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Review

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit

Pionierin der Gleichberechtigung

Frauen, ran an die Mikrophone!

Pionierin der Gleichberechtigung

»Das Gesetz kann nicht geändert werden, solange die Welt noch nicht bereit ist.« – Die Berufung

Als Ruth Bader Ginsburg Anfang der 50er Jahre ihr Jura­stu­dium an der Harvard-Univer­sität antritt, ist sie eine von gerade einmal neun Frauen ihres Studi­en­gangs. Umringt von einem Heer aus Männern betritt sie mit Faszi­na­tion im Blick das Gebäude. Diese erste Szene wirkt nicht zuletzt durch die laute, mit Trommeln vers­tärkte Musik, äußerst imposant. Der Kontrast zwischen der kleinen, dadurch sehr feminin wirkenden, von Felicity Jones (bekannt aus Die Entde­ckung der Unend­lich­keit) verkör­perten Ruth und ihren groß­ge­wach­senen, männ­li­chen Kommi­li­tonen mit ihren Akten­ta­schen zieht sich durch den kompletten Film und bereitet nicht gerade subtil auf das Konflikt­thema des Filmes vor.

Während einer Zeit, in der es als Privileg gilt, als Frau studieren zu dürfen, absol­viert Ruth ihr Studium als Beste ihres Jahrgangs und schafft es entgegen der gesell­schaft­li­chen Erwartung, sowohl eine Familie zu gründen als auch ihren an Krebs erkrankten Mann zu unter­s­tützen. Der auf der Biografie der Verfas­sungs­rich­terin Ruth Bader Ginsburg basie­rende Film zeigt ihren Weg und ihren Kampf gegen die damals vorherr­schende Unge­rech­tig­keit zwischen Mann und Frau. Von Anfang an beschäf­tigt sie sich mit der unter­schied­li­chen Behand­lung von Männern und Frauen vor dem Gesetz. Jedoch gibt ihr erst ihre Tochter Mitte der 60er, einer Zeit, in der die Frauen auf die Straße gehen und für ihre Rechte einstehen, den entschei­denden Anstoß, eine Änderung herbei­zu­führen, dies mit den Mitteln der Jusitz: Sie schafft einen Präze­denz­fall der Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung und verändert darüber die Recht­spre­chung. Die Hinder­nisse, die den Menschen durch die Geschlech­ter­rol­len­ein­tei­lung in den Weg gelegt werden, sind das große Thema des Justiz­dramas, das den Gender­dis­kurs der Zeit in seinen Grund­festen aufgreift.

Obwohl die von Ruth geführte Verhand­lung vor dem Verfas­sungs­ge­richt der Verei­nigten Staaten den Höhepunkt des Films bildet, stellt der Film die juris­ti­schen Grund­lagen nicht im Detail dar. Vielmehr rückt Regis­seurin Mimi Leder das Privat­leben der Juristin in den Fokus, wodurch das Poli­ti­sche wiederum in den Hinter­grund tritt. Neben dem öffent­li­chen Kampf um Frau­en­rechte zeigen viele Szenen das Fami­li­en­leben der Ginsburgs, die eine für damalige Verhält­nisse äußerst fort­schritt­liche Beziehung offen­baren. Beide gehen arbeiten, kochen, putzen und erziehen die Kinder glei­cher­maßen. Der Neffe von Ruth Ginsberg, Daniel Stie­p­leman, hat das Drehbuch geschrieben, das diese Momente betont und die harmo­ni­sche Beziehung, in der beide Partner gleich­ge­stellt sind und Ruth von ihrem Mann unter­s­tützt wird, heraus­stellt. Auch wenn dies, durch das Wissen um die damalige Rollen­ver­tei­lung, zunächst propa­gie­rend aufge­fasst werden könnte, werden hier wohl wahre Bege­ben­heiten auf authen­ti­sche Weise wieder­geben, wie sie die echte Ruth Ginsburg in dem 2018 erschie­nenen Doku­men­tar­film RBG – Ein Leben für die Gerech­tig­keit schildert. Die Darstel­lung der Familie legt natürlich auch nah, dass Stie­p­leman seiner Tante mit dem Film ein warm-emotio­nales Denkmal setzten will.

Der Film baut durch die familiäre Atmo­s­phäre eine große Nähe zu den Figuren auf. Dadurch entsteht eine hoch­e­mo­tio­nale Geschichte, die an das Gerech­tig­keits­emp­finden in uns allen appel­liert. Bei aller Historie, die der Film uns beiläufig als Crash-Kurs in Sachen Frau­en­recht präsen­tiert, ist Die Berufung auch hoch­ak­tuell. Gerade in unserer Zeit, in der die Gesell­schaft den Gender­dis­kurs in neuer Form aufleben lässt, macht er sichtbar, welch weiten Weg wir seit den 1950er/60er Jahren zurück­ge­legt haben. Gleich­zeitig macht er auch deutlich, dass die Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung als ein ernst­zu­neh­mendes Problem mit exis­tenz­ein­schrän­kenden, gar exis­tenz­be­dro­henden Ausmaßen begonnen hatte, aus dem sich eine ganze Protest­be­we­gung entwi­ckelte. Vor diesem Hinter­grund erscheinen die heutigen Debatten über das richtige Gendern geradezu kleinlich.

Die Handlung des Films erstreckt sich über mehrere Jahr­zehnte, bleibt jedoch trotz großer Zeit­sprünge klar struk­tu­riert und nach­voll­ziehbar, womit sie dem langen Weg und den damit verbun­denen Hinder­nissen von Ruth den ihr gebüh­renden Respekt in einem so großen Ausmaß erweist, wie es in einem knapp zweistün­digen Film nur möglich ist. Die Berufung zeigt die Bemühungen, einen neuen Präze­denz­fall der Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung im Gesetz zu schaffen, und wie Ruth damit einen Meilen­stein in der Geschichte setzen konnte und zur Ikone der ameri­ka­ni­schen Frau­en­rechts­be­we­gung wurde. Der Film überzeugt durch aussa­ge­kräf­tige Reden, die drama­tur­gisch stark in Szene gesetzt sind, was alles in allem in einem packenden und nach­denk­lich stim­menden Film resul­tiert.