Review
Der schlimmste Mensch der Welt
Liebe, Leben, Lorelei
Liebe, Leben, Lorelei
Joachim Triers Liebes- und Lebensfindungsfilm ist nicht nur eine verspielte Neuerfindung der romantischen Komödie, sondern auch einer der zärtlichsten und klügsten Filme der letzten Monate
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.
– Heinrich Heine, Die Lore-Ley
Wenn man nicht wüsste, dass das alles eine Folge des florierenden und intelligent geförderten Kinder- und Jugendfilmbereichs in Skandinavien ist, könnte einem beim gegenwärtigen Erfolg des skandinavischen Films schon etwas mulmig werden, und das nicht nur im Vergleich zum deutschen (Kinder-) Film. Letztes Jahr hat Thomas Vinterbergs Der Rausch alles abgeräumt, dieses Jahr sieht es nach dem Sieg von Ruben Östlunds Triangle of Sadness in Cannes nicht viel anders aus. In der Wettbewerbs-Jury von Cannes saß dieses Jahr übrigens auch Joachim Trier, der 2021 mit seinem Film Der schlimmste Mensch der Welt das an Preisen abräumte, was Der Rausch übrig ließ. Was immer noch genug war.
Und das dann auch noch zu Recht. Denn was Trier, der übrigens nur ganz weit entfernt mit Lars von Trier verwandt ist, mit dem Abschluss seiner Oslo-Trilogie leistet, ist erzählerisch so kluges wie bewegendes, ganz und gar großartiges Kino. Allerdings war das nach den ersten beiden Teilen, Auf Anfang (2006) und Oslo, 31. August (2011), noch nicht so recht absehbar. Zwar hatte auch hier Eskil Vogt mit am Drehbuch geschrieben, Vogt, der erst letztes Jahr mit dem beeindruckenden Horror-Thriller The Innocents auch als Regisseur auf sich aufmerksam machte. Und wie Verdens verste menneske handeln auch die ersten beiden Filme, ohne dabei inhaltlich miteinander verknüpft zu sein, von jungen Menschen in einer nicht enden wollenden Lebens- und Liebeskrise, in der es mal um die Literatur (und künstlerischen Ausdruck an sich) und mal um die Vergangenheit und ihre Schatten durch Familie und Freunde geht. Und natürlich auch um die Demaskierung von systemimmanenten Lügen wie in seinem Isabelle Huppert-Film Louder Than Bombs (2015), die durch gezielte Rede- und Wahrheitskonfrontation, ganz im Sinne eines anderen, großen Skandinaviers, Karl Ove Knausgård, erreicht wird.
Diese inhaltlichen Fokussierungen hat alle auch Triers neuer Film. Dennoch ist hier vieles anders in dieser Geschichte über die 30-jährige Julie (Renate Reinsve), die mit Aksel (Anders Danielsen Lie), einem 44-jährigen Underground-Comic-Autor, zusammenkommt. Während er immer berühmter wird, arbeitet sie weiterhin in einer Buchhandlung und versucht sich an identitäts-suchenden Artikeln für avantgardistische Online-Magazine. Dann lernt sie auf einer Party den jungen und energetischen Eivind (Herbert Nordrum) kennen und die Perspektiven beginnen sich wie schon so oft in Julies Leben zu verschieben und sie fragt sich, ob sie im Grunde wieder etwas in ihrem Leben nicht geschafft hat, wofür es im Norwegischen die Umschreibung gibt, die den Titel des Films bildet: der schlimmste Mensch der Welt zu sein, weil er es mal wieder nicht geschafft hat.
Aus dieser Grundkonstellation, die im Grunde eine erzählerisch etwas umfangreichere Variante der zwei Vorgängerfilme ist, machen Vogt und Trier dieses Mal allerdings noch viel mehr. Zum einen haben wir es hier fast mit einem klassischen Bildungsroman zu tun, um mal nicht den ausgefransten Coming-of-Age-Begriff zu verwenden. Einen Bildungsroman, der tatsächlich nicht nur die Reise eines Reifungsprozesses eines Menschen, sondern gleich mehrerer Menschen zeigt und dabei auch die Reifung bzw. Veränderung der modernen norwegischen Gesellschaft zeigt. Ein Wandel, den auch Aksel zu spüren bekommt, als seine Comics irgendwann nicht mehr positiv konnotierter »Underground« sind, sondern sich moralisch von den neuen moralischen Grenzwerten soweit entfernt haben, dass er den gnadenlosen Cancel-Culture-Mechanismen unserer Gegenwart zum Opfer und aus der Zeit zu fallen droht. Aber auch Eivind wird erzählerisch mehr und mehr in Stellung gebracht, denn genauso wie Julie und Aksel ist auch er zunehmend verzweifelt auf der Suche nach seiner Stellung gegenüber sich selbst, den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und der Erkenntnis, das wir alle dann doch mehr als eine Persönlichkeit und mehr als ein Leben ins uns tragen.
Dieser Reigen aus Konflikten zwischen Leidenschaft und Vernunft, Individuum und Gesellschaft erinnert immer wieder an eine moderne Variante von Goethes Wahlverwandtschaften, ist dann aber vor allem ein leidenschaftliches, innovatives Bekenntnis zur romantischen Komödie, wie wir sie mit derartig klugen und zärtlichen Untertönen zuletzt in Lee Toland Kriegers Celeste & Jesse (2012) gesehen haben. Aber das war Amerika und ist auch schon wieder 10 Jahre her.
Und was Trier hier macht, ist dann auch mehr, was Krieger damals gewagt hat. Trier integriert animierte Momente (immerhin ist eine Hauptperson ja ein Comic-Autor), spielt mit der Nouvelle Vague, aber versucht dann mit einer fast überbordenden, irren Poesie auch etwas ganz anderes: über eine intensiv erzählte Partyszene gelingt es Trier etwa nicht nur von Sex zu erzählen, der ohne Sex funktioniert, sondern auch von den Folgen, die das auslöst: und zwar in einer der schönsten Szenen des Films, in der plötzlich, so wie in Matrix, nicht nur ganz Oslo stillsteht, sondern auch die alte Liebe und die Erwartung an eine neue Liebe stillsteht und Julie sich – wieder einmal – entscheiden muss. Das ist von so aufregender, luzider Poesie und gleichzeitig hyperrealistischer Psychologie, dass einem ganz schwindlig wird vor so viel erzählerischer Finesse, und der Verlust an Gegenwart und irgendwann auch Leben ganz egal ist.
Egal vor allem deshalb, weil es einen Erkenntnisgewinn gibt. Und den gibt es wie im klassischen Bildungsroman mehr als genug, auch wenn es am Ende letztendlich »nur« die gute alte Liebe ist, denn das erkennt Julie zusammen mit Aksel immerhin und gerade noch so. Dass nämlich die wahre Liebe (und eigentlich jede Beziehung) jene ist, in der man der und die sein kann, die man nun mal ist. Das mag sich wie Wahrheit light anhören, wer jedoch die Romane von Knausgård gelesen hat, oder das filmische Werk von Joachim Trier gesehen oder einfach nur auf sein eigenes Leben, »so klein wie die welt und so groß wie allein« (1), blickt, weiß, dass das nicht nur die schlimmste, sondern auch die schwerste Sache der Welt ist.
(1): In e.e. cummings, gedichte; Verlag Volk und Welt, 1986.