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Review

Die fetten Jahre sind vorbei

Wer unter dreißig ist und nicht links, der hat kein Herz ...

Almtraum von der besseren Welt

Wer unter dreißig ist und nicht links, der hat kein Herz ...

Eigent­lich sind sie sich ja einig in ihrem Traum von der besseren Welt: frei und zwanglos sein. Deshalb können sie ja auch gemeinsam am rohen Holztisch der entle­genen Tiroler Almhütte ihren Joint genießen, der reiche alte Knacker und die drei Jung­re­vo­lu­ti­onäre, die ihn aus seiner Berlin-Zehlen­dorfer Luxuswelt entführt haben. Und in revo­lu­ti­onären Erin­ne­rungen schwelgen: der Alte erzählt von den glor­rei­chen Tagen im SDS als persön­li­cher Freund von Rudi Dutschke. Und die Kids (Mitt­zwan­ziger zwar, aber in kind­li­cher Naivität) reka­pi­tu­lieren den Zweck ihrer Villen-Einbrüche, bei denen sie nicht klauen, sondern Möbel verrücken und kryp­ti­sche Botschaften hinter­lassen. Ihre Hoffnung: die Welt lässt sich verändern, wenn die Reichen genug Angst bekommen und damit ein schlechtes Gewissen, ein Bewusst­sein der Unge­rech­tig­keit.

Man weiß nicht viel über die drei, die, bei einem Einbruch über­rascht, den Villen­be­sitzer entführen. Am meisten noch über Jule, die nach einem Auto­un­fall hoch verschuldet ist – bei eben jenem Villen­be­sitzer Harden­berg, der sie erkennt und verraten könnte. So ganz hat sie sich eben noch nicht abge­funden mit der Idee, Lehrerin zu werden, um ihre Schulden zu zahlen, die sie mit dem Job als Kellnerin im Nobel-Restau­rant nicht abstot­tern kann.
Aber weder über ihren Hinter­grund erfährt man etwas, noch über den ihrer Freunde, Jan und Peter – Plakate kleben die beiden bei ihren nächt­li­chen Ausflügen jeden­falls nicht. Aber sie sind jung, sie verzwei­feln am System, sie wollen Gerech­tig­keit, und sie suchen den richtigen Weg, diese zu erreichen. Und man fiebert mit Ihnen, auch wenn ihr Weg sie am Ende immer mehr in Richtung Terro­rismus treibt.

Hans Wein­gartner, der mit Das weiße Rauschen einen beein­dru­ckenden Erst­lings­film vorlegte, reka­pi­tu­liert in Die fetten Jahre sind vorbei seine eigene Jugend in einer Berliner WG, die eigenen Ideale und die Unsi­cher­heit über den Weg, sie zu verwirk­li­chen. Daniel Brühl hat Wein­gartner wie bei seinem ersten Film mit einer Haupt­rolle bedacht, und Daniel Brühls Gesicht ist es, dass die Werbung für den Film dominiert. Die Rolle des sensiblen Aufrüh­rers ist dem deutschen James-Dean-Wider­gänger geläufig, und auch seine Mitstreiter sind glänzend besetzt: Julia Jentsch zeigt sich als zarte Mischung aus Prag­ma­tismus und Aufstand, und Stipe Ergec (im ansonsten unter­ir­di­schen Thriller-Verschnitt Such mich nicht der einzige Licht­blick) postiert seinen Peter als Grenz­gänger zwischen Hedo­nismus und Moral. Mit dem hervor­ra­genden Burghart Klaußner als Gegenpart Harden­berg, der den Youngs­ters rheto­risch Paroli bietet, um sich dann selbst als Alt-68er darzu­stellen, hat Wein­gartner ein hervor­ra­gendes Gegen­ge­wicht zu diesem gefühls­starken Trio gefunden.

Wein­gartner und seine Co-Autorin Katharina Held scheinen die Sympa­thien ganz auf Seiten der jungen Revo­lu­ti­onäre zu setzen und zeichnen die »Knechte des Systems«, Poli­zisten und Fahr­kar­ten­kon­trol­leure, als brutal und gesichtslos. Von den öffent­li­chen Organen ist nichts zu erwarten als neue Gewalt. Doch ein Patent­re­zept gegen die Erkran­kung der Gesell­schaft wagen sie nicht mehr anzu­bieten. Natürlich lacht man mit den »Erzie­hungs­be­rech­tigten« über die Villen­be­sitzer, die ihre Porzel­lan­fi­guren in der Kloschüssel wieder­finden, doch ist Möbel­rü­cken wirklich schon Revo­lu­tion – oder ist es schlicht frus­trierter Vanda­lismus. Auch der Entfüh­rung Harden­bergs (ein Indus­tri­eller? Ein Banker? Was macht er eigent­lich, außer 5,4 Mio im Jahr?) fehlt letztlich die gesell­schaft­liche Signal­wir­kung. Und die Bezie­hungen unter­ein­ander muss das Trio erst einmal klären. Das Poli­ti­sche bleibt zunächst privat. Doch die Romantik des Aufstandes lebt weiter, und man tut alles, um Harden­berg zu wider­legen: »... und wer über dreißig noch links ist, dem fehlt der Verstand.«

Der seit langen Jahren erste deutsche Beitrag beim Film­fes­tival in Cannes wurde dort begeis­tert aufge­nommen – und gilt den Öster­rei­chern als heim­li­cher Heimat­bei­trag, denn Regisseur Wein­gartner stammt aus Tirol, und zu 20 % kommen die Produk­ti­ons­mittel von der »coop99«, der man unter anderem Barbara Alberts Böse Zellen verdankt.