Review
Der Helsinki Effekt
»Kekkonen trinkt unglaublich viel Kaffee«
»Kekkonen trinkt unglaublich viel Kaffee«
Anatomie eines Weltereignisses: Arthur Francks Dokumentarfilm Der Helsinki Effekt über die KSZE-Abschlusskonferenz 1975
Einen Film ohne einen einzigen Drehtag herzustellen, hatte sich der finnische Dokumentarist Arthur Franck im Herbst 2021 vorgenommen. Also begab er sich ins Archiv des staatlichen Fernsehens und sichtete 240 Stunden Material zum größten Ereignis in der jüngeren finnischen Geschichte: dem dreitägigen Abschluss der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die vom 30. Juli bis 1. August 1975 in Helsinki stattfand. Zu sehen sind wartende, rauchende, sich versprechende und gähnende Fernsehkorrespondenten aller Länder – fast durchweg Männer. Das vermittelt viel Zeitkolorit und eine amüsante, plastische Vorstellung von der zeitlichen Dimension der Mammuttagung, der größten seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Die Staatschefs und Außenminister Europas mit Ausnahme von Andorra und Albanien nahmen daran teil, hinzu kamen Kanada und die USA.
Arthur Franck ging es darum, die Schönheit der Diplomatie zu zeigen, wie er sagt: »Der Helsinki Effekt ist ein archivarischer Traum vom Kalten Krieg, bei dem es mehr um Geschichtsschreibung als um Geschichte an sich geht. Im Grunde ist der Film ein atmosphärisches Stimmungsbild, das von den Windmühlen der Geschichte angeheizt wird.« Erlesen schön ist auf jeden Fall auch heute noch der Ort, an dem im Sommer 1975 der Geist von Aufbruch und Versöhnung wehte: Alvar Aaltos Finlandia-Halle im Zentrum Helsinkis. Nähert man sich dem letzten Werk des Architekten zu Fuß von der belebten Hauptstraße Mannerheimmintie aus, wirkt das langgestreckte Konzert- und Kongressgebäude eher zurückhaltend und im besten Sinne demokratisch. Das in Schwarz gehaltene Erdgeschoss staucht den optischen Eindruck, ehe der Blick nach oben geht, zu den Obergeschossen aus weißem Südtiroler Nuvolato-Marmor. Der ursprüngliche Carrara-Marmor hatte sich seit der Fertigstellung des Gebäudes 1971 bereits zweimal wegen der rauhen nordeuropäischen Witterung in unästhetische Falten gelegt. Kommt man jedoch von der Töölö-Bucht auf das Gebäude zu, so wie im Sommer vor fünfzig Jahren die Konferenzteilnehmer wie der breit grinsende Bundeskanzler Helmut Schmidt in ihren Limousinen, ragt das funktionale Bauwerk imposant in die Höhe.
Auch die erlesene Innenausstattung, für die Alvar, Aino und Elissa Aalto jedes Detail persönlich auswählten, steht für den exquisiten finnischen Geschmack. Er ist überall dezent präsent, etwa in U-Bahnhöfen, zahlreichen Art-Déco-Restaurants, Porzellanmanufakturen oder in den auffälligen Säulen des Parlamentsgebäudes – hier erklärte die Republik am 6. Dezember 1917 ihre Unabhängigkeit.
Für das »Finlandiatalo« (Finnlandhaus) entwarfen die Aaltos schwarz-goldene Beistelltischchen in Wolkenform. Lange gewundene Marmorbänder winden sich als Tresen um die luftigen Garderoben, knallrote schmale Sofas verheißen Entspannung. Für die Sessel im Kammermusiksaal mit gut 300 Plätzen wählten die Designer Bezüge in dunklem Beerenrot. Im Parkett sind kreisrunde goldene Deckel eingelassen, unter denen sich profane Steckdosen verbergen. In der Philharmonie mit ihren 1750 Plätzen dominiert das Blauweiß der finnischen Nationalfahne.
Der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1. August 1975 waren 672 Tage Vorarbeit vorausgegangen, auch das zeigt Francks Film detailliert. Auf dem riesigen sechseckigen Tisch waren französische Länderschilder platziert: Westdeutschland beziehungsweise die République Fédérale d‘Allemagne, vertreten durch Bundeskanzler Helmut Schmidt, hatte darauf bestanden, neben der République Démocratique Allemande und damit Erich Honecker zu sitzen. Im üblichen englischen Alphabet hätten Finnland und Frankreich die Deutschen getrennt.
Jahrelang hatte die Sowjetunion ihren kleinen neutralen Nachbarn Finnland zur Abhaltung einer blockübergreifenden Konferenz gedrängt, mit der die in Jalta festgelegten Nachkriegsgrenzen zementiert werden sollten. Finnlands beliebter Präsident Urho Kekkonen – in der Finlandia-Halle mit einem Porträt in Gold verewigt – traf den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew mehrfach zur Vorbereitung, unter anderem in Wladiwostok. »Kekkonen trinkt unglaublich viel Kaffee, und ich bete in Gedanken an Gott um Tee«, wird Breschnew in einem der einstigen Geheimprotokolle zitiert, die Franck einsehen konnte.
Der Running Gag seines Films besteht jedoch darin, dass die Aussagen Breschnews und seines Kontrahenten Henry Kissinger nicht einfach von Sprechern verlesen werden: Der Regisseur ließ durch – im Film angekündigte – Künstliche Intelligenz (Voice AI) die brummigen Stimmen des in der Ukraine geborenen Russen und des fränkischen Amerikaners nachbilden. Mit beiden grimmig-charmanten Herren tritt er in einen fiktiven Dialog. Auch wenn das manchmal allzu flapsig wirkt: Alle Aussagen der beiden Politiker sind belegt, etwa wenn sich US-Außenminister Kissinger mokiert: »Die Konferenz kann niemals mit einem sinnvollen Dokument enden. Von mir aus können sie es in Suaheli schreiben.« In seinen Memoiren »Diplomacy« (1994) revidierte er diese Haltung grundlegend: »Die Europäische Sicherheitskonferenz hatte eine wichtige Doppelrolle zu spielen: In ihrer Planungsphase mäßigte sie das sowjetische Verhalten in Europa, und danach beschleunigte sie den Zusammenbruch des Sowjetimperiums.«
Der titelgebende Schmetterlingseffekt der KSZE-Konferenz entstand vor allem durch den sogenannten dritten Korb, auf den Westeuropa, die USA und Kanada größten Wert legten. In ihm ging es um die Menschenrechte: die Freiheit der Auswanderung sowie Familienzusammenführung, Pressefreiheit und den kulturellen Austausch über Blockgrenzen hinweg. Mit der KSZE-Schlussakte lag erstmals ein Dokument mit verbrieften Rechten vor, auf das sich Dissidenten und Bürgerrechtsbewegungen im Warschauer Pakt berufen konnten, so dass sich überall sogenannte Helsinki-Gruppen bildeten. Das hatte die sowjetische Delegation nicht bedacht. Diese Entwicklung führte zu Bewegungen wie der polnischen Gewerkschaft Solidarność und kulminierte schließlich 1989 im Fall der Berliner Mauer. Dennoch hinderte der Vertrag von Helsinki die Sowjetunion nicht daran, 1980 in Afghanistan einzumarschieren – mit verheerenden Folgen, die bis heute andauern.
Die Metapher des Korbs nimmt Arthur Franck wörtlich, indem er sie mit Basketballszenen unterlegt. Vor allem durch das Footage-Material aus Fernsehstudios, die durch die wochenlange Berichterstattung an ihre Grenzen kamen, gelingt ihm ein lebendiges und witziges Dokument über ein an sich trockenes Thema. Seine Metaphorik des Wörtlich-Nehmens bringt Gläser ins Bild, aus denen Keimlinge wachsen oder allerhand Illustrationen des Begriffs »Détente«, Entspannung. Denn mit Helsinki 1975 ging endgültig der Kalte Krieg zu Ende.
Nach der Unterzeichnung am 1. August 1975 um 17 Uhr gab es Champagner und Erdbeeren aus Suonenjoki. Die finnischen Gastgeber empfanden die Abschlusskonferenz, der zwei vorbereitende vorausgegangen waren, als eine Art Weihnachten im kurzen, ohnehin euphorischen finnischen Sommer. Rund um den kommenden 1. August ist ein großes Jubiläumsfest geplant. Derweil verstärkt Russland seine Militärpräsenz an der geschlossenen, 1340 Kilometer langen Grenze zum NATO-Mitglied Finnland. Es ist die Hoffnung auf den Schmetterlingseffekt, die neben der Musik von Uno Helmersson und Patrik Andrén diesen außergewöhnlich originellen Dokumentarfilm vorantreibt. Fünfzig Jahre später erscheint sie nötiger denn je.