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Review

Der See der wilden Gänse

Funkelnder Neo-Noir

Filmszene »Der See der wilden Gänse«
Voll visueller Opulenz und großer Kraft (Foto: eksystent/S. Lehnert Filmdispo)

Funkelnder Neo-Noir

Inszenierung vor Plot – Diao Yinans Der See der wilden Gänse ist eine Annäherung an ein reines Kino

2014 erhielt Diao Yinans Neo-Noir Feuerwerk am hell­lichten Tage den Goldenen Bären bei der 64. Berlinale. Der Film, der von Yinan sowohl insze­niert als auch geschrieben wurde, setzte weniger auf Hand­lungs­logik, als auf Atmo­s­phäre und auf visuelle Einfälle. Diesen Weg setzt der chine­si­sche Filme­ma­cher mit dem Neo-Noir Der See der wilden Gänse fort, der 2019 im offi­zi­ellen Wett­be­werb der Film­fest­spiele von Cannes lief. Bei diesem Film ist Yinan erneut Autor und Regisseur in Perso­nal­union. Noch mehr als in Feuerwerk am hell­lichten Tage gerät die eigent­liche Handlung in Der See der wilden Gänse zur Neben­sache. Der Film besticht durch seine Insze­nie­rung.

In Der See der wilden Gänse wird der Gangster Zhou Zenong (Ge Hu) in eine Ausein­an­der­set­zung mit einer riva­li­sie­renden Gang verwi­ckelt. Dabei erschießt Zhou unbe­ab­sich­tigt einen Poli­zisten. Auf ihn wird eine Belohnung von 300.000 Yuen ausge­setzt. Doch er wird nicht nur von der Polizei, sondern auch von seinen ehema­ligen Gang­mit­glie­dern gejagt. Auf seiner Flucht begegnet Zhou der hübschen Prosti­tu­ierten Liu Aiai (Lun-Mei Gwei). Gemeinsam versuchen sie, die brisante Situation zu meistern.

Der See der wilden Gänse ist ein Neo-Noir wie aus dem Bilder­buch. Fast durch­gängig spielt die Handlung bei Nacht – bevorzugt auch bei Regen. Somit ist Schwarz in diesem Film wirklich die domi­nie­rende Farbe. Oft nur sche­men­haft sind die verschie­denen Gestalten zu sehen. Sche­men­haft bleiben aller­dings auch die Charak­tere. Das Schicksal von Zhou Zenong berührt den Zuschauer nur rein peripher. Es dauert sowieso einige Zeit, bis dessen Lage überhaupt erklärt ist. Die Handlung setzt ein, wo sich Zhou bereits auf der Flucht befindet. Die Vorge­schichte wird in mehreren Rück­blenden aufge­rollt. Dabei verliert man aufgrund der Vielzahl an auftre­tenden Personen schnell einmal den Überblick.

Die Handlung bildet in Der See der wilden Gänse nur ein lockeres Grund­gerüst für die verschie­denen Insze­nie­rungs­ein­fälle. Zu diesen zählt auch eine von mehreren Action­szenen gleich zu Beginn. Bei dieser wird der Kampf einer größeren Gruppe in einzelne isolierte Elemente aufge­spalten. Ein Ausholen, ein Schlag, ein Treffer. Es sind Einzel­bilder, die sich hier in die Netzhaut einbrennen. Immer wieder begibt sich Diao Yinan in Der See der wilden Gänse auf die Suche nach einpräg­samen Bildern – und findet diese. Dabei kontras­tiert Yinan wieder­holt einzelne leuchtend farbige Elemente mit der allge­gen­wär­tigen Düsternis. In einem dunklen Zimmer leuchtet durch ein Fenster ein rosa Schein herein. Ein heller Hut wird zu einem Blick­fänger vor einem dunklen Hinter­grund. Bei einer Tanz­ver­an­stal­tung leuchten neon­far­bene Schuh­sohlen in der Dunkel­heit. Als es zu einer Schießerei kommt, wirbeln diese leuch­tenden Licht­schleifen aufgeregt durch­ein­ander.

Einzelne Akzente setzt Yinan auch bei der Gewalt. Da wird schon einmal ein Regen­schirm zu einem äußerst blutigen Mord­in­stru­ment zweck­ent­fremdet. An anderer Stelle kommt ein massiver Schlag­ring zum Einsatz. Die Gewalt hat in ihrer Darstel­lung etwas Comic-haftes. Sie ist näher an The Raid 2 (2014) als an Drive (2011). An dieser Stelle zeigt sich, dass Der See der wilden Gänse ein chine­si­scher Film ist. Solch eine slap­stick­ar­tige Gewalt folgt eher einer asia­ti­schen Tradition als den Normen des Hollywood-Kinos. Das gilt auch für den Vorrang, den die Insze­nie­rung hier vor dem Plot hat. Der See der wilden Gänse ist fast wie eine Ansamm­lung von einzelnen Kabi­nett­s­tück­chen, die nur lose durch den Hand­lungs­rahmen zusam­men­ge­halten werden.

Der See der wilden Gänse ist eine Annähe­rung an ein reines Kino. Der Film besteht aus einer Abfolge von Bildern und Klängen, die nur durch die allge­gen­wär­tige Düsternis und durch die gleich­falls düstere Stimmung zusam­men­ge­halten werden. Die Handlung bleibt sperrig und stre­cken­weise ziemlich undurch­sichtig. Zhou umgibt eine allge­gen­wär­tige Atmo­s­phäre der Bedrohung, die wesent­lich greif­barer wirkt als die Verfol­gung durch konkrete Personen. Der Film ist ein Mood-Piece wie John Cass­avetes' Neo-Noir Die Ermordung eines chine­si­schen Buch­ma­chers (1976). Im Gegensatz zu Cass­avetes wartet Yinan jedoch mit visueller Opulenz auf. Der See der wilden Gänse hat eine große Kraft.