Review
Die Fabelmans
Das Kino sieht mehr als der Mensch
Das Kino sieht mehr als der Mensch
Steven Spielbergs Reise in die eigene Kindheit und Jugend ist auch reich an USA- und Filmgeschichte – ein Glücksmoment und Schlüssel zu Spielbergs Werk
Spätestens jetzt kann man mit Wehmut auf all die Regisseure zurückblicken, die nicht bis jetzt gelebt haben und die gegenwärtige Phase autofiktionalen Erzählens nicht mehr erleben konnten. Spätestens jetzt, da auch ein Altmeister wie Steven Spielberg sich von seiner Kindheit, seinem Coming-of-Age hat inspirieren lassen, um sich mit seiner Filmsprache der eigenen Vergangenheit zuzuwenden, um über das Kleine das Große, über die Familie die Welt zu erklären. Und an so großartige Arbeiten der letzten Zeit wie Paul Thomas Andersons Licorice Pizza, Mike Mills C'mon C'mon, Kenneth Branaghs Belfast, Paolo Sorrentinos Die Hand Gottes oder James Grays Armageddon Time anzuknüpfen.
James Grays autofiktionale Reise nach Queens und in das Jahr 1980 ist es dann auch, die Spielbergs Blick zurück am ähnlichsten ist, in denen nicht nur die Shoa thematisiert wird, sondern auch jüdisches Leben in den USA, das für Gray allerdings nicht mehr die düstere Mobbing-Note hat, die es für Spielberg (Gabriel LaBelle) in den späten 1950er Jahren noch hatte, als er sich wegen seines Jüdischseins auf dem College gegen körperliche Übergriffe wehren musste. Doch da ist Spielberg immerhin schon soweit innerlich gefestigt, dass er von sich bereits wie Joyce von einem Porträt des Künstlers als junger Mann sprechen kann, der seit einem traumatischen ersten Kinobesuch mit einer Art Konfrontationstherapie sein Trauma bewältigt und dabei gleichzeitig einen Traum kreiert.
Diesem Traum bis zu seiner ersten zaghaften Verwirklichung zu folgen, ist die Geschichte, die Spielberg in den Fabelmans erzählt. Und er erzählt sie so, wie es Spielberg immer gemacht hat, es ist seine Handschrift in bester Schönschrift, und er ist damit natürlich weit entfernt von einem jüngeren Regisseur wie James Gray, der den Zuschauer am Ende im Dunkeln stehen lässt, ohne rechte Hoffnung, dass es wieder Licht werde. Spielberg hingegen sieht selbst in der finstersten Dunkelheit noch Licht. Und er weiß das genau so zu erzählen. Er weiß, wann es Zeit für die großen Gefühle ist und wann die Zeit für schwierige Dialoge gekommen ist und wann die Zeit für Stille und wann für Hoffnung. Das Timing ist so perfekt und ohne Brüche wie die hier erzählte Geschichte, die wie James Grays Armageddon Time natürlich viel mehr als nur eine Familiengeschichte ist, wenn auch ohne die politischen Untiefen, die bei Spielberg einfach wegfallen. Doch es ist immer noch mehr als eine Familiengeschichte; es ist eine Geschichte über das Kino und das Lebensgefühl in Amerika in den 1950er und 1960er Jahren und auch eine große Geschichte über die Liebe und das Coming-of-Age der Liebe.
Spielberg erzählt – wunderbar verschachtelt – allerdings gleich zwei Liebesgeschichten, die beide im Kern große Missverständnisse sind. Die seines Alter Egos Sammy (Gabriel LaBelle), dessen erste große Liebe auf dem College und die ebenso schwierige Liebe seiner Eltern, seiner Mutter Mitzi (Michelle Williams) und seines Vaters Burt (Paul Dano) und die des besten Freundes Bennie (Seth Rogen), eine Menage à trois, wie ich sie in den letzten Jahren selten kunstvoller und empathischer erzählt gesehen habe. Denn wie Spielberg die Beziehungen der Erwachsenen aus der Sicht seiner ersten Kindheitserinnerungen andeutet und dann mit den Augen des Jugendlichen erst wirklich versteht, als er seine Kamera und den Film an seiner Seite hat, das ist nicht nur eine der schönsten Liebeserklärungen an offene Beziehungsarbeit, sondern auch eine der hellsichtigsten Bekenntnisse an die Macht des Kinos.
Die semibiografische Geschichte, die Spielberg hier auf so vielen Ebenen erzählt, ist so stark, berührt derartig subkutan, wird mit all den Mitteln, die diesem großen, alten Meister des Kinos zur Verfügung stehen, so zärtlich und doch konzentriert erzählt, dass es einem schon beim Wiederzählen nicht nur die Tränen in den Augen treibt, sondern dass mit jeder Wiedererzählung dieses Films das Gesamtwerk von Spielberg vor Augen tritt. Es ist fast so, als ist diese frühe Lebenserzählung der Schlüssel zu Spielbergs Werk: ist diese Art von Familie auch die Familie in allen späteren Filmen – in E.T. – Der Außerirdische ganz genauso wie in Indiana Jones oder in Catch Me If You Can, kann man dem Modell Familie so wie in Spielbergs eigenem Leben nie wirklich trauen.
Und weil dysfunktionale Familien immer auch die Notwendigkeit provozieren, sich eine „Ersatzfamilie“ schaffen zu müssen, muss schon die Liebe – im Vorfeld der Familie – an Berufe und Berufungen gebunden werden, weil die Liebe selbst sich nie erfüllt, es irgendwann immer einen Abschied gibt. Das zieht sich so durch das Werk Spielbergs wie durch diesen Film und ist so wunderbar traurig wie entsetzlich tröstlich. Man könnte auch sagen: es ist die Kunst des Lebens, weil Kunst immer ambivalent sein muss, um große Kunst zu sein.
Und so ambivalent ist dann auch die letzte große Szene dieses Films, als der junge Sammy dann tatsächlich den ersten ganz realen Schritt aus dem Traum in die Filmindustrie setzt und in einem ikonischen und fantastisch inszenierten Vorstellungstreffen auf John Ford trifft, der von niemand anders verkörpert wird als David Lynch. Und weniger wichtig ist es dann fast, was Ford über den Film zu sagen hat, sondern dass hier ein Schatten aus einer anderen Zeit spricht, der seine Heimat Familie genauso verloren hat wie Spielberg, für den die Berufung genauso essenziell zum Überleben wurde. Und dem man sich nach diesem Film genauso wünscht, einen solchen Film wie Spielbergs Fabelmans gemacht zu haben, einen Film, den man aber dennoch ganz plötzlich, für einen Augenblick nur vor Augen sieht, obwohl es ihn nie gegeben hat und nie geben wird. Es ist aber auch ein Film über die Vergänglichkeit des Kinos, denn in diesem Moment sehen wir auch, was nach Ford kommt, sehen New Hollywood am Horizont auftauchen und wieder vergehen und die Zeit des großen Blockbusterkinos anbrechen und die Zeit, die danach kommt.
Dieses assoziative Angebot begleitet den ganzen Film, gibt es immer wieder genau diese Momente. Das ist wie Zauberei, es ist ein Wunder, es ist große Kunst, es ist Spielberg.
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