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Review

Der Wind wird uns tragen

Das Bild wird uns tragen

Durch die wogende Weite der Felder

Das Bild wird uns tragen

Und wieder die Fahrt eines Range Rover durch die iranische Land­schaft. Helles Korngelb und matt-glän­zendes Olivgrün, sanfte Hügel. Der Wind wird uns tragen hebt an wie die farben­ge­tränkte Fort­set­zung von Der Geschmack der Kirsche, in dem ein Rover zwei Stunden lang sich den Weg durch die wüsten­hafte Kargheit der irani­schen Land­schaft bahnte, vorbei an Fabriken und Städten. Nichts von diesem karstigen Realismus ist hier zu spüren. Während Der Geschmack der Kirsche seinen Blick klaus­tro­pho­bisch auf den Fahrer des Range Rover konzen­trierte, insze­niert hier die Kamera die Schönheit und Weit­läu­fig­keit der Land­schaft. Die Fahrt führt in das Schwarze Tal: ein weißes Trep­pen­dorf, das kurdische Siah Dareh, in den Hang hinein­ge­schach­telt. Sie wären Schatz­su­cher, so erzählt einer der Rover-Insassen dem Jungen, der sie an einer Straßen­kreu­zung erwartet. Eine märchen­hafte Über­höhung, passend zu dem Treppen-Labyrinth des Dorfes, in dem sich die Orien­tie­rung in escher­hafter Manier auflöst.

Die Illusion von Sche­he­re­zade und 1001 Nacht jedoch ist bald dahin: Der eine der drei Insassen, ein Fotograf, wartet mit seinen Kollegen auf das Ableben einer Frau im besten bibli­schen Alter. Er belauert ihr Sterben, um die einmalige Toten­ze­re­monie des Dorfes ablichten zu können. Der foto­gra­fi­sche Erfolgs­druck diktiert ihm sein Interesse am Dahin­sie­chen der Frau. Auf diese perver­tiert-großs­täd­ti­sche Neugier trifft die naive Gut-Gläu­big­keit des Jungen, seinem Infor­manten in Sachen Fieber­kurve, der ihm nicht gerade zu seinem Entzücken immer wieder neue gesund­heit­liche Besse­rungs­be­richte zuträgt. Ja, heute geht es ihr besser, sie hat von ihrer Suppe gegessen, hat sogar gespro­chen.

Das Warten auf den Tod zieht sich in die Länge. Und es scheint, als würde sich mit dem Sterben der Tod dem Bild wider­setzen wollen, so wie über dem ganzen Dorf ein Bild­verbot verhängt ist. Keine Fotos, so die Betrei­berin des Dorfcafés zu dem Foto­grafen, als dieser den Streit der Geschlechter um die dritte Arbeit doku­men­tieren möchte. Wer bedient wen, wenn es um die Sache körper­li­cher Wollust geht? Rackert sich der Mann für die Frau ab, oder ist diese auch hier wieder nur seine devote Dienerin? Und ist das Bedienen im Haus ein Zeichen weib­li­cher Unter­tä­nig­keit und das Servieren im Café emanzen-verdäch­tiger Aufstand? Denn entgegen dem Anschein idyl­li­scher Sättigung des Dorfes, in dem tradi­ti­ons­ge­mäße Ordnung herrscht, ist das Schwarze Tal längst in den Sog des aufklä­re­ri­schen Diskurs geraten. Allein die Medien sind aus dem Dorf gebannt: die Foto­ka­mera muß liegen­bleiben, und das Handy, das immer wieder in die erzwun­gene Untä­tig­keit des Foto­grafen hinein klingelt, hat keinen Empfang. Und jedesmal beginnt das Rennen gegen die mediale Enklave des Dorfes und für die Tele­kom­mu­ni­ka­tion, hinauf auf das höchste Dach des Dorfes und in rasanter Fahrt im Rover auf die Anhöhe der Umgebung, den Fried­hofs­hügel. Dort führt der Fotograf nicht nur Gespräche mit seiner Auftrag­ge­berin, sondern auch mit einem Unsicht­baren, in einen Graben versenkt, den er am Randes des Friedhofs aushebt. Einziges sicht­bares Zeichen seiner Präsenz: ein ausge­gra­bener Ober­schen­kel­kno­chen, den sich der Fotograf auf die Ablage seines Rovers legt.

Allge­gen­wart des Todes und penible Abwe­sen­heit des Sterbens. Die Zeit zieht sich in die Länge. Allein die Begeg­nungen mit dem Jungen bewirken eine anfäng­lich kaum zu spürende Verän­de­rung. Hier zeigt sich, daß Der Wind wird uns tragen ähnlich wie Quer durch den Oliven­hain zu den Kinder­filmen Kiaro­st­amis zu rechnen ist. Der kindliche Glaube an eine Rich­tig­keit der Welt trägt das kritische Moment in die Handlung hinein und bricht die norma­tiven Eindeu­tig­keiten des Beste­henden auf. Es ist die Eintei­lung in Gut und Böse, die den wunden Punkt des Daseins bedeutet. Die meta­phy­si­sche Frage stellt sich als Aufgabe einer Schul­prü­fung, der sich der Junge unter­zieht, und die er selbst nicht beant­worten kann. Wie ist das mit dem Jüngsten Gericht? Was passiert mit den Guten und den Bösen?

Unter dem kompro­miß­losen Verhalten des Jungen, der bald den wahren Auftrag des Foto­grafen erkennt, beginnt die innere Erosion des Foto­grafen. Er kann jetzt nicht mehr Freund des Jungen sein, der die Lügen­haf­tig­keit der Welt in unbe­stech­li­cher Weise sank­tio­niert. Unter der verän­derten Haltung des Jungen beginnt seine Figur in ihrer vormals sympa­thi­schen Wertig­keit unsicher zu werden. Ist sein Ansinnen doku­men­ta­ri­sche Aufge­schlos­sen­heit gegenüber den Tradi­tionen? Oder ist es sensa­ti­ons­lüs­terner Voyeu­rismus, der dem Tod sein Bild entreißen möchte? Die Glätte des Gesichts von Behzad Dourani ist wie geschaffen für das pro und contra von Anklage und Vertei­di­gung. Ein Vexier-Charakter zeigt sich in ihm, der jenseits von Gut und Böse die Welt erkundet, ein fieser Typ oder gedan­ken­loser und unschul­diger Fotograf, der mehr Naivität in sich trägt als der Junge. Und der doch so sympa­thisch ist.

In seinem Zentrum taucht der Film von der licht­ge­tränkten Ober­fläche ab in die undurch­dring­liche Dunkel­heit eines Stalls, der unter­ir­di­schen Milch­quelle des Dorfes. Immer wieder bittet der Fotograf die Frau, die die Kuh melkt, ihren Namen zu sagen, ihr Gesicht zu zeigen. Es ist eine Szene verhal­tener Verfüh­rung, ein Versuch, der Frau das Geheimnis ihrer Weib­lich­keit aus der Dunkel­heit des Tschadors zu entlocken. Das Licht, das von nun an auf die Land­schaft fällt, ist ergraut. Und über diese Trübung wendet sich das Warten auf den Tod zu einer Besinnung auf das Leben.

Der Wind wird uns tragen insze­niert in wunder­barer Weise die Abwe­sen­heit der Bilder. Fast alle Gesprächs­partner des Foto­grafen agieren aus dem Off heraus, bleiben unsichtbar, dazu die Thema­ti­sie­rung der Bild­ver­wei­ge­rung. Eine filmische Insze­nie­rung des tradi­tio­nellen Bild­ver­bots im Islam, und zugleich Wahrung privater Unsicht­bar­keit fern dogma­ti­scher Reli­giö­sität. Öffent­lich und Bild wird nur das, was sich bereit­willig zeigt. Auf der anderen Seite die auffällig foto­gra­fisch insze­nierten Panorama-Land­schaften und die im Close-Up heran­ge­zoomten Einwohner. Diese Bild­prä­senz über­steigt jede doku­men­ta­ri­sche Authen­ti­zität, auch wenn sich die Dorf­be­wohner, wie so oft bei Kiaro­stami, selbst spielen. Der Film erstellt Bilder­land­schaften im Zeichen foto­gra­fi­scher Über­höhung, und steht damit im eigen­tüm­li­chen Selbst­wi­der­spruch zu seiner insze­nierten Thematik: auf ästhe­ti­sche Weise ergibt sich ein Überschuß, der gegen die Abwe­sen­heit der kultu­rellen Bildseite antritt. Dies ist weniger dialek­ti­sches Vorhaben, als es erscheinen mag. Kiaro­stami geht es nicht darum, eine Totalität der Bild­prä­senz zu forcieren, auch will er nicht die Welt der schönen Bilder in gute und böse einteilen. Ihm scheint gerade das Neben­ein­ander von Anwe­sen­heit und Abwe­sen­heit wichtig zu sein, ein unauf­gelöster Gegensatz, der Teil seines „unvoll­endeten“ Kinos wird. Wie das nicht gezeigte Bild, das immer einen Teil des Filmes rätsel­haft bleiben läßt, wird die Handlung nur in Frag­menten, in narra­tiven Ausschnitten erzählt. Und verwei­gert auch hier eine eindeu­tige Aussage über den Ausgang der Handlung. Auch wenn Der Wind wird uns tragen die Zeit des Wartens in die Länge zieht und in der ritual­haften Wieder­ho­lung immer gleicher Hand­lungs­ein­heiten Längen provo­ziert, ist er einer der hand­lungs­rei­chesten (und nebenbei einer der komischsten) Filme Kiaro­st­amis, und es hat den Anschein, als wäre er auch einer seiner didak­tischsten Filme. Die Präsenz der Schule, in die der Junge geht, die Frage nach dem Gut und Böse, die Abkehr des Jungen vom Foto­grafen, all dies scheint den Film eine klare mora­li­sche Richtung zu geben. Aber am Schluß zeigt sich doch wieder nur das Beharren in der Wider­sprüch­lich­keit. Die aufge­baute mora­li­sche Sugges­tion hat sich nicht erfüllt.