Review
Der Krieger und die Kaiserin
Wenn Sissi geht, dann blitzen ihre weißen Schenkel unter dem groben Kleid hervor. Dann hat sie die Hand abgespreizt, als würde sie sich durch die Welt tasten. Wie in Trance, so scheint es, aber mehr noch hat sie einen Sensor ausgefahren, der sie durch die Welt führt. Sissi ist keine Winterschläferin, sie ist hellwach. Wenn sie zu Beginn des Films in der Irrenanstalt einem Blindem einen Eiswürfel über den Arm gleiten läßt, dann geht es um den körperlichen Zustand der Gänsehaut, um das aufmerksame Fühlen und um die Sensoren der Haut.
Wenn Sissi geht, dann gibt sie dem Film seinen Atem. Ihr Gehen, der Rhythmus der Kaiserin, treibt die Handlung voran. Der Film steht still, als das Atmen, das Gehen von Sissi aussetzt, sie von einem Tankwagen überfahren wird. Die Kamera verharrt auf ihrem Gesicht, der Ton kriecht in ihre Gedanken hinein, und erst wenn Bodo, der Krieger, ihr das Messer in die Luftröhre rammt und Sissi wieder atmen kann, setzt sich der Film wieder in Bewegung.
Der Krieger und die Kaiserin ist ein langsamer Film. Er nimmt sich Zeit, die Figuren zueinander zu führen, die Geschichten hinter den Figuren zu erzählen. An der Kreuzungsstelle der Handlung jedoch, kurz vor dem Moment, an dem sich die Bewegungslinien, die Lebenslinien von Krieger und Kaiserin treffen werden, beschleunigt sich der Film. Bodo rennt, rennt vor seinen Verfolgern davon und springt auf einen Tankwagen. Die das Bild dominierende Farbe ist das Rot, die Signalfarbe von Tempo und Beschleunigung.
Und wie in Lola rennt führt Tykwer auch hier die Handlungsverkettung vor, zeigt, daß die Geschehnisse im Leben eine Abfolge von Ereignissen ist, die nicht geplant sein kann, die sich aber auch nicht zufällig ergibt. Der Krieger und die Kaiserin, das sind nicht allein die Protagonisten einer Liebesgeschichte, das sind für Tykwer vor allem Spielfiguren, die er über das große Schachbrett des Films verschiebt, um die große Frage aufzuwerfen, die spätestens seit Lola rennt das Zentrum seiner Filme bildet: Was steht über allem, über der Geschichte des Films, über dem Leben? Ist es der Zufall? Ist es das Schicksal?
Tykwer kann hier auf das formale Spiel verzichten und über den Film die Überzeugung setzen, die er gefunden zu haben scheint: Das Leben verkettet sich, alles hängt miteinander zusammen, die Vergangenheit mit der Gegenwart, die Gegenwart mit dem, was passieren wird. Die Frage des »Was wäre gewesen, wenn?«, die Tykwer von Lola durchlaufen ließ, war für ihn nie nur exercice de style, sondern deklinierte das Schicksal im Zeichen der Zufälligkeit durch. Um zu sehen: das Schicksal bildet immer den Zufall ab. Und wirft dabei immer den Tod auf, das Sterben, das allem ein Ende setzen kann. Die Möglichkeit des Sterbens, das Ankommen im metaphysischen Raum stellt wie schon bei Lola rennt die Zäsuren im Ablauf des Films, Nullpunkte, von denen aus die Figuren wieder neu agieren können. Das Spiel ist nie aus, aber es liegt auch nicht alles in der Hand der Figuren. Die Chance, die ist immer auch von einer höheren Macht vorgegeben. Und die höhere Macht, das ist der schicksalhafte Zufall. Das ist Metaphysik, existentialistisch gedeutet.
Und so ist es zwar ein Zufall (oder eben schicksalhaft gefügt), daß Sissi sich in der Bank aufhält, als der Bankraub des Kriegers schiefläuft. Aber es ist kein Spiel von Liebe und Zufall, wenn sie in die Geschehnisse eingreift, sie dem Sicherheitsbeamten sagt: »Das geht jetzt nicht. Das ist nicht der Plan«, ihm die Pistole abnimmt. Sie wird hier zu einer Figur, die über den Ereignissen, über dem Film steht. Ihr Handeln begleitet das Wollen, und das liegt jenseits der Passivität einer Figur, die Schicksal und Zufall unterliegt. Wenn sie sagt: »Das ist nicht der Plan«, dann sagt sie, ich will diese Wendung der Handlung nicht. Ich bin die Kaiserin, und ich will den Krieger.
In Tykwers Film fügt sich alles. Nicht nur die Lebenslinien der Figuren, die endlich zueinanderfinden. Tykwer scheut nie, auch noch das letzte Detail der Handlung in das große Ganze einzupassen. So wie das Amulett, das Sissi für ihre Freundin aus der Bank holt. Es trägt das Foto einer Frau, und Bodo sagt: »Ich kenn diese Frau. Ich hab sie beerdigt.« Tykwer reizt hier das Drehbuch bis zum Äußersten, bis zum gerade noch Erträglichen. Aber er forciert dabei eines: Das Zusammentreffen von Ereignissen, das mehr ist als Zufälligkeit. Das ist die harte Kontingenz des Märchens, in dem der Zufall Notwendigkeit ist in einem in sich geschlossenen Universum. Hier reduziert sich die Wirklichkeit auf das Eindeutige, auf das Typenhafte. Der Krieger, das ist einer, der eine innere Verwundung in sich trägt, nicht das Trauma von Vietnam, sondern das Tankstellentrauma. Und die Kaiserin der Psychatrie wird ihm helfen, das Trauma zu überwinden. Die Kaiserin wird mit ihren Eiswürfeln das Feuer des Kriegers löschen.
Diese Naivität der Erzählung spiegelt sich in der Einfachheit, mit der sich der Film artikuliert. Nicht nur das Reden der Figuren ist von einer Direktheit geprägt, das sagt, was es meint, um von der Oberfäche der Sprache aus in die Dinge hineinzuforschen. Auch die Filmsprache, die die Symbole der Handlung klar einander zuordnet, garantiert den Blick in die tiefe Verflechtung der Figuren, die da gemeint ist. Es mag stören, daß der Film nichts offen läßt, daß er alles beendet, alles schließt. Aber es soll nicht vergessen werden: auch Lola rennt hatte in seiner Offenheit immer schon den geschlossenen Horizont vor Augen. Das wiederholte Erzählen, das Noch einmal! ist der Drang, die Wirklichkeit zu umschließen, sie zu erfassen, in der Ganzheit ihrer Möglichkeiten. Und diesmal hat sich Tykwer von vornherein entschieden. Für das Ganze und Vollständige. Für ein Märchen.