Review
Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
Die Judas-Symbiose
Die Judas-Symbiose
oder: Ich bin wie Du
Er ist ein Mann des unsteten Blicks. Einer, der anderen nicht lang in die Augen sehen kann, der schnell verlegen anfängt umherzuschauen. Einer, dem leicht das Herausfordernde aus dem Geschau weicht, um einer fragenden, unterwürfigen Suche nach Bestätigung, Gefallen zu weichen.
Er ist ein Mann, dessen Mund ihn oft verrät. Ein Mund, der zu bereitwillig lächelt und grinst, um dann genau so eilig ins Schmollen zu verfallen. Ein Mund, der nicht selten halboffen steht, aus
Unverständnis oder im Warten darauf, dass ihm die rechten Worte einfallen, oder dass er gefragt ist.
Er ist ein Mann ohne die Stimme eines Mannes. Kraft und tonlos klingt sie meist, wie heiser. Sie sitzt zu hoch, nicht in der Brust, sondern scheinbar irgendwo über dem Kehlkopf, und manchmal schnappt sie über, wie in einer Erinnerung an den Stimmbruch, der so lang noch nicht zurückliegt.
Robert Ford ist 19 Jahre alt, ein Teenager, der jüngste von drei Brüdern, einer, der die
Zurückweisung kennt und leere Versprechungen. Wie die meisten Teenager ist er erfüllt von einem Gefühl, für Höheres berufen zu sein, erfüllt von Fantasien der Macht und des Ruhms. Und wie bei den meisten Teenagern ist sein Leben eine einzige Erfahrung von Machtlosigkeit, von Gewöhnlichkeit und Unerkannt-, Unverstandensein.
Es ist mithin nichts Ungewöhnliches, dass Robert Ford seine Träume aus zweiter Hand zu leben versucht – durch ein Idol, durch einen Star.
Robert Ford ist ein Fan, er sammelt Reliquien seines Helden in einem Pappkarton-Schrein unter dem Bett, verfolgt obsessiv dessen Abenteuer in den Medien – Groschenheften damals, die nach dem »Print the Legend«-Prinzip funktionieren –, und er sucht gleich eines Esoterikers nach selbst den obskursten Verbindungen, die
ihn mit seinem Idol verbinden: Körpergröße, Beruf des Vaters, Anzahl der Buchstaben im Namen des mittleren Bruders...
Fords Wunsch ist zunächst der jedes Fans: Seinem Star so nah zu sein wie möglich, sich in dessen Glanz zu sonnen. Von ihm die Bestätigung zu bekommen: Ja, eigentlich sind wir ganz ähnlich. Ja, ich bin wie du.
Aber Ford geht, wie die manisch-obsessiven Fans, auch den entscheidenden Schritt weiter: Sein ultimativer Wunsch ist, eins zu werden mit dem Vergötterten,
ihn auszulöschen, ihn sich einzuverleiben, an seine Stelle zu treten. Ford will erst zum Doppelgänger werden – er legt den vom Vater geliehnen Mantel ab und besorgt sich einen Anzug, ganz ähnlich dem seines Idols; er studiert die Manierismen des Stars bis ins Detail; und als Ford, eher durch Zufall, seinen ersten Mord begeht, da kann er nach dem ersten Schock das Grinsen am nächsten Tag kaum verbergen, da lässt er seinen Colt in den Holster wirbeln, als wäre er jetzt von heute auf
morgen auch ein richtiger Gunslinger geworden.
Ist er seinem Star aber erst einmal ähnlich genug, dann will er, muss er im letzten Schritt das Original tilgen.
Robert Ford will ein Parasit sein. Aber was er nicht bemerkt, nicht begreift ist, dass der anvisierte Wirtskörper schon längst leer ist. Sein vermeintlicher Doppel- ist nurmehr ein Wiedergänger.
Fords Idol ist Jesse James, doch der Mann, den Ford in den 1880ern trifft, ist selbst nur ein Schatten, ein Überbleibsel seiner Legende, die sich verselbständigt hat. Er trägt nicht einmal mehr den selben Namen, gibt sich als Mr. Howard aus. (Namen sind wichtig in diesem Film voller Brüder,
Cousins, Verwandschaften; immer wieder geht es um das Benennen, Bezeichnen – »You can hide things in vocabulary,« heißt es einmal.) Er ist sesshaft gewordener Familienvater und Geschäftsmann, nicht mehr die überlebensgroße Figur, von der es anfangs heißt »Rooms were hotter when he was in them, rains fell straighter, clocks ticked slower«.
Und er ist müde und krank, sein Körper gezeichnet, genarbt von den wilden Jahren. Er ist angeekelt von der eigenen
Brutalität. Er hat schon einmal einen Fuß ins Jenseits gesetzt, und seither freut ihn das Leben nicht mehr.
Das neue Jahrhundert zieht herauf, seine Städte wuchern und dringen vor, und es hat keinen realen Platz, kein Land mehr für einen Jesse James, dessen Reich bald allein die Legende, der Mythos sein wird.
Ford kann gerade noch am letzten Raubzug der James-Brüder teilhaben, einem nächtlichen Eisenbahnüberfall. Er ist einer der angeheuerten Schergen, die statt der ursprünglichen James-Gang dabei mithelfen – welche längst zerstreut, verhaftet, tot ist. Mit ihren weißen Stoffsäcken mit Augenlöchern als Masken sehen diese Banditen im dunklen Wald im Licht des Lokomotivscheinwerfers aber selbst schon aus wie Gespenster.
Danach sitzt Ford mit Jesse James zigarrerauchend auf
einer Veranda, plappert sein Idol voll, und da gibt es am Ende diesen Blick des großen Outlaws, mit dem er seinen Fan taxiert. Als wolle er Maß nehmen. Und es fällt nicht schwer zu glauben, dass James bereits in diesem Moment alles begreift und plant und in Bewegung setzt: Denn dieser Möchtegern-Parasit bietet sich für Jesse James perfekt zur Symbiose.
James hält, wie gesagt, nicht mehr viel in dieser Welt, diesem Leben, und er trägt – wie er Fords Bruder einmal auf einem
zugefrorenen See erklärt – schon lange den Gedanken in sich, sich daraus zu verabschieden. Aber ein einfacher Selbstmord kommt für einen Jesse James nicht in Frage, ohne das rechte Dahinscheiden wird eine Legende nicht zur Legende. Ein Heiland braucht seinen Opfertod – und in James ist wohl dort auf der Veranda die Erkenntnis gekeimt, dass ihm dieser 19-jährige Gernegroß als Judas taugen könnte, dass er ihn zum Instrument seines Suizids und seiner Vollendung formen
könnte.
Ford ist, trotz all seiner Machtfantasien, ein zögerlicher Mensch, der zu fast jeder Handlung gedrängt und gestoßen werden muss. Es dauert, bis James ihn dort hat, wo er ihn braucht, ein kompliziertes Geflecht aus Verrat ist notwendig, und James muss ihn in sein Heim aufnehmen, muss ihn beherbergen und nähren, muss ihm den letzten Schritt unausweichlich machen. Und selbst als James mit schwerem Herzen und langem Blick auf seine draußen spielende Tochter endgültig Abschied genommen
hat von der Möglichkeit, einfach völlig zu »Mr. Howard« zu werden, selbst als James sich wie ein Opferlamm waffenlos und mit dem Rücken zugewandt Ford präsentiert – Ford, den er hat wissen lassen, dass sein Verrat durchschaut und damit eigentlich SEIN Todesurteil unterzeichnet ist –, selbst da braucht Ford noch quälende Sekunden, bis er endlich, endlich abdrückt und Mr. Howard sterben lässt, damit »Jesse James« das ewige Leben erlangt.
Und dann hat Ford nicht das Rückrat,
der von ihm eben zur Witwe gemachten Mrs. Howard ins Gesicht zu sehen und zu seiner Tat zu stehen, er druckst etwas von einem »Unfall«. Erst das Telegramm, dass er dann absendet, »I shot Jesse James«, das macht ihn vermeintlich zum Helden.
Selbst wenn sie ihre Rollen nicht so unerwartet überzeugend, nuanciert, punktgenau verkörpern würden, wie sie es tun: Casey Affleck und Brad Pitt wären an sich schon eine ideale Besetzung für The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford. Pitt, der große Star, der aber inzwischen seine jugendliche Eitelkeit und Glätte abgelegt hat, der möglicherweise die größten Höhen seines Ruhms hinter sich hat, dem man hier abnimmt, dass er einer sein könnte, der mit Mitte 30 schon müde ist. Und dagegen Affleck, der jüngere Bruder eines von keinem so recht ernst genommenen Nicht-ganz-A-Listen-Stars, einer, der alles zu beweisen hat, dem man das Frische und Unsichere sofort glaubt. Es ist eine dieser Konstellationen, wo ein Film die Hierarchie des Hollywood-Starsystems, den öffentlichen Mythos der Darsteller nutzt, um die (noch) fiktiv(er)en Charaktere zu bereichern.
Die Medialität ist Andrew Dominiks großartigem Film überhaupt sehr wichtig – aber nie mit distanzierender Absicht. Im Gegenteil: The Assasination of Jesse James by the Coward Robert Ford ist eine einzige Totenbeschwörung, ist ein einziger Versuch, eine vergangene Zeit sicht-, hör-, greif-, riechbar zu machen. Wie durch die schlecht geschliffenen Linsen früher Foto- und Filmapparate sieht man die Sequenzen, in denen eine Erzählerstimme im
raunenden Imperfekt die Figuren und ihre Welt situiert. Und das spiegelt sich wieder in den Unebenheiten des Glases bei Blicken aus Fenstern im Rest des Films. Das vergegenwärtigt die Unzulänglichkeit, die Bedingtheit des Blicks – aber es macht auch eine Stofflichkeit erfahrbar: The Assassination of Jesse James ist (vor allem auf richtig großer Leinwand in scharfer Projektion genossen) ein ungemein taktiler Film. Das Gewebe der Stoffe, das Tanzen der
Staubpartikel im Sonnenlicht, das Versickern des Bluts in den Diehlenboden-Ritzen, der Qualm des Schwarzpulvers nach einem Schuss, der Weizen auf den Feldern, die Schneeflocken in der klaren, kalten Luft: All das meint man regelrecht zu spüren, anfassen zu können.
Und das macht Dominiks Film zu etwas anderem als z.B. einem bloßen Essay über Legende und Wahrheit. Er ist kein Spätwestern, dem es darum ginge, die klassischen Zutaten des Genres zu dekonstruieren, zu
hinterfragen, umzudeuten. Er weiß, dass John Ford selbst dazu alles Wesentliche geleistet hat. Er ist kein apokalyptisches Fanal des Westerns, wie die Filme Peckinpahs, und auch kein »Neo-Western« im Sinne von Unforgiven oder Open Range.
Am ehesten könnte man ihn mit den »Post-Western« der ‘70er
vergleichen, Filmen wie The Hired Hand, McCabe & Mrs. Miller oder Jeremiah Johnson – Filme, die das Western-Genre mehr transzendieren als interpretieren. Filme, die für eine sehr europäische Sensibilität
offen sind, die mehr impressionistisch wahrnehmen und erzählen. Und eben Filme, die an der Stofflichkeit, Wahrhaftigkeit, am Konkreten ihrer Welt viel mehr interessiert sind als an einer Einreihung in eine Genre-Tradition.
Zwei Pointen hat The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford am Ende für seinen zweiten Titelhelden parat. (Drei sind es, wenn man mitzählt, dass freilich bei dem erst am Ende des Films eingeblendeten Titel der Name »Jesse James« mindestens dreimal so groß in der Mitte prangt wie der Fords darunter – es wird immer klar bleiben, wer von den beiden der Star ist.)
Es ist nicht Robert Ford, der schließlich dem Ziel nahe kommt, (wie) Jesse
James zu werden. Zusammen mit seinem Bruder zieht Ford durchs Land und gibt, über 800 mal, auf den Theaterbühnen zum besten, wie er den berühmten Outlaw erlegte. (Das war die Haupt-Verwertungsmöglichkeit, die das 19. Jahrhundert solchen mehr oder minder zweifelhaften Berühmtheiten bot, wo es noch keine TV-Movies-der-Woche, Nachmittags-Talkshows und kaum »Promi«-Biografie-Bestseller gab...) Ford spielt sich selbst, sein Bruder übernimmt den Part James' – anfangs schrecklich
unbeholfen, aber dann, von Krankheit gezeichnet und zernagt von Zweifeln am eigenen Tun, schleicht sich etwas Dunkles in ihn hinein und lässt ihn dem Ermordeten immer ähnlicher werden. Wunsch zum Selbstmord einbenommen.
Und schließlich wird Ford selbst das Opfer eines Parasits zweiter Ordnung – eines Mannes, der sich Heldenruhm nicht davon verspricht, dass er einen legendären Outlaw erschießt, sondern davon, dass er einen Mann erschießt, der einen legendären Outlaw erschossen
hat. Zwischen Ford und seinem Mörder gibt es keine Symbiose mehr, keine Nähe, kein Sich-Erkennen. Es ist ein spontanes Verbrechen, schmutzig, planlos, unnütz, überfällig.
Wenn, dann hat Ford, der Sterbliche, überhaupt nur sehr spät begriffen, dass nur die wahren Stars den Luxus haben, im Tod unsterblich zu werden.