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Review

Der Rausch

Der optimale Pegel

Filmszene »Der Rausch«
Alles bestens unter Kontrolle... (Foto: Weltkino)

Der optimale Pegel

Durch Thomas Vinterbergs wahrlich rauschhaften und preisgekrönten Film weht auch ein Hauch von Dogma-Geist

Vor rund 20 Jahren stellte der norwe­gi­sche Philosoph und Psycho­loge Finn Skårderud die steile These auf, dass der Mensch mit einem Alko­hol­de­fizit zur Welt kommt. Ein Pegel von 0,5 Promille sei eigent­lich das Optimum. Diesen solle man nach Möglich­keit konstant halten. Das Ergebnis seien ein höheres Selbst­be­wusst­sein sowie mehr Musi­ka­lität, Ausge­gli­chen­heit und Mut.

Diese These stellt der Psycho­lo­gie­lehrer Nikolaj (Magnus Milang) auf der Feier zu seinem vier­zigsten Geburtstag seinen Freunden, dem Geschichts­lehrer Martin (Mads Mikkelsen), dem Sport­lehrer Tommy (Thomas Bo Larsen) und dem Musik­lehrer Peter (Lars Ranthe) vor. Alle vier sind von ihrem Beruf mitt­ler­weile ziemlich desil­lu­sio­niert. Schon lange fehlt ihnen der alte Schwung. Wegen Martin wurde sogar schon eine Schul­kon­fe­renz einbe­rufen, weil sich seine Schüler von ihm nicht gut auf die Abschluss­prü­fung vorbe­reitet fühlen.

Martin ist auch der Erste, der auspro­biert, wie sich Skår­de­ruds These in der Praxis bewährt. In der Toilette der Schule holt er einen Flachmann heraus und geht anschließend deutlich beschwingt in den Unter­richt. Dieser läuft daraufhin so gut wie schon lange nicht mehr. Kurzer­hand beschließen die vier Freunde, ab sofort konstant einen Pegel von 0,5 Promille zu halten – aller­dings ganz nach Hemingway nur unter der Woche und nur bis 20 Uhr. Und da es sich hierbei schließ­lich um ein ernst­haftes Expe­ri­ment handelt, werden die aktuellen Pegel­stände regel­mäßig gemessen und deren Effekte fein säuber­lich proto­kol­liert. Ziel ist eine »optimale profes­sio­nelle und soziale Leis­tungs­fähig­keit«.

Der Rausch gewinnt sein Publikum durch die Darstel­lung einer etwas anderen Form der Selb­st­op­ti­mie­rung: den kontrol­lierten Kontroll­ver­lust. Es ist schon sehr lustig, wenn die vier Prot­ago­nisten in Der Rausch immer wieder in ihre Röhrchen blasen und anschließend auf einer schwarzen Leinwand die kleinen weißen Ziffern mit den empor­schnel­lenden Alko­hol­pe­geln erscheinen. Dabei nehmen die Werte im Verlauf der Handlung immer weiter zu. Denn in Phase 2 des Expe­ri­ments werden indi­vi­du­elle Pegel und in Phase 3 gar der maximale Pegel als Ziel­vor­gabe verein­bart.

Die Geschichte, die Thomas Vinter­berg und sein Co-Autor Tobias Lindholm erzählen, mutet über weite Strecken wie eine einzige Lobprei­sung auf die wohl­tu­enden Wirkungen des Alkohols an. Plötzlich sprühen alle vier Freunde im Unter­richt nur so vor neuem Elan und vor kreativen Ideen. Dabei thema­ti­siert Martin gerne auch die scheinbar wichtige Rolle seines neuent­deckten Wunder­mit­tels. Churchill, Hemingway und andere promi­nente Figuren der Geschichte waren alle große Trinker. Nur Hitler war ein Absti­nenzler. Ein Schelm, wer daraus irgend­welche weiter­rei­chenden Schlüsse zieht...

Auch Martins schon lange einge­schla­fene Ehe erwacht nun zu neuem Leben. Denn Martin ist seiner Frau Anika (Maria Bonnevie) auf einmal wieder zugewandt. Plötzlich ist er spontan und über­rascht Anika mit neuen Ideen wie einem Kanu­ur­laub mit den beiden Söhnen. Dabei hält seine gehobene Stimmung und neue Leiden­schaft auch während der absti­nenten Zeiten an. Er scheint alles bestens unter Kontrolle zu haben.

Thomas Vinter­berg wurde 1998 mit dem Dogma 95-Film Das Fest inter­na­tional bekannt und ein Hauch von Dogma-Geist weht auch durch Der Rausch. Zu diesem zählt die wilde Kame­ra­ar­beit von Sturla Brandth Grøvlen zu Beginn des Films, als der feucht­fröh­liche tradi­tio­nelle Bier­kas­ten­lauf einer Gruppe von Schülern um einen See gezeigt wird. Und dann spielt sich ein großer Teil der Handlung in schumm­rigen Innen­räumen ohne künst­liche Beleuch­tung ab. In diesen heben sich die Prot­ago­nisten teilweise wie Sche­ren­schnitte gegen das aus Fenstern ins Innere strömende Licht ab.

Im letzten Drittel von Der Rausch kippt jedoch die Stimmung und es werden auch die negativen Auswir­kungen eines fort­ge­setzten Alko­hol­kon­sums gezeigt. Schließ­lich wird es sogar richtig tragisch. Doch weit davon entfernt zu mora­li­sieren, schlagen Vinter­berg und Lindholm ganz zum Schluss noch einmal eine Volte und präsen­tieren die Freunde erneut in ange­hei­terter Stimmung. Martin wird sogar richtig ausge­lassen und zeigt, weshalb er früher als ein so guter Tänzer galt. Seine vorge­führten Kunst­stücke gipfeln in einem stil­echten Abgang in das Hafen­be­cken.

Somit gelingt Thomas Vinter­berg ein wahrlich rausch­hafter Film, auf den inzwi­schen ein fast ebenso rausch­hafter Verkauf an Kino­karten und ein Preis­segen aus Oscar, British Academy Film Award und Euro­päi­schem Filmpreis nieder­ging. Der Rausch ist eine wahre Ode an das Leben. Das ist umso bemer­kens­werter, als die Dreh­ar­beiten von dem Unfalltod von Vinter­bergs ältester Tochter Ida über­schattet wurden, die ursprüng­lich eine der Schü­le­rinnen spielen sollte.