Mutter ausgelöste persönliche Zusammenbruch mit verheerenden Folgen, es ist auch die Geschichte von Cheryls Mutter Bobbi selbst, die zu einem schillernden erzählerischen Kern wird. Sieht man Laura Dern bei ihrer Interpretation dieser Rolle zu, möchte man so wenig in die Gegenwart zurück, wie Cheryl, für die ihre Wanderung auch eine vertrackte Befreiung aus einer an sich emanzipierten Mutter-Tochter-Beziehung ist. Das für Dern seit David Lynchs Blue Velvet (1986) charakteristische Lächeln, bei dem nie ganz klar ist, wo die Grenzen zwischen Ekel und Genuss verlaufen, wird hier zum tief sitzenden Symbol für eine neue Generation intellektueller und doch emotionaler Frauen, die sich zwar aus den alten patriarchalischen Strukturen noch nicht ganz haben lösen können, sich aber so weit davon befreit haben, dass es als Rollenmodell für die nächste Generation reicht. Dern zelebriert diese Transformation nicht, sie ringt sie sich in einer schauspielerischen Wahrhaftigkeit ab, die fasziniert, einen schaudern und schütteln lässt und zugleich tief berührt.
Doch Wild hat noch eine letzte, delikate Überraschung zu bieten, ein letztes Detail, dass es allein schon wert wäre, den Film ein zweites Mal zu sehen. Mit Beginn von Cheryls 1000 Meilen langer Wanderung den legendären Pacific Crest Trail entlang setzt Vallée dezent, aber dennoch präzise ein immer wiederkehrendes musikalische Motiv ein. Für den mit der populären Musik der späten 1960er Vertrauten dürfte schnell klar sein, um welchen Song es sich handelt, doch alle Vertrautheit wird im gleichen Moment negiert, denn was Vallée als spannungssteigerndes musikalisches Motiv immer wieder anspielt, wird mit dieser Verwendung ähnlich neu interpretiert wie Cheryl es mit ihrer Neudefinition des Pilgerns zur völlig persönlichen, intimen »Rite de Passage« tut. Doch auch jene, die Simon & Garfunkels »El Condor Pasa« bis dahin noch nicht gehört haben sollten, dürfte die Verwendung des 39 Sekunden langen Gitarren- und Mandolin-Intros einen faszinierenden Aha-Moment bescheren, wenn »El Condor Pasa« schließlich genau im richtigen Moment um seinen Vokalteil ergänzt wird.