Review
Der Magier im Kreml
Die Erfindung der Macht
Die Erfindung der Macht
Olivier Assayas zeigt, wie aus Inszenierung Herrschaft wird – und wie ein System aus Angst, Terror und Erzählung seine eigenen Schöpfer verschlingt
Writing this, I’m reminded that until I was quite old I too adhered to the romantic cult of madness. I got over it, thank God. Experience has taught me that this particular form of romanticism is pure stupidity, and that madness is the saddest, most dismal thing on earth.
– Emmanuel Carrère, Limonov: The Outrageous Adventures of the Radical Soviet Poet Who Became a Bum in New York, a Sensation in France, and a Political Antihero in Russia
Es beginnt nicht mit Macht. Es beginnt mit einem Vakuum. Mit einem Land, das sich selbst nicht mehr versteht, und mit Männern, die glauben, genau darin ihre Chance zu erkennen. Der Magier im Kreml von Olivier Assayas ist kein Film über Wladimir Putin im engeren Sinne. Es ist ein Film über die Erfindung von Macht und über jene, die glauben, sie kontrollieren zu können, bis sie selbst Teil ihrer Illusion werden.
Assayas, der schon in Carlos gezeigt hat, wie politische Biografien zu fiebrigen Zeitporträts werden können, nähert sich in der Magier im Kreml allerdings einem deutlich diffuseren Stoff. Gemeinsam mit Emmanuel Carrère – dessen Blick auf Figuren wie Eduard Limonow immer auch ein Blick in moralische Abgründe ist – hat er ein Drehbuch entwickelt, das weniger erzählt als umkreist. Wahrheit ist hier nie stabil, sondern ein Effekt von Inszenierung.
Im Zentrum steht Wadim Baranow, gespielt von Paul Dano, ein Mann, der aus dem postsowjetischen Chaos heraus nicht einfach Karriere macht, sondern eine Bühne baut, auf der die Realität selbst zur Show wird. Dass Baranow unverkennbar an Wladislaw Surkow erinnert, der bis heute in Russland lebt, ist kein Zufall. Er ist der „Magier“, der glaubt, Narrative kontrollieren zu können, bis sie beginnen, sich zu verselbständigen.
Jude Law als Putin ist dabei eine der großen Überraschungen des Films. Nicht, weil er imitiert, sondern weil er eine Leerstelle spielt, eine Projektionsfläche. Sein Putin ist weniger Figur als Funktion: sie ist eine so subtile wie plumpe Verdichtung von Macht, die sich aus der Schwäche anderer speist. Damit wird die bekannte Ikonografie von Macht klug unterlaufen und stattdessen gezeigt, wie sehr Macht von denen abhängt, die sie ermöglichen.
Dass der Film auf dem Roman von Giuliano da Empoli basiert, ist spürbar, allerdings nicht als bloße Adaption, sondern als intellektuelles Gerüst. Die Idee vom „Zaren“ und seinem „Rasputin“ ist hier nicht historisches Zitat, sondern Diagnose: Kein Despot regiert allein. Immer gibt es jene, die ihn erfinden, fördern, legitimieren. Und die sich dabei täuschen. Denn irgendwann kippt das Verhältnis. Der Instrumentalisierte entwickelt Eigenmacht; der Strippenzieher wird zum Statisten seiner eigenen Inszenierung.
Assayas Adaption ist am stärksten, wenn er genau diese Verschiebungen zeigt: die feinen, fast unsichtbaren Momente, in denen Kontrolle in Kontrollverlust umschlägt. Wenn Baranow erkennt, dass sein System nicht nur manipuliert, sondern sich selbst reproduziert; dass Wahrheit und Lüge nicht mehr zu unterscheiden sind, weil beides Teil derselben Dramaturgie geworden ist.
Dennoch ist Der Magier im Kreml kein pessimistischer, kein nihilistischer Film. Dafür ist er zu klar, hat er viel eher etwas von der kristallklaren, gnadenlosen Hellsicht von Hans Christian Andersens Schneeönigin. Er zeigt, dass der Traum von einem freien Russland nicht nur von oben zerstört wurde, sondern auch von unten; von einer Gesellschaft, in der Freiheit selbst zum Skandal wurde, zur Überforderung, zum Anlass für einen neuen autoritären Reflex, der dem Wahnsinn der Freiheit endlich ein Ende setzen sollte. In einem der bittersten Momente des Films wird das Volk zum eigentlichen Diktator, zum Resonanzraum für jene Macht, die es zugleich beklagt.
Formal bleibt Assayas dabei kontrolliert und kühl. Die Bilder vermeiden Pathos, sie setzen stattdessen auf eine stetige Verdichtung von Atmosphäre. Dass alle Schauspieler Englisch sprechen (eine der unausweichlichen Produktionsbedingungen, mehr in unserem Interview mit Olivier Assayas), hätte leicht zur Künstlichkeit führen und aufgesetzt wirken können, funktioniert hier aber dann sehr gut als bewusste Distanzierung, denn diese Geschichte ist nun einmal nicht nur russisch, sondern sie ist universell lesbar.
Nicht alles, was hier erzählt wird, trägt jedoch über die volle Laufzeit. Mit 154 Minuten ist der Film immer wieder spürbar zu lang, einige Dialoge wiederholen, was längst sichtbar geworden ist. Hier hätte eine Straffung gutgetan. Nicht um die Komplexität zu reduzieren, sondern um ihre Wirkung zu schärfen.
Trotzdem ist Der Magier im Kreml ein bemerkenswert präziser, kluger Film. Einer, der Politik nicht als Abfolge von Ereignissen versteht, sondern als ästhetisches System. Als Spiel. Als letzten Spaß, wie es einmal heißt. Und genau darin liegt seine beunruhigende Wahrheit. Denn was Assayas Ende zeigt, ist vielleicht das Unangenehmste, das Perfideste und das Hoffnungsloseste, was sich angesichts unserer gegenwärtigen weltweiten politischen Dissonanzen überhaupt sagen lässt: Macht kommt nicht nur von oben, sondern sie entsteht aus einem Zusammenspiel von Sehnsüchten, Projektionen und Erzählungen, die auch zur Folgen haben, dass diejenigen, die glauben, sie zu kontrollieren, oft nur ihre ersten Opfer sind.