Skip to content

Review

Die Geheimnisse des Schönen Leo

Die Büchse der Pandora

Mit dem BMW nach Bonn, zu Wein, Weib und Politik

Die Büchse der Pandora

»Mama, wie war Opa eigent­lich?«
Irgend­wann ist der Moment gekommen und die eigenen Kinder fragen nach der Fami­li­en­ge­schichte. Manch einer würde lieber vergessen, kaum einer erzählt bereit­willig über dunkle Kapitel der Vergan­gen­heit. Nicht so bei Benedikt Schwarzer, Absolvent der Münchner Film­hoch­schule und Regisseur von Die Geheim­nisse des schönen Leo. Er lässt sich nicht abwimmeln, fragt nach. Und erhält unbequeme Antworten, die er sich nicht hat träumen lassen.

Im seinem Doku­men­tar­film begibt er sich auf die Spuren seines Großva­ters: Leo Wagner. Er war ein CSU-Politiker der Bonner Republik und in der Öffent­lich­keit bekannt für seinen ausschwei­fenden Lebens­stil. Schwarzer hat ihn nie kennen­ge­lernt, die einzige Ähnlich­keit ist die Brille, die beide tragen, das gleiche Gestell. Was verbirgt sich aber hinter dem »schönen Leo«, dem Politiker und Salon­löwen? Wer war Leo Wagner?

Schwar­zers Suche führt ihn zu verschie­denen Stationen im Leben seines Großva­ters. Von der alten Wohnung in Günzburg bis zum Rotlicht­viertel in Bonn mit Wagners berühmt-berüch­tigtem Stamm-Etablis­se­ment »Chez nous«, in dem er sich fast täglich aufhielt. Schwarzer arbeitet gründlich. Er folgt den Spuren der Geld­ge­schäfte, führt Inter­views mit Mitar­bei­tern der Stasi, zu denen Leo Wagner Kontakt hatte, und spricht mit Zeit­zeugen, ehema­ligen Kollegen und zahl­rei­chen Geliebten. Seine Nach­for­schungen führen ihn zur sprich­wört­li­chen Büchse der Pandora, bei der es besser ist, sie nicht zu öffnen. So deckt er einen der größten poli­ti­schen Skandale der Bonner Republik auf: Sein Großvater soll beim Miss­trau­ens­votum gegen den damals amtie­renden Kanzler Willy Brandt seine eigene Partei verraten haben. Dabei spielte nicht die poli­ti­sche Über­zeu­gung eine Rolle, sondern Wagners perma­nente Geldnöte, die ihn dazu bewegten, im Gegenzug zu seiner Stimme Geld von der Stasi anzu­nehmen. Neben ihm wurde ein weiterer Politiker von der Stasi bestochen, um das Absetzen Brandts zu verhin­dern.

Hinter der öffent­li­chen Fassade: die Familie. Hell ertönt ein Kinder­la­chen, ein Mädchen spielt mit seinem Vater im Schnee. Es wirkt unbe­schwert, fast könnte man alles vergessen, was in dieser Familie schief läuft, wenn Leo mit seiner Frau durch die Natur spaziert und seine Tochter herum­tollt. Heile Welt in Schwarz­weiß. Fotos zeigen eine perfekte Fami­li­en­idylle.

Ruth Schwarzer hingegen, Leos Tochter, zeichnet ein anderes Bild von der Vergan­gen­heit, im Hier und Jetzt und in Farbe. Sie erzählt von schmerz­li­chen Erin­ne­rungen an eine Familie, die nur als Fassade diente, die als »Park­ge­le­gen­heit« genutzt wurde, wie sie sagt. Immer wieder kontras­tiert der Regisseur die Aussagen seiner Mutter mit Fotos und alten Film­auf­nahmen aus ihrer Kindheit und macht deutlich, wie weit Schein und Sein ausein­ander liegen.

Bonbon­far­bene Super-8-Aufnahmen zeigen Leo Wagner oft im Auto. Das gleiche Auto, ein alter BMW, in dem sich sein Enkel nun auf seine Spuren begibt. Es ist das Binde­glied zwischen damals und heute, das Vehikel seiner Zeitreise, viel­leicht das einzige Vermächtnis des Großva­ters und gleich­zeitig Sinnbild der Bewegung und der Suche.

Während der Regisseur im Voice-Over versucht, seine Vermu­tungen, Gedanken und Entde­ckungen zu ordnen, behauptet die ruhige Kamera von Julian Krubasik, dass alles klar auf der Hand liegt. In Wirk­lich­keit aber zerfällt, je näher Schwarzer der Wahrheit kommt, das ganze Lebens­kon­strukt. Wie ein Krimi­nal­kom­missar hat er sich auf die Suche nach den wahren Bege­ben­heiten gemacht und kommt dabei dunklen Geheim­nissen auf die Spur. So wird sein Doku­men­tar­film zum span­nenden Krimi. Als es bereits so scheint, als wären die Ermitt­lungen abge­schlossen und die Akte beisei­te­ge­legt, nehmen die Ereig­nisse noch eine Wendung, mit der niemand gerechnet hat.