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Review

Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes

Damals wie heute

Filmszene »Die Bologna-Entführung - Geraubt im Namen des Papstes«
In den Händen des Papstes... (Foto: Pandora)

Damals wie heute

Marco Bellocchios historisches, ein wenig aus der Zeit gefallenes Historiendrama überzeugt vor allem durch sein Thema, die subtile Darstellung des perfiden machiavellistischen Antisemitismus der katholischen Kirche

Es war schon damals ein Skandal, als im Jahr 1858 Soldaten des Papstes in das Haus der Familie Mortara im jüdischen Viertel von Bologna eindrangen und auf Befehl des Kardinals den jüdischen Jungen Edgardo Mortara aus seiner Familie entführten, um den 7-jährigen in einem katho­li­schen Internat in Rom unter der Obhut von Papst Pius IX. zum katho­li­schen Glauben erziehen zu lassen. Zwar hatte es ähnliche Entfüh­rungs­fälle von angeblich getauften Kindern nicht­christ­li­cher Eltern im damaligen Kirchen­staat schon zuvor gegeben, ohne dass sie vergleich­bares Aufsehen erregt hatten, doch Edgardos Eltern setzten nicht nur inter­na­tio­nale Zeitungen auf den Fall an, so dass sogar in den USA davon gespro­chen wurde, sondern vor dem Hinter­grund des Risor­gi­mento, der soge­nannten Wieder­auf­er­ste­hung des italie­ni­schen Natio­nal­staates zwischen 1815 und 1870, lieferte der Fall Edgardo Mortara in den Jahren 1858 bis 1860 insbe­son­dere der liberalen Seite ein emotio­nales und sehr schlag­kräf­tiges Argument für ihre Forderung nach einer Trennung von Staat und Kirche.

Vor diesem Hinter­grund ist es kaum verwun­der­lich, dass die Entfüh­rung Edgardos schon schnell großer Bühnen­stoff wurde, der noch 2002 vom Pulitzer-Preis­trä­gers Alfred Uhry unter dem Titel Edgardo Mine als Komödie auf die Bühne gebracht wurde; im selben Jahr, als Anthony Hopkins für die Rolle des Papstes Pius IX. in dem Film »The Kidnap­ping of Edgardo Mortara« unter­schrieb, ein Projekt, das jedoch wenig später ad acta gelegt wurde.

Anthony Hopkins wäre wohl auch in Marco Belloc­chios Verfil­mung des Stoffes die ideale Besetzung gewesen, um die ambi­va­lente Gestalt von Pius IX. mit seiner dogma­ti­schen, zum Teil abstrusen, fast schon grotesken Grund­hal­tung zu verkör­pern, der aber dennoch mit Charisma und machia­vel­lis­ti­schem Gespür verstand, den theo­kra­ti­schen Staat würdevoll zu reprä­sen­tieren. Belloc­chios von Paolo Pierobon gespielter Papst bietet diese Wider­sprüch­lich­keit und Komple­xität leider nicht an. Statt­dessen sabbert und irrlich­tert er in seinen Gemächern umher, um nur dann und wann seine zere­mo­ni­ellen Riten zu versehen.

Belloc­chio, eines der Urge­steine des gegen­wär­tigen italie­ni­schen Films, der bereits 1965 mit Mit der Faust in der Tasche sein Regie­debüt gab, ist weniger am Papst als an dem entführten Edgardo (Enea Sala als Kind, Leonardo Maltese als junger Mann) und dem damaligen Zeit­ko­lorit inter­es­siert. Das jüdische Kauf­manns­leben in Bologna wird mit fast schon barocker Üppigkeit genauso bebildert wie Edgardos Alltag im Internat und seine langsame, aber nach­hal­tige Bekehrung zum katho­li­schen Glauben und eine Beziehung zu seinem Entführer, die dem Stockholm-Syndrom in nichts nachsteht, hier aller­dings unter dem Deck­mantel rigoroser, reli­giöser Erziehung genauso gut funk­tio­niert.

Belloc­chios Hang zur opulenten Ausstat­tung und Betonung auf die archi­tek­to­ni­sche Insze­nie­rung des Falles wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen und verhin­dert wohl auch, dass die Tragödie vor allem im ersten Teil tatsäch­lich berührt, wirkt der Junge hier eher wie ein Spielball der Ideo­lo­gien und sind es dann auch eher wieder nur Räume mit ihren Menschen, und die Pracht Bolognas und Roms statt charak­ter­li­cher Fein­zeich­nung, auf die sich Belloc­chio konzen­triert. Erst im letzten Teil zieht Belloc­chio die melo­dra­ma­ti­schen Schrauben wirklich an. Nun wird auch die Zerris­sen­heit Edgardos spürbar, auch wenn diese erfun­denen Passagen ein wenig zu über­ra­schend und behauptet passieren und mit der histo­ri­schen Gestalt nicht unbedingt über­ein­stimmen.

Trotz dieser Defizite gelingt es Belloc­chio, die komplexen Struk­turen eines politisch instru­men­ta­li­sierten Anti­se­mi­tismus über seine Charak­tere und den damaligen Zeitgeist spürbar und trans­pa­rent zu machen und spannend von einer Zeit zu erzählen, von der außerhalb Italiens kaum einer etwas wissen dürfte. Und die einmal mehr, so wie es die Geschichte ja immer wieder anbietet, ein fast schon unheim­lich idealer Spiegel für eine Gegenwart ist, in der politisch instru­men­ta­li­sierter Anti­se­mi­tismus und die abstrusen Forde­rungen nach kirchen­staat-ähnlichen Verhält­nissen wieder modern geworden und in Ländern wie dem Iran oder Afgha­ni­stan seit Jahren poli­ti­sche Realität sind.