Review
Der Informant!
Money, Lies and Audiotape
Money, Lies and Audiotape
Seit Ausbruch der Finanzkrise wird von allen Seiten munter darüber spekuliert, wie es dazu kommen konnte, dass sich Milliardenwerte in Luft auflösen und riesige Konzerne wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Besonders beliebt ist in diesem Zusammenhang, einem bzw. dem »System« die Schuld zu geben. Abhängig davon, wer eine Erklärung (und damit Abhilfe) für die Krise bietet, wird etwa das System der Bonuszahlungen oder das System der Großbanken oder das Zinssystem oder gleich unser gesamtes Wirtschaftssystem, das man gemeinhin als Kapitalismus bezeichnet, für die vorliegenden Missstände verantwortlich gemacht (ohne den Film gesehen zu haben, kann man davon ausgehen, dass das neueste Werk von Michael Moore Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte auf eine solche Systemkritik hinausläuft).
Einen interessanten Kontrast zu all diesen Theorien vom Systemfehler als hauptverantwortlicher Ursache des finanziellen Desasters stellt eines der markantesten Ereignisse dieser Krise, der Fall des Bernard »Bernie« Madoff, dar. Mag sein Handeln auch durch bestimmte Strukturen und Systeme ermöglicht und erleichtert worden sein, so war es letztlich doch vor allem seine kriminelle Energie, sein Größenwahn, seine aberwitzigen Lügen und Scharaden, seine bedingungslose Verfolgung einer (fixen) Idee, die einen Schaden jenseits der 50 Milliarden Dollar verursachte.
Bereits in der sehenswerten Doku Enron – The Smartest Guys in the Room konnte man sehen, dass hinter vielen vermeintlich hochkomplexen, undurchschaubaren, unbeherrschbaren, abstrakten Mechanismen (und ihren daraus folgenden Katastrophen) das unvorstellbar profane und primitive Handeln einzelner Personen steckt (dasselbe leistet auch Errol Morris' Doku Standard Operating Procedure, der hinter den Gefangenenmisshandlungen in Abu-Ghraib weniger die »politischen Katastrophe« oder gar ein philosophisches »Böses«, sondern vielmehr die – nicht weniger erschreckende – Banalität von persönlichen Befindlichkeiten und Gestörtheit aufzeigt). Einen solchen menschlichen Faktor bzw. solches menschliches Versagen nimmt sich auch Steven Soderbergh in seinem zwischen Posse und Satire angesiedelten Film Der Informant! zum Inhalt.
Hier ist es die (mehr oder minder) wahre Geschichte von Mark Whitacre (mit sichtlichem Vergnügen von Matt Damon gespielt), dem leitenden Angestellten einer Mais verarbeitenden Firma, der im Rahmen seiner ausufernden Betrügereien zwischen seinen Arbeitgeber und das FBI, welche er in gleicher Weise anlügt und gegeneinander ausspielt, gerät. Wie und was Whitacre derart zusammenlügt, wie seine Umwelt darauf reagiert und was er damit erreicht, lässt nicht nur die Protagonisten im Film, sondern auch den Zuschauer im Saal immer wieder mit ungläubigem Blick und weit geöffnetem Mund zurück.
Whitacre ist das, was man neuerdings als Mini-Madoff bezeichnet. Zwar sind die Beträge, die er bis zum Ende seiner »Karriere« ergaunert hat, im Vergleich zum großen Madoff nur Peanuts. Hinsichtlich ihrer Verblendung und ihren diffusen Motiven sind die beiden aber Brüder im Geiste. Während die Leben weiterer Seelenverwandter in Owning Mahowny als Grundlage für eine stilles Drama und in Fargo für eine existenzielle, tiefschwarze Komödie dienten, wählt Soderbergh für seine Darstellung eines in Lügen gefangenen Menschen das Format der bunten Satire.
Durch seine schlafwandlerische Sicherheit im Umgang mit Stilen und Stilmitteln gelingt es ihm, eine bizarre Welt zu schaffen, die wie das Amerika der frühen 1990er Jahre (in dem der Film spielt) durch den Filter einer 1970er Jahre Fernsehserie wirkt. Das passt erstaunlich gut und führt zu einem (wortwörtlich) zeitlosen Hintergrund, für diese universell gültige Geschichte. Verantwortlich für den ganz speziellen Touch des Films sind vor allem die Kameraarbeit, die Soderbergh unter dem Pseudonym Peter Andrews einmal mehr selber übernimmt und die munter swingende Musik des Altmeisters Marvin Hamlisch. Oft reicht schon eine seiner flotten Melodien aus, um das meist gar nicht explizit lustige Treiben der Agenten, Manager und Anwälte zu kontrastieren und es so als weitgehend lächerlich zu entlarven.
Diesem Prinzip der leichten Überhöhung und unmerklichen Dissonanz folgt der Humor des gesamten Films. Im Gegensatz zum thematisch verwandten Burn After Reading der Coen-Brüder, in dem stellenweise zu dick aufgetragen wird, woraufhin der Film (vor allem seine Figuren) ins Kasperl- und Klamaukhafte abgleiten, betreibt Soderbergh die Ironisierung in Der Informant! bedeutend diskreter (man könnte auch sagen: perfider). Als scheinbar paradoxes Ergebnis dieser Taktik verlässt man als Zuschauer das Kino mit dem Gefühl einen äußerst lustigen Film gesehen zu haben, obwohl man während der Vorstellung keine fünf Mal richtig gelacht hat.
Damit ein solcher Humor funktioniert, bedarf es zwangsläufig darstellerischer Leistungen, die dieses sich immer knapp neben der Spur bewegen glaubhaft zum Leben erwecken. Mit einem weitgehend unbekannten Ensemble gelingt dies hier bis hinab zur kleinsten Nebenrolle, womit Soderbergh erneut sein Talent bei der Besetzung und Schauspielführung unter Beweis stellt. Seine Filme wirken schauspielerisch immer wie aus einem Guss, egal ob er sie in absurdem Ausmaß mit Superstars voll stopft (siehe Ocean’s 13) oder ob er nahezu vollkommen auf große Namen verzichtet (siehe Che oder eben hier).
Angesichts der insgesamt eher subtilen Machart von Der Informant! verwundert es nicht, dass auch alle kritischen Ansätze auf einer zurückhaltenden, deswegen aber nicht weniger gültigen Ebene bleiben. Die multinationalen Konzerne im Allgemeinen und die Lebensmittelindustrie im Speziellen werden nicht als ungreifbare Institutionen mit dem Charakter der apokalyptischen Reiter dargestellt, das FBI (als Vertreter des Staats) ist kein paranoides,
all- und eigenmächtiges Überwachungsorgan.
Soderbergh zeigt vielmehr, dass es letzten Endes vor allem das System Mensch ist, das äußerst anfällig für Schwächen, Fehler, (Selbst)Täuschung und Dummheit ist.