Review
Der Tod von Ludwig XIV.
Die zwei Körper des Königs
Die zwei Körper des Königs
Bescheidenheit gehört nicht unbedingt zu den Tugenden, die den katalanischen Regisseur Albert Serra auszeichnen. In seinen Filmen wendet er sich gerne Themen des kulturellen Erbes zu, die stark aufgeladen mit Bedeutung sind. Don Quijote, die heiligen drei Könige sowie Casanova und Graf Dracula (diese beiden im selben Film wohlgemerkt) dienten ihm bislang als Anlässe, in seinen eigenwilligen Langfilmen Honor de Cavallaria (2006), El cant dels ocells (2008) und Història de la meva mort (2013) den bald recht sinnlichen, bald recht enigmatischen Wirkungen des Imaginären im Konkreten nachzuspüren, in Körpern, in Räumen, in Dingen.
Nun hat Serra den Inbegriff der absolutistischen Monarchie als Gegenstand gewählt, den französischen König Ludwig XIV. Serra erzählt jedoch nicht von Macht und politischen Hofintrigen, sondern vom Tod des Königs, er schildert seine letzten Wochen im August des Jahres 1715.
Es scheint in jenem Jahr ein herrlicher Sommer zu sein, der Glast der Hitze liegt in der flirrenden Luft, wie man zu Beginn des Films erkennt. In dem von den durchsichtigen Titeln durchbrochenen
Schwarz der Leinwand erhascht man flüchtige Blicke auf diesen Sommer in der Natur um Versailles, als man den an einer Beinverletzung leidenden König im Rollstuhl durch den Park schiebt.
Für den Rest des Films wird sich der Sonnenkönig dann völlig in das Düster seines Schlafkabinetts zurückziehen, der Sommer wird ins Off verbannt, bleibt jedoch spürbar auf der Tonspur, im Vogelgezwitscher, im Grillenzirpen, im Donner des schweren Sommergewitters, wenn der König nachts aufwacht
und über heftige Schmerzen in seinem Bein klagt.
Die in diesen Verweisen auf den Sommer anklingende sinnliche, sinnenhafte Grundierung prägt den gesamten Film, auch in den Innenszenen, in denen der König bettlägerig ist, sich immer weniger bewegen kann. Doch jeder der wenigen Bissen, die der König noch zu sich nimmt, das mit einem winzigen Löffel verspeiste Ei, der trockene Biscottin, der sorgfältig gekaut wird, die gut gefilterte Bouillon, als er keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen kann, die Schlucke klaren Wassers aus kristallenen Gläsern, alles wird als sinnliche Erfahrung ausgekostet. Besonders anrührend wirkt das Tätscheln und Kosen der vom König so sehr geliebten Hunde, einen Kontakt, den der Leibarzt Fagon immer seltener erlaubt.
Serra macht des Sterben des Königs als sukzessives Zurücktreten der Welt aus dem Umkreis Ludwigs sichtbar. Mit einer zeremoniellen Geste vollzieht der König ziemlich früh im Film seinen Abschied von der Hofgesellschaft, an deren Divertissements er nicht mehr teilnehmen kann. Serra zeigt dies in einer für seine Kunst der Inszenierung exemplarischen Einstellung. Der König liegt unbeweglich im Vordergrund, mit halbaufgerichtetem Oberkörper rechts am Bildrand, im Profil
leicht zum Hintergrund nach links gewandt, von wo ihn, halb verdeckt durch einen Vorhang, einige Damen des Hofes um seine weitere Teilnahme an der Abendgesellschaft bitten. Der König lässt sich von der Dienerschaft einen mit Federbusch aufwendig geschmückten Hut reichen, setzt ihn sich kurz auf, um ihn dann, sich andeutungsweise verneigend, weitausholend vor den Damen zu ziehen.
Vereinzelt werden politische und geistige Amts- und Würdenträger vorstellig, Madame de Maintenon,
die einstige Hauptgeliebte und dann, nach dem Tod der Königin, heimliche Gemahlin, beehrt den König mit ihrer stoisch gelassenen und äußerst würdevollen Anwesenheit. Dem Thronfolger, Ludwigs Urenkel, ein Kleinkind noch, lässt der König karge Empfehlungen für das Wirken als Herrscher zukommen, Worte, die eine gewisse späte Einsicht in einige Fehler seines maßlosen Regierungs- und Herrschaftsstiles erkennen lassen. Das Personal um den König beschränkt sich aber zunehmend auf den
Leibarzt Fagon, den Chirurgen Maréchal, den obersten Diener Blouin.
Als der Gesundheitszustand immer bedenklicher wird, zieht Fagon die Ärzte der Sorbonne hinzu; auch diese wissen keinen Rat, man scheut sich, den königlichen Leib mit einer Amputation, die wohl medizinisch angezeigt wäre, zu verstümmeln. Man hofft als letztes Mittel auf die zweifelhaften Künste eines Scharlatans aus Marseille, Lebrun, der ein obskures Elixier aus Stierblut und Stiersamen verabreicht, das er
zum Test vor den Augen der Ärzte zunächst selbst trinken muss, eine Verkostungsgeste, die gleichzeitig feierlich und authentisch ist.
Das Zeremonielle erscheint in diesem Film durchweg als Natürlichkeit. Serra nimmt die höfische Pracht, die entfaltet wird, sehr ernst, er wendet sehr viel Sorgfalt auf Ausstattung und kunstvoll gestaltetes Dekor und lässt die faszinierend dunklen, gleichwohl sehr klaren Einstellungen wie Gemälde von alten Meistern wirken.
Unter dem Schleier einer klassischen Dämpfung behält alles in diesem Film eine konkrete sinnliche Qualität.
Diesen ungekünstelten Eindruck, der hier
trotz allen Aufwandes entsteht, verdankt der Film vor allem auch den Schauspielern. Die meisten von ihnen sind, wie bei Serra üblich, keine professionellen Schauspieler. Und das gilt in gewissem Sinn auch für den Hauptdarsteller, für Jean-Pierre Léaud, der in seinen vielen Rollen seit Nouvelle-Vague-Zeiten immer er selbst geblieben ist. Serra verschafft ihm hier gewissermaßen die Krönung seiner Schauspielerkarriere: Léauds phänomenale Performance gibt dem sterbenden Ludwig
genau die unaufgesetzte Natürlichkeit, die den Kern dieses Films ausmacht.
Jedes kaum merkliche Zucken der Mundwinkel, jedes Zittern der Wangen, jeder müde Lidschlag wird in den Nahaufnahmen registriert. Und so kann der physische Tod des Königs konsequent ausbuchstabiert werden, während der Körper des Schauspielers Léaud zu intensivstem Leben erwacht.
Serra veranschaulicht hier auf geradezu subtile Weise die historische Lehre von den zwei Körpern des Königs: vom Körper
der Repräsentation, mit dem der König ein Funktions- und Machtträger ist, und vom Körper der Präsenz, den der König als konkreter Mensch besitzt. Genauso zeigt Serra damit, wie sehr er ein Materialist des Kinos ist, aber einer, der Materialität immer auch als Spiritualität begreift.