Review
Der Nachtmahr
Die nächtlichen Paradiese
Die nächtlichen Paradiese
Nachts beginnt der Spuk: Eine Party, wie jeden Samstag für Tina. Tanzen, Trinken, Drogen und Jungs. Nicht außergewöhnlich und gar nicht so exzessiv. Aber die Nacht ist der 17-jährigen vertrauter, sie scheint ein tröstenderer Zustand als der Tag mit seiner Ordnung und seinen Forderungen. Die Nacht lässt geschehen, sie macht alle gleich.
Doch plötzlich wird sie anders, plötzlich passiert etwas: Am Abend einer schon fortgeschrittenen Party, irgendwo am Rand der Stadt, in einem von Wald umgebenen Garten entdeckt Tina ein Wesen, das ihr von nun an nicht mehr wirklich von der Seite weicht.
Es ist klein, hat nackte, gräuliche Haut, keine Haare, aber große Ohren und Augen. Es wirkt nicht richtig bedrohlich, aber Vertrauen erweckt es auch nicht gerade – entfernt ähnelt es einem berühmten Bild von Johann Heinrich Füssli: »Der Nachtalb«, das von anderen Künstlern variiert wurde, und das bereits Ken Russell 1986 in seinem großartigen schwarzromantischen Period-Drama Gothic inspiriert hat.
Zuerst reagiert sie mit reiner Panik. Doch irgendwann gewöhnt sie sich an die merkwürdige Kreatur, und schöpft Vertrauen. Zumal sie dauernd auftaucht, an den merkwürdigsten, unerwartetsten Plätzen. Zum Beispiel im Kühlschrank des Elternhauses.
Dumm nur: Niemand außer Tina sieht dieses Wesen. Also muss sie wohl verrückt sein, oder?
Man kann das so sehen, und wer eine rationalistische Erklärung bevorzugt, vielleicht beruhigender findet, der wird sagen: Vielleicht hat Tina auf der Party die falschen Drogen eingeworfen und kommt von ihrem Trip nicht mehr runter. Oder hat sie Liebeskummer? Abistress? Andere Probleme?
Ihre Freunde gehen auf Distanz, die Eltern verordnen ihr eine Psychotherapie – doch gerade der Therapeut legt Tina nahe, sich auf den Nachtmahr einzulassen.
Dieser Film ist eine Achterbahnfahrt: Sie führt durch die Techno-Clubcultur von Berlin und Umgebung hinein in die Psyche eines jungen Mädchens.
Akiz – so nennt sich der Berliner Video- und Film-Künstler, der mit bürgerlichem Namen Achim Bornhak heißt. Akiz, der auch als DJ in der Techno-Szene arbeitet, hat bereits mehrere Fernsehfilme und unter seinem eigentlichen Namen das Uschi-Obermeier-Biopic Das wilde Leben gedreht. Akiz lässt die psychischen Kämpfe Tinas offen. Er nimmt hingegen die Phantasie ernst. So werden die Reaktionen der Familie schauerlicher als die Kreatur, die Tina heimsucht.
Der Nachtmahr ist ein toller Kinofilm. Es ist auch ein großer Auftritt für Carolyn Genzkow in der zentralen Rolle der Tina. Dies ist ein Horrorfilm, der den Horror – wie alle guten Vertreter des Genres, inmitten der Gegenwart und Gesellschaft ansiedelt. Erschrecken kann man hier über sich selbst.
Dieser bemerkenswerte Film ist also ein seltenes Beispiel ernstzunehmenden deutschen Genrekinos und Horrorfilms, zugleich ein unverhohlener Rückgriff auf die Tradition der Schwarzen Romantik in Deutschland, die von den Märchen der Grimms und Hauffs über die Novellen E.T.A Hoffmanns bis zur Malerei Böcklins und den Filmen Murnaus reicht.
Wie aktualisiert man diese Erfahrungen für die Clubber-Generation und ihre Eltern? Akiz belegt, wie es gehen könnte: Indem man Erfahrungen, auch welche der Transzendenz, der »Bewusstseinserweiterung« ernst nimmt, nicht abtut.
In prachtvollen Grau und Blautönen ist dies auch ein gelungenes Portrait der Jugendszenen, der Clubs, ihrer Musik, ihres Driftens. Man versteht, dass junge Menschen in diese nächtlichen Paradiese nicht zuletzt deshalb eintauchen, weil sie sich in ihnen geborgener fühlen, weil sie entspannter sind, als die Tagwelt, deren Effizienz- und Verwertungszwängen sie entzogen sind.
Horror, das ist Exzess, Spiel mit der Wirklichkeit. Beim Konflikt zwischen dem, was er zeigt, und dem, was er verbirgt, entscheidet sich Regisseur Akiz für letzteres. Das macht den Film konsumierbarer. Der größte Teil des Schreckens bleibt hier der Vorstellung des Zuschauers überlassen.
Zugleich ist dies eine in Form und Inhalt stimmige Fabel des Erwachsenwerden, ein Film der Freiheit.