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Review

Die feine Gesellschaft

Louis de Funes trifft Jean Luc Godard

Ein großer Spaß

Louis de Funes trifft Jean Luc Godard

»Ach und seht mal dort hinten die Mies­mu­schel­sammler. Ach wie pittoresk!!!« – 1910 im Norden Frank­reichs, eine reiche Familie macht Urlaub, und trifft dort auf die zurück­ge­blie­bene Land­be­völ­ke­rung. Ein Verbre­chen ereignet sich, so kommen zwei ermit­telnde Poli­zisten dazu, und es entsteht eine klas­senüber­grei­fende Liebes­ge­schichte.

Der Franzose Bruno Dumont wurde mit harten lako­ni­schen Sozi­al­dramen bekannt. Sie erzählen vom stummen Leid der länd­li­chen Unter­klassen in Flandern. Gar nicht stumm, und nicht sehr leidend wirken die Menschen in Dumonts neuem Film: Die feine Gesell­schaft. Der Film (im Original »Ma Loute«) ist nicht nur ein sehr bemer­kens­werter Stil­wandel, es ist auch einer der verrück­testen und ausge­las­sensten Filme der letzten Jahre.

Eine Komödie aus Frank­reich – das ist eben längst nicht nur braves Versöh­nungs­kino wie Ziemlich beste Freunde, oder bewusste Verlet­zung aller Spiel­re­geln inter­kul­tu­reller Correct­ness wie in  Monsieur Claude und seine Töchter sondern eine wilde furiose Humor-Achter­bahn­fahrt wie diese hier.

Starker Dialekt, Karikatur, Slapstick, Running Gags und gnaden­loses Over­ac­ting, dazu eine Schau­spiel­er­riege, zu der einer­seits Laien-Darsteller mit Segel­ohren, Sprach­feh­lern und schlechter Haut gehören, ande­rer­seits Stars wie Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi und Fabrice Luchini, markieren den sehr spezi­ellen Humor Dumonts, einen lako­ni­schen Absur­dismus, der am ehesten den Komödien von Jacques Tati verwandt ist.

Poli­zisten sind hier gleich­zeitig dick und doof, aber würdevoll, selbst wenn sie mit Wampe und Melone eine Düne herun­ter­pur­zeln, nicht einmal, zweimal, sondern zehnmal. Frauen klingen, wenn sie reden, wie Opern­diven, jodeln »oh« und »ah« und betonen bei »wie schön!« das erste Wort.

Sommer­fe­rien, die debile Land­be­völ­ke­rung trifft auf den ebenso debilen Adel aus Lille, die »Wisse-ki« zum »Aperi« trinken, entweder Hyste­riker sind, oder depressiv, oder es an »den Nerven« haben. Die Wirk­lich­keit ist unbedingt melo­dra­ma­tisch. So zeigt der Film Taucher mit altmo­di­schen Taucher­glo­cken aus Glas und Metall und wilde Stürme, er zeigt Prole­ta­rier im Wald auf Adelsjagd und brave höhere Töchter, die – ein wunder­bares Bild dieses Film – mit Krocket-Holz­schlä­gern auf einander eindre­schen. Katho­li­zismus trifft Kanni­ba­lismus, Kapi­ta­lismus die Klas­sen­ge­sell­schaft und Liebe geht über alle Klas­sen­grenzen.

Dumont entdeckt verges­sene Stil­mittel des klas­si­schen Films für das heutige Kino neu. Auch die Musik ist eine wunder­bare Wieder­ent­de­ckung: es ist die »Prelüde au deuxieme acte« des weit­ge­hend unbe­kannten belgi­schen Wagne­ria­ners Lekeu.

Die feine Gesell­schaft ist sehr sehr witzig und ziemlich klug, und der Film ist, wenn man es alles nicht mag, eine gnaden­lose Zumutung. Je länger dieser Film dauert, um so mehr spinnt er einfach. Irgend­wann fliegt eine Frau dann tatsäch­lich am Himmel über die Dünen, wie Magneto in dem Super­hel­den­film X-Men, und ein Polizist steigt aufge­blasen wie ein Heiß­luft­ballon in die Lüfte.

Hemmungslos bedient sich Dumont also bei der komö­di­an­ti­schen Hälfte der Kino­ge­schichte, vor allem beim Stummfilm-Slapstick. Alles ist überzogen – die deka­denten, inzestuös verban­delten Reichen wie die primi­tiven Armen. Will­kommen bei den Sch'tis lässt grüßen.
Dumont macht kein Geheimnis daraus, dass er auch deutliche Kapi­ta­lismus-Kritik üben will. Die Welt ist hier monströs, – im Kino aber führt diese schreck­liche Einsicht zu hinreißenden.

So ist dieser Film ein großer Spaß. Die feine Gesell­schaft ist eine durch­ge­knallte Komödie mit sehr spezi­ellem fran­zö­si­schem Charme – Louis de Funes trifft Jean Luc Godard.