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Review

Der seidene Faden

Ästhetik total, Gefühl banal

Gedankenverspielt, selbstverliebt und leblos

Ästhetik total, Gefühl banal

»My morning routine varies by how much time I have. In the winter, I like to take baths, but in the summer, I prefer a good shower with some soap and then maybe some mois­tu­rizer afterward. I use D.R. Harris and Geo. F. Trumper products, which we also stock at our shops in Paris and Antwerp.« -Dries van Noten

»People get this very romantic vision of a fashion designer who in one night makes 25 sketches and in the morning throws them on the table and there are a lot of women in white aprons with the pins on the lapel and they start to grab the sketches and... It’s not like that.« -Dries van Noten

»Clothes is just something you put on to cover yourself... fashion is a way to commu­ni­cate.« -Dries van Noten

Wem ebenfalls noch die soghaften, sprach­ver­liebten Bilder von Paul Thomas Andersons letztem Film, seiner großar­tigen Thomas Pynchon-Adaption Inherent Vice im Hirn brennen, der dürfte mit Andersons neuem Film Der seidene Faden, große Probleme haben. Und dabei ist gar nicht mal die Ober­fläche gemeint: in Inherent Vice die späten 1960ern in den USA und Bilder wie ein Rausch, in Der seidene Faden das puri­ta­ni­sche London der 1950er und Bilder wie vom Bügel­brett; dort Kiffer und Bullen, hier die Haute Couture-Szene; damals Joaquin Phoenix auf der Höhe seiner Kunst, jetzt Daniel Day-Lewis in seiner Abschieds­vor­stel­lung als Film­schau­spieler. Keine Frage, mehr Kontrast geht kaum.

Derartige Kontraste überhaupt meistern zu können, spricht natürlich für einen Regisseur, auch wenn der inhalt­liche Kontrast viel­leicht nicht ganz so stark ist, denkt man an Andersons vorletzten Film The Master, der zeitlich ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg ange­sie­delt ist und in dem es auch um hier­ar­chi­sche Macht­ver­hält­nisse in Bezie­hungen und die Durch­drin­gung von privatem und beruf­li­chem Leben geht. Doch anders als The Master ist Der seidene Faden weniger Tragödie, als immer wieder auch hinge­hauchte Komödie, versucht Anderson das egoma­ni­sche Künst­lertum des Klei­der­ma­chers Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) dann und wann mit subtilem Humor zu unter­füt­tern. Seien es seine neuro­ti­schen Ticks wie etwa beim Frühstück keinen Lärm zu vertragen oder die obszöne Seite der reichen Welt, die er bedient. Diese humo­ris­ti­schen Einlagen werden so dezent vermit­telt wie die exquisite Mode es zulässt, die Woodcock an die Frauen bringt. Es ist eine Welt, in der die (Geschlechter-) Rollen noch klar verteilt sind, in der Frauen keine Kunst machen, sondern Kleider nähen oder teure Kleider zu Reprä­sen­ta­ti­ons­zwe­cken kaufen und in der Woodcocks Schwester Cyril (Lesley Manville) als einzige Frau mit Macht­an­spruch die finan­zi­elle Seite seines kleinen Haute-Couture-Imperiums leitet. So etwas wie Freun­dinnen oder Geliebte haben nur dann Raum in Woodcock Leben, wenn sie ihren Dienst als Muse tadellos zu bedienen wissen.

Diese Verhält­nisse ändern sich, als Woodcock gerade seine letzte Muse abser­viert hat und die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennen lernt, die offen­sicht­lich die neue Inspi­ra­ti­ons­quelle für Woodcock werden soll. Und wie üblich scheint auch Alma Woodcocks dominante, exzen­tri­sche Kunst­auf­fas­sung zu bedienen: als er ihr das erste Kleid anpasst, entschul­digt sie sich für ihre kleinen Brüste, aber Reynolds kontert auf seine ganz spezielle Art und Weise: »It’s my job to give you some – if I choose to.«

Damit ist eigent­lich alles gesagt, werden wir Zeuge von Almas Aufstieg und anfäng­li­cher Unter­wer­fung, und folgen Andersons ausla­denden, detail­ver­liebten Kame­ra­fahrten wie ein Staub­wedel, der auch noch das kleinste ikono­gra­fi­sche Staubkorn dieser entfernten Epoche nicht missen möchte. Getragen werden diese Einstel­lungen vom Sound­track des Radiohead-Multi-Instru­men­ta­listen Jonny Greenwood und derartig verwoben sind Musik und Kamera, dass es Anderson wie in Inherent Vice auch hier tatsäch­lich immer wieder gelingt, den Zuschauer zum Teilhaber einer an sich völlig abstrusen Handlung werden zu lassen.

Eine Handlung, die in ihrer Abstru­sität dann doch über­rascht, denn Alma ist nicht wie andere Musen Woodcocks. Zwar ist sie, wie fast alle Frauen in Andersons Film ebenfalls »geschichtslos«, eine Frau, die einfach so auftaucht, ohne Familie, ohne Geschichte, viel­leicht ein übrig geblie­bener Flücht­ling aus den Tagen des Krieges, für Anderson aber auf jeden Fall eine klas­si­sche »Deus ex machina«-Konfi­gu­ra­tion, die den Helden in seiner Grund­festen erschüt­tern und erlösen wird. Aber auch diese Erschüt­te­rung ist einge­bettet in museale, von liebe­voller, fast hinge­bungs­voller histo­ri­scher Akku­ra­tesse ausge­füllte Kame­ra­fahrten, vertrackte musi­ka­li­sche Arran­ge­ments, zise­lierte Hand­lungs­ab­läufe der Schnei­derei und des Anklei­dens und die bornierten Ticks des Meisters sowie die Reak­tionen seines weib­li­chen Chores darauf. Dass Mode – wie es der große Mode­de­si­gner Dries van Noten einmal formu­liert hat – eine der raffi­nier­testen Arten der Kommu­ni­ka­tion sein kann, ist bei Anderson völlig undenkbar.

Viel­leicht liegt das auch daran, dass anders als in Inherent Vice, in dem Thomas Pynchons Sprache – neben der Musik – Andersons filmische Akzente trägt, die (gespro­chene) Sprache in Der seidene Faden fast völlig fehlt. Oder besser gesagt: versucht Anderson zwar – offen­sicht­lich immer noch von Pynchons Sprach­duktus durch­drungen – eine ähnliche Melange aus Sprache, Musik und Film wie in Inherent Vice, ohne dabei jedoch nur in Ansätzen eine ähnlich zarte Wucht zu entfalten. Vor allem die Dialoge sind derartig steif, aufge­setzt und arti­fi­ziell, dass jeder »cinäs­t­he­ti­sche« Rausch in dem Moment verfliegt, in dem einer der Betei­ligten zu sprechen beginnt, ja man immer wieder unfrei­willig lachen und den Kopf schütteln muss über Anderson Bemühen, so etwas wie Leben in eine Versuchs­an­ord­nung zu gießen, die ähnlich gedan­ken­ver­spielt, selbst­ver­liebt und leblos daher­kommt wie François Ozons Der andere Liebhaber.

Immerhin gelingen Anderson – wie schon ange­deutet – noch einige schwarz­hu­mo­rige Anmer­kungen zum Bezie­hungs­leben von Woodcock, der nicht nur wegen seines offen­sicht­li­chen Mutter­kom­plexes zunehmend Probleme mit seinen üblichen Bezie­hungs­mus­tern – und vor allem mit Alma bekommt; finden immerhin einige subtile charak­ter­liche Entwick­lungen, auch bei Woodcocks Schwester Cyril statt und dringt dann endlich auch so etwas wie Realität in diesen herme­ti­schen Mode­kosmos ein, erfahren wir tatsäch­lich auch etwas über die konkur­rie­renden Modehäuser und bekommen eine Ahnung über den weiten Weg, den die Haute Couture seit den 1950ern gegangen ist. Aber das alles tröstet nicht über den Geschmack von Staub im Mund hinweg, den diese leblose, fast schon grotesk asexuelle Zeitreise beim Betrachter zurück­lässt; eine Staub­schicht, die auch der beste Staub­wedel nicht entfernen kann.