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Review

Die Ermittlung

Das Banale gibt es nicht

Filmszene »Die Ermittlung«
Der Richter: Rainer Bock (Foto: Leonine)

Das Banale gibt es nicht

RP Kahls Die Ermittlung ist ein bahnbrechender Film über den Frankfurter Auschwitz-Prozess

Eine karge Bühne, typische Black Box eines Off-Theaters. Schau­spieler sprechen mit deut­li­cher Arti­ku­la­tion, ein Verhör ist im Gang. Ein Richter, ein Staats­an­walt, Männer und Frauen, die in den Zeugen­stand gerufen werden. Seitlich sitzen, wie in einem Amphi­theater aufge­türmt, die achtzehn Ange­klagten. Als wären sie bloß Zuschauer in dem Prozess, oder gar auf einer Fußball­tri­büne, begleiten sie die Befra­gungen durch den Richter und Staats­an­walt mit Reak­tionen, flüstern sich was zu, schütteln den Kopf. Meist schauen sie mit leerem Blick vor sich hin. Sie sind entweder empört – oder ungerührt.

Will­kommen beim Prozess von Auschwitz.

Erst 1965, zwanzig Jahre nach dem Ende der Schre­ckens­herr­schaft der Natio­nal­so­zia­listen, zwanzig Jahre nach Been­di­gung ihres Vernich­tungs­feld­zuges und zwanzig Jahre nach der Befreiung der Konzen­tra­ti­ons­lager, wurde der erste Prozess in Frankfurt abge­schlossen, der zwei Jahre lang von der bundes­deut­schen Justiz gegen Nazi-Verbre­cher durch­ge­führt wurde. Angeklagt waren ehemalige Ange­stellte des Konzen­tra­ti­ons­la­gers. Bis zu ihrer Verhaf­tung hatten sie ganz normal in der jungen Bundes­re­pu­blik gelebt, sich eine neue Identität gegeben und gear­beitet. Als Hand­werker, Kran­ken­pfleger, Lehrer und Ärzte. Nur vier Jahre zuvor hatte Hannah Arendt anläss­lich des Prozesses gegen Adolf Eichmann, der die Depor­ta­tionen und Ermor­dungen in den Konzen­tra­tions- und Vernich­tungs­la­gern in ganz Europa verant­wor­tete, den Gedanken von der »Banalität des Bösen« geprägt. In Frankfurt wurden neben den ange­klagten Nazi-Verbre­chern auch Über­le­bende des Holocaust als Zeugen der Nazi-Verbre­chen angehört. Ihre Zeugen­schaft bringt die Monströ­sität des Bösen hervor. Das Banale gibt es nicht.

Der Berliner Regisseur RP Kahl hat einen konzen­trierten Film über den Prozess geschaffen, der zunehmend zu einer Höllen­fahrt direkt ins Zentrum der Vernich­tung wird. Die Ermitt­lung basiert auf dem gleich­na­migen Stück von Peter Weiss, das er auf der Basis der Zeitungs­be­richte über die Frank­furter Prozess­tage geschrieben hatte. Weiss konden­sierte Hunderte von Aussagen von Zeugen und Ange­klagten, wie sie in den Tages­zei­tungen wieder­ge­geben wurden – es lagen keine eigent­li­chen Gerichts­pro­to­kolle vor – und schrieb das »Oratorium in 11 Gesängen«, ein doku­men­ta­ri­sches Bühnen­s­tück. Wie Weiss verzichtet auch Kahl in seinem Film auf die illu­si­ons­stif­tende Mimesis und die darstel­lende Reprä­sen­ta­tion. Die ganze Konzen­tra­tion kommt dem gespro­chenen Wort zu. 60 Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler, darunter Nicolette Krebitz, Peter Lohmeyer, Axel Pape, Chris­tiane Paul, Sabine Timoteo, erzählen in unaus­weich­li­cher Klarheit vom Grauen des Holo­causts. Rainer Bock als Richter, Clemens Schick als Ankläger und Bernhard Schütz als Vertei­diger lenken den Prozess.

RP Kahl hält sich eng an den Text von Weiss und folgt der topo­gra­phi­schen Struktur seiner »11 Gesänge«. Es beginnt an der Rampe, bei der Depor­ta­tion, befragt wird als Zeuge der Bahn­hofs­vor­stand. Dann ein Zeuge, der in einem der als »Umsied­ler­trans­porte« getarnten Depor­ta­tionen mitfuhr. 89 waren sie im Waggon, er erzählt von der Not und der Notdurft, vom Heraus­werfen der Toten aus dem Zug. Dann, Ankunft: »Am Ende der Rampe war der Himmel rot gefärbt, die Luft war voll von Rauch. Der Rauch roch süßlich und versengt. Dies war der Rauch, der fortan blieb.«

Peter Weiss schreibt diese Zeilen als epische Verse, mit Zeilen­um­brüchen und ohne Satz­zei­chen. Seine Vorbilder waren Homers »Odyssee« und Dantes »Divina Commedia«. RP Kahl hat dem Text seinen lite­ra­ri­schen Kunst­willen wieder genommen und bringt ihn in seiner Insze­nie­rung in den natür­li­chen Sprach­fluss zurück. Er verzichtet jedoch auf natu­ra­lis­ti­sche Aussprache und folgt im Stil der Schau­spiel­füh­rung eher Aki Kauris­mäkis »No Acting« als dem Hollywood'schen »Method Acting«. Es gibt keine Emotio­na­li­sie­rung, kaum stockende Reden, keine Tränen, kein Schreien. Es zählt das gespro­chene Wort.

Nach der »Rampe« geht es ins »Lager«, dann folgt die erste Todesart, die »Schaukel«, später die »schwarze Wand«, das »Phenol« und schließ­lich: »Zyklon B«. Am Ende bleiben nur noch die »Feueröfen«. Jede Station ist ein Gesang, der intensiv dieses eine Thema entfaltet. Nur einmal gibt es kurz Hoffnung, mit der »Möglich­keit des Über­le­bens«. Der Gesang aber zeigt die Grau­sam­keit des Vernich­tungs­sys­tems, die Perfidie der etablierten Gefan­ge­nen­hier­ar­chie, zeigt den in Gang gesetzten Darwi­nismus und den unbe­dingten Über­le­bens­willen der Inter­nierten. Man erinnert sich an Giorgio Agambens »Was von Auschwitz bleibt«, an die Zeugen­be­richte dort. »Ich hatte den festen Entschluss gefasst, nicht frei­willig in den Tod zu gehen. Ich wollte alles sehen, alles durch­ma­chen, alles erfahren, alles in mir aufnehmen. Ich wollte mich nicht ausschalten, nicht den Zeugen ausschalten, der ich sein konnte.«

Auch über den Zustand der BRD nach zwanzig Jahren Entna­zi­fi­zie­rung erfährt man viel. Darüber, dass die Akteure von damals unbe­hel­ligt, auch von schlechtem Gewissen oder Albträumen, einfach wieder ins zivile Leben zurück­ge­kehrt waren. Die Gene­ral­aus­rede für die Ankla­ge­punkte lautet stets: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Oder: Ich habe nur einen Befehl ausge­führt. Oder: Das habe nicht ich gemacht, dafür war der »Funk­ti­ons­häft­ling« zuständig. Man lernt im Laufe des Prozesses auch viele Unworte.

Acht Kameras fangen die Befra­gungen auf der Bühne ein, gedreht wurde jeder Gesang in nur einer Einstel­lung, mit einer je unter­schied­li­chen Licht­dra­ma­turgie. Kühles Weißlicht schält zu Beginn die Akteure aus dem Dunkel der Bühne. Ab dem 4. Gesang von der »Möglich­keit des Über­le­bens« und mit dem nahenden Tod setzt die Farb­dra­ma­turgie ein. In grün­li­ches, oran­ge­far­benes, höllen­rotes Licht getaucht, verun­heim­licht sich das Bühnen­ge­schehen zur Geis­ter­bahn­fahrt, gibt senso­ri­sche Reize, die direkt das emotio­nale Zentrum im Gehirn anspre­chen. Matti Gajek, bekannt als Komponist von hypno­tisch-elek­tri­sie­renden Musik-Disso­nanzen, hat einen beun­ru­hi­genden, eindring­li­chen Score geschaffen, der nur an wenigen Momenten im Film anhebt, und in die Schil­de­rungen hinein­zieht.

Über die Schrecken der Nazi-Herr­schaft, auch über Gerichts­pro­zesse, gibt es viele Filme. Sie sind wichtige Erin­ne­rungs­kultur, aber auch ein ziemlich sicheres Ticket für das Oscar-Rennen. Es gibt gute und über­ra­schende Filme wie Vadim Perelmans Persisch­stunden, oder László Nemes beklem­menden Son of Saul. Bei Perelman ist jedoch die märchen­hafte Fiktio­na­li­sie­rung das Problem, bei Nemes wiederum, der direkt an die Öfen von Auschwitz führt, zeigt sich die obszöne Grenze des Darstell­baren. Die auffäl­lige künst­le­ri­sche Gestal­tung mit klaus­tro­pho­bi­schem 4:3-Bild­format und durch­drin­gendem Sound-Design machen das Unvor­stell­bare zwar eindring­lich, mit der Konzen­tra­tion auf das eine Schicksal aber verwehrt es das Verstehen der Komple­xität.

Hier, bei RP Kahl, gibt es das alles nicht, weder die Fiktio­na­li­sie­rung, noch den ästhe­ti­schen Über­schuss. Es gibt kein Reenact­ment. Keine Drama­ti­sie­rung. Alles ist ohnehin Drama und Schrecken, der nichts weiter braucht als die Schil­de­rungen der vor Gericht Aufge­ru­fenen. Ihre Worte entwi­ckeln einen unaus­weich­li­chen Sog, der immer stärker wird, je weiter das vier­stün­dige Opus voran­schreitet. Bis es kein Entrinnen mehr gibt.

RP Kahl hat ein Monument von einem Film geschaffen und einen Meilen­stein gesetzt, wie von nun an mit diesem deutschen Horror-Stoff umzugehen sei. Sein doku­men­ta­ri­scher Spiel- und Thea­ter­film beweist, dass sich auch die Kino­lein­wand hervor­ra­gend dazu eignet, Verzicht zu üben und ganz auf die Kraft der Worte zu vertrauen. Natürlich verlangt sein vier­stün­diges Epos dem Zuschauer einiges ab. Aber nicht die Länge und die Redu­ziert­heit der Darstel­lung sind das Heraus­for­dernde. Es sind die nüch­ternen Zeugen­aus­sagen und die Abwehr­stra­tegie der Ange­klagten, die zunehmend Ekel erzeugen. Genuiner Ekel vor dem Horri­fi­zie­renden, nur durch die Kraft der Worte hervor­ge­bracht.

Der Verleih Leonine, der auch schon Jonathan Glazers außer­ge­wöhn­li­chen Auschwitz­film The Zone of Interest vertrieben hatte, bringt Die Ermitt­lung nun in 57 Kinos heraus. Es ist ein beispiel­haftes Statement eines Mega-Players der Branche, sich auch für schwie­rige Filme zu enga­gieren und der Erin­ne­rungs­kultur finanz­kräf­tige Unter­s­tüt­zung zu geben. So ist aus vielen Gründen Die Ermitt­lung schon jetzt der mutigste und beste deutsche Film des Jahres.