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Review

Der Trafikant

Diese vertraute Poli­ti­sie­rung des Alltags

Bruno Ganz als Sigmund Freud

Diese vertraute Poli­ti­sie­rung des Alltags

»Freuds Gesicht hellte sich auf. Eigent­lich hatte er sich in Gegenwart soge­nannter ,einfacher Leute ›immer ein wenig unbe­holfen und deplat­ziert gefühlt. Mit diesem Franz aber verhielt es sich anders. Der Bursche blühte.‹« -Robert Seethaler, Der Trafikant

»Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Ich erwähne das nur deswegen, weil ich außer meinem Namen nur wenige Dinge besitze …« -Albert Ehren­stein, Tubutsch

Beim Lesen von Robert Seet­ha­lers Roman »Der Trafikant« öffnet sich unwei­ger­lich ein ganz eigener Reso­nanz­raum, werden Erin­ne­rungen an eine der bizarrsten Novellen, Tubutsch, des großen Albert Ehren­stein wach und werden natürlich Erin­ne­rungen an die großen – lite­ra­ri­schen – Verlierer des einst großen Öster­reich geweckt, an Joseph Roths Carl Joseph Trotta von Sipolje oder Franz Ferdinand Trotta aus Roths Kapu­zi­ner­gruft. Vor allem dieses Werk über­schneidet sich auch zeitlich mit Seet­ha­lers Roman, der mit spröder Leich­tig­keit den Anschluss Öster­reichs an das Deutsche Reich, 1938, erzählt. Und wie es auch schon Joseph Roth gelungen ist, so versteht auch Seethaler die komplexen und düsteren Ereig­nisse über eine Figu­ren­kon­stel­la­tion zu erzählen, die nicht nur schich­tenüber­grei­fend ist, sondern immer wieder auch Interesse an den so wichtigen Klei­nig­keiten des Alltags hat. Bei Seet­ha­lers »Trafi­kanten« laufen diese erzäh­le­ri­sche Fäden vor allem in der »Trafik« zusammen, einer öster­rei­chi­schen Insti­tu­tion, eine Art »Kiosk« oder Klein­ge­schäft, in dem Tabak­waren, Zeitungen, Zeit­schriften (auch soge­nannte »Bückware«) und Schreib­waren verkauft wurden. Das Besondere daran war, dass die Lizenz für eine Trafik fast ausschließ­lich an Kriegs­opfer oder schuldlos verarmte Beamte und deren Angehö­rige vergeben wurde; später wurden Menschen mit Behin­de­rungen bevorzugt. In eine solche Trafik wird Seet­ha­lers Haupt­prot­ago­nist, der 17-jährige Franz Huchel versetzt, nachdem seine allein­er­zie­hende Mutter ihren Liebhaber und Protegé, verloren hat. Franz lernt bei dem ehema­ligen Geliebten seiner Mutter, dem im Ersten Weltkrieg versehrten Otto Trsnjek nicht nur das Geschäft des Trafi­kanten, sondern auch die zuneh­mende Poli­ti­sie­rung des Alltags kennen und trifft dort auch auf den in der Nähe wohnenden Sigmund Freud, mit dem sich Franz – obwohl aus einer völlig anderen Schicht stammend – langsam anfreundet.

Diese Geschichte und vor allem Seet­ha­lers immer wieder mit Leer­stellen operie­rende, schöne, aber auch zurück­ge­nom­mene Sprache filmisch zu adap­tieren, ist nicht einfach, doch wirft man einen Blick auf Axel Cortis und Gernot Rolls grandiose, fürs Fernsehen gedrehte Roth-Verfil­mung des Radetz­ky­mar­sches, – die heute eine nahezu perfekte »Miniserie« abgeben würde – keine Unmög­lich­keit.

Nach einer ersten Dreh­buch­fas­sung des kurz vor Beginn der Dreh­ar­beiten verstor­benen Klaus Richters, die sich stark an den Roman anlehnte, entwi­ckelte Regisseur Nikolaus Leytner mit Richter eine zweite Fassung, in der die im Roman nur ange­deu­teten Träume des jungen Franz eine größere Bedeutung erhalten, gleich­zeitig aber versucht wurde, nah am Roman zu bleiben. Dies zeigt sich immer wieder an Dialogen, die z. T. von Seethaler direkt über­nommen wurden. Damit dürfte der Film das Vertrauen der Leser von Seet­ha­lers Roman wieder befrieden, die mit der Ausstaf­fie­rung der Träume ihre Probleme bekommen dürften. Denn die poetische Auser­zäh­lung von Franzs Träumen ist nicht nur eine etwas zu starke Anbie­de­rung an Freuds Wirkungs­ge­biet – und damit eine zu eindeu­tige Inter­pre­ta­tion des Romans – sondern sie fallen vor allem auch filmäste­thisch zu sehr aus der akkuraten Kulis­sen­land­schaft heraus, für die Leytner sich entschieden hat.

Bis in kleinste Details versucht Leytner die Zeit vor und kurz nach dem Anschluss Öster­reichs zu animieren, werden das Zigar­ren­sor­ti­ment, die politisch klar defi­nierten Tages­zei­tungen genauso wie die zarten Porno-Heftchen der damaligen Zeit fast schon ein wenig zu museal aufbe­reitet. Die Träume von Franz in ihrer modernen, betont »zeitlosen« Ästhetik hätten sich dem gegenüber besser als Dialog-Kompo­nente ausge­nommen.

Wer mit dieser scha­blo­nen­ar­tigen, an TV-Produk­tionen ange­lehnten Heran­ge­hens­weise leben kann, dürfte mit Leytners filmi­scher Umsetzung von Seet­ha­lers Roman gut leben können. Zumal die schau­spie­le­ri­schen Stärken die insze­na­to­ri­schen Schwächen immer wieder wett­ma­chen. Nicht nur Simon Morzé als Franz in seiner langsamen Annähe­rung an Freud (Bruno Ganz), sind ein wirk­li­cher Genuss, sondern gerade auch die mit Ensem­ble­mit­glie­dern des Wiener Burg­thea­ters besetzten kleineren Rollen des Otto Trsnjek (Johannes Krisch) oder Franz' Mutter (Regina Fritsch) sind so stark besetzt, dass sie Seet­ha­lers »Trafi­kanten« in seiner filmi­schen Über­set­zung auch gleich noch aus der Vergan­gen­heit heraus­reissen. Denn gerade die hier so über­zeu­gend illus­trierte radikale Poli­ti­sie­rung des Alltags, in denen nur noch gebrüllt, aber nicht mehr geredet wird, klingt beängs­ti­gend vertraut.