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Review

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

Lampedusa in Brasilien

Im Wilden Zentrum

Lampedusa in Brasilien

»Den 20. ging Lenz durch›s Gebirg. Die Gipfel und hohen Berg­flächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleich­gültig weiter, es lag ihm nicht‹s am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unan­ge­nehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte. Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüt­telte, und der Nebel die Formen bald verschlang, bald die gewal­tigen Glieder halb enthüllte; es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse alles mit ein Paar Schritten ausmessen können«.
(Georg Büchner, »Lenz«, 1839)

Das passiert selten – ein Film, nachdem man gar nicht so recht weiß, wo man anfangen soll zu erzählen, ein Film, der den Betrachter aus den Angeln reißt. Ein Film, dessen kris­tall­klare Bilder bis in nächt­liche Träume verfolgen, wohl auch, weil sein histo­ri­sches Licht dem von Stanley Kubricks Barry Lyndon in nichts nachsteht, dessen histo­ri­sche Akribie ebenfalls an Kubrick erinnert. Ein Film, der berührt, obwohl er fast semi­do­ku­men­ta­risch mehr als 150 Jahre alte Geschichte erzählt, dabei aber dennoch so nah am gegen­wär­tigen Zeit­ge­schehen ist, dass einem Angst und Bange wird und der dann auch als filmi­sches Konzept, nun ja, fast über­ak­tuell ist. Wie also anfangen? Etwa so wie Edgar Reitz selber, der mit Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht ebenfalls am Anfang beginnt, nachdem das Ende schon längst erzählt ist? Denn wir erinnern uns: Heimat ist seit 1984 Jahre Edgar Reiz' Opus-magnum-Projekt, das auf fiktiver Ebene die große deutsche Geschichte des 20. Jahr­hun­derts mit Hilfe der Geschichte des kleinen Dorfes Schabbach im Hunsrück erzählt. Dabei ist Reitz durch ähnliche finan­zi­elle Niede­rungen gegangen, aber auch in ähnliche künst­le­ri­sche, mit Preisen und Kriti­kerlob erfüllte Höhen kata­pul­tiert worden, wie Barbara und Winfried Junge mit ihrem doku­men­ta­ri­schen Äqui­va­lent Die Kinder von Golzow. Wie die Junges hat auch Reitz durch­ge­halten und sich vor 10 Jahren mit Heimat 3 – Chronik einer Zeiten­wende bis in die jüngste Vergan­gen­heit gefilmt.

Dass Reitz damit nicht nur den in diesen Monaten viel­be­schwo­renen inno­va­tiven Boom um den langen erzäh­le­ri­schen Atem ameri­ka­ni­scher Fern­seh­se­rien von den Sopranos bis Breaking Bad vorweg­ge­nommen hat, ist nicht mehr wert als ein nach­denk­li­cher Hinweis über die nur allzu bekannte kapi­ta­lis­ti­sche Methode, Altes neu zu verpacken, um es noch gewinn­brin­gender zu verkaufen. Etwas über­ra­schender ist es dann schon eher, dass ausge­rechnet Reitz, der sich wieder­holt negativ über die gegen­wär­tige Film- und Fern­seh­kultur geäußert hat, sich für seine neue, andere Heimat, der im gegen­wär­tigen Film­ge­schäft so beliebten Form der »Prequel« bedient. Er umgeht dabei aller­dings geschickt die Gefahren allzu gegen­warts­naher Zeit­schleifen, wie sie etwa in Star Wars und Star Trek und ihren unge­ahnten Tiefen der Banalität bedient worden sind.

Statt also mit den Vorwirren zum 1. Weltkrieg einzu­setzen – und damit direkten narra­tiven Anschluss an den ersten Teil der Heimat­tri­logie zu setzen – haben sich Reitz und sein Mitautor Gert Heiden­reich für die nicht weniger verwor­renen Vormärz-Jahre der ersten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts entschieden. Doch Reitz und Heiden­reich bleiben in Schabbach und sie bleiben im Kern ihrer Erzählung auch bei der »Trilogie-Familie« Simon, deren einziges Binde­glied zur Ersten Heimat vor allem schau­spie­le­ri­scher Art ist. Die »Mutter« Marga­rethe, von einer großar­tigen Marita Breuer verkör­pert, ist auch im ersten Heimat-Film die »Mutter« der Familie Simon. Doch die Verhält­nisse der Familie in Vormärz-Zeiten erinnern weniger an gemeinhin ange­le­sene und erinnerte Geschichte als an das, was man heut­zu­tage aus Regionen in Zentral­asiens, Südame­rika und Afrika kennt. Ein despo­ti­sches Staa­ten­wesen verhin­dert breiten Teilen der Bevöl­ke­rung die Teilnahme an erfolg­rei­chen, gewinn­brin­genden wirt­schaft­li­chen Prozessen. Die Armut ist groß, die Sehnsucht nach Verän­de­rung ebenfalls, so dass es zu einer bis in die jüngste Gegenwart bekannten Dynamik kommt – die Leute wollen weg, Deutsch­land wird Auswan­de­rungs­land, Brasilien ist das Land der Träume. Auch Schabbach ist davon betroffen.

Wie bislang in der gesamten Heimat-Trilogie gelingt Reitz auch in Die andere Heimat eindrück­lich, große Welt­ge­schichte fassbar und fühlbar zu machen, indem er sich den Lebens­li­nien der kleinen Leute zuwendet. Der fast kris­tal­line Schwarz­weiß­film in Cine­ma­scope, dem sich Reitz und sein Kame­ra­mann Gernot Roll für ihre Darstel­lung bedienen, ist auch diesmal mit impres­sio­nis­ti­schen Farb­mo­menten versehen und deutet damit auch an, dass Geschichte durch unsere mediale Foto­so­zia­li­sa­tion zwar in unseren Köpfen monochrom ist, aber im Grunde natürlich voller Farben war, Geschichte somit nicht nur farblich neu geschrieben, sondern grund­sätz­lich immer auch konstru­iert ist.

Aber das ist schnell vergessen. Denn die Lebens­li­nien, die Reitz in den schwie­rigen histo­ri­schen Rahmen bettet [1], sind derartig zärtlich, spannend und immer wieder auch über­ra­schend erzählt – kurzum: »wirklich« – dass es fast weh tut, dass der Film nach vier Stunden bereits vorbei ist und damit zu einem der kürzesten des Heimat-Opus' wird. Reitz ist dabei nicht nur die fast schon ethno­gra­fisch-histo­ri­sche, luzide Akribie hoch anzu­rechnen: von der authen­ti­schen, ärmlich-funk­tio­nalen Kleidung bis zum stroh­hüt­ten­ar­tigen armse­ligen Inneren der Häuser, den kargen nächt­li­chen Licht­ver­hält­nissen bis zu den frugalen Mahl­zeiten. Reitz gelingt es darüber hinaus, dieses museale Setting mit »wirk­li­chem« Leben zu füllen: einer facet­ten­rei­chen Eltern-und-Söhne-Geschichte, einer mit reli­giösen Konflikten unter­malten Vater-Tochter-Beziehung, einer Dreiecks-Liebes­ge­schichte, die auch deshalb überzeugt, weil sie nicht den Fehler begeht die Moral von damals mit der Moral von heute zu infil­trieren. Und nicht zuletzt mit der Geschichte des eigent­li­chen Helden des Films, Jakob Simon, die als Binde­glied und Kern alle anderen Geschichten durch­zieht und eine unbändige Sehnsucht verkör­pert, die sowohl scheitert als auch gewinnt, auf jeden Fall besser dasteht als jene Sehnsucht von Lenz in Büchners Vormärz-Erzählung. Eine Sehnsucht, die die andere Heimat nicht nur zu einer notwen­digen Prequel für Reitz eigenes Werk werden lässt, sondern auch eine für ein ganzes Filmgenre – die bislang fast uner­schlos­sene Geschichte der Siedler des Wilden Westens, denen bis auf wenige Ausnahmen fast stets nur die leidige Rolle verängs­tigter, naiver Statisten zufiel.

Noch Wochen nach dem Film verfolgen, nein: begleiten einen die Bilder dieses großar­tigen Films. Bilder von wildem Aufbe­gehren, vorsich­tiger, spontaner Poli­ti­sie­rung, idyl­li­schen Wein­ernten, bitterem Alltag und zarter Alltags­poesie, irrsten Hoff­nungen und einem glück­lich­ma­chenden Verstehen für das, was Geschichte und Zukunft sind, was Deutsch­land war und was Deutsch­land ist und irgend­wann wieder sein wird. Bilder einer faszi­nie­renden Verzah­nung von Vergan­gen­heit und Gegenwart. In einem histo­ri­schen Augen­auf­schlag wird Brasilien zu Lampedusa, wird Deutsch­land zu Eritrea und Vergan­gen­heit zu nicht mehr und nicht weniger als einer immer wieder­keh­renden Gegenwart.

[1] Aus dem sich Deutsch­land durch eine mühsam erzwun­gene Indus­tria­li­sie­rung und damit Parti­zi­pie­rung weiter Bevöl­ke­rungs­schichten wenig später gerade noch so retten kann und die »Grenzen zur Armut« in den Osten verschiebt. Die eigen­ar­tigen Wege dieser Entwick­lung für Europa lassen sich sehr präzise im zehnten Kapitel von Daron Acemoglus und James A. Robinsons »Why Nations Fail – The Origins of Power, Prospe­ritiy, and Poverty« nachlesen.