Review
Die Herrlichkeit des Lebens
Hilfe, sie haben Kafka geschrumpft!
Hilfe, sie haben Kafka geschrumpft!
Die Adaption von Franz Kafkas letztem Lebensjahr an der Seite von Dora Diamant erinnert an ein verfilmtes Poesiealbum mit Best-of-Zitaten
»Am größten ist das Glück, wenn es ganz klein ist.
Deshalb würde ich, wenn ich mein Leben aufschreiben müsste,
nur Kleinigkeiten notieren.
Wie froh es mich macht,
zu sehen, wie Du Dein Weinglas hältst.
Oder wie Du Deine Schuhe bindest.
Oder einfach nur zu spüren,
wie Du mir mit der Hand durchs Haar fährst.
Ich glaube, dass die Herrlichkeit des Lebens
immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt.
Aber verhängt, in der Tiefe unsichtbar.
Ruft man sie beim richtigen Namen,
dann kommt sie.«
Das Zitat stammt aus Kafkas Tagebüchern. Man hört es beim Abspann als Off-Kommentar. In Michael Kumpfmüllers Roman »Die Herrlichkeit des Lebens« steht es auch, der Film entstand auf der Basis des Romans.
Als er im Jahr 2011 erschien, stieß er auf Neugier und Skepsis. Kafka galt als tragischer Charakter, der unter seinem autoritären Vater litt und sich zeitlebens nicht von seiner Familie emanzipieren konnte. Er hatte weder eine stabile, glückliche Beziehung noch einen Beruf, der ihn erfüllte. Wegen einer unheilbaren Lungentuberkulose wurde er mit 39 Jahren pensioniert. Kafkas einzige Leidenschaft war die Literatur. Doch auch das Schreiben fiel ihm schwer. Selten war er mit den Texten, die er fertigstellte, zufrieden. Auf dem Sterbebett bat er seinen besten Freund Max Brod, alle zu verbrennen.
Kann man das letzte Lebensjahr eines todkranken neurotischen Schriftstellers, der für seine Schilderungen von Absurdität, Ausweglosigkeit und übermächtiger Bürokratie bekannt geworden ist, glaubwürdig als glückliche Liebesgeschichte erzählen?
Ja, man kann, und zwar mit einem großartigen Ergebnis! Michael Kumpfmüller hat das in seinem Roman eindrucksvoll bewiesen. Der klare, nüchterne Stil erzeugt Faszination, Identifikation und einen magischen Sog. Der Roman beschreibt präzise positive als auch negative Ereignisse und Eindrücke. Abwechselnd aus Franz' und Doras Perspektive. Sowie eine Überfülle von Details, also sinnliche Kleinigkeiten, ähnlich wie Kafka es in dem Zitat formuliert hat.
Wenn der Roman beginnt, balanciert Franz schon auf der Schippe des Todes. Dora bleibt nichts anderes übrig, als ihm auf dieser Schippe Gesellschaft zu leisten. Trotzdem wird ihr gemeinsames Jahr geprägt durch die Liebe, die sich zwischen ihnen entwickelt. Aber auch durch innere Zweifel, wirtschaftliche und gesundheitliche Probleme, sowie starre gesellschaftliche Konventionen und Vorurteile: Ihr Altersunterschied von 15 Jahren. Beide waren nicht ganz »frei«, sondern »mehr oder weniger« liiert. Dora hatte keinen leichten Zugang zu Kafkas Werk. Kafkas jüdische, assimilierte Familie lehnte gläubige, jüdische »mittellose Flüchtlinge aus dem Osten« ab. Dora stammte aus einer religiösen, verarmten polnisch-jüdischen Familie. Ihr Vater wiederum verweigerte Franz die Erlaubnis, Dora zu heiraten, da er kein gläubiger Jude war. Ohne diese Erlaubnis war er – wie bei seinen bisherigen drei Verlobungen – nicht bereit, Dora zu heiraten. Dazu kam Kafkas sich stetig verschlechternder Gesundheitszustand. Die Geldgier von Ärzten, die ihm nicht helfen konnten. Die Inflation und der auflodernde Antisemitismus im Berlin der Weimarer Republik. Doras Enttäuschung, weil Franz bei seiner Familie nicht zu ihr stand. Während sie bereit war, alles für ihre Beziehung zu geben. Diese Liste ließe sich fortsetzen oder man kann sie zusammenfassen mit: So ist das Leben.
Dem Roman gelingt das Kunststück, diese Realität wie auch die wundervolle Liebe zwischen diesen beiden komplexen Figuren klar, genau und wertfrei zu erzählen. Glück und Unglück sind ausbalanciert. Eine vielversprechende Voraussetzung für eine Adaption.
Was haben die Drehbuchautoren (Michael Gutmann und Georg Maas, auch Regie) aus dieser Liebe unter Widrigkeiten gemacht? Welche filmischen Lösungen haben sie für die Liebe gewählt und welche für die Widrigkeiten? Welche Motive haben sie gestrichen, welche gekürzt, welchen geben sie Raum?
Auffallend ist, dass sehr Vieles, das negativ, problematisch oder ambivalent ist, rausgekickt, gekürzt oder anekdotenhaft verniedlicht wurde.
Die folgenreichste Veränderung besteht darin, aus zwei außergewöhnlichen Charakteren zwei gewöhnliche Menschen zu machen. Dementsprechend werden ihre Begegnung, ihr Kennenlernen und ihre Nähe mit Standardszenen erzählt wie aus dem Ratgeber »Romantik für Dummies«: Dora und Franz machen Fadenspiele auf einer Bank mit Meerblick. Sie spazieren barfuß am Strand. Kleine Wellen umspülen ihre Füße. Franz folgt Doras Idee, sich in Unterwäsche ins Meer zu stürzen (trotz Tuberkulose!?). Franz holt Dora mit einem brausenden Motorrad zum Date ab. Über allem scheint die liebe Sonne. Dora bringt Franz Tanzschritte bei. Franz kauft Dora von einem Verlagsvorschuss einen Blumenstrauß.
Hat Kafka seine Manuskripte wirklich ostentativ vor Doras Augen in den Ofen geworfen? Sodass sie fragen muss: Was machst du da? Die Wunschvorstellung jedes Kafka-Fans ist, dass er weniger theatralisch war, also dass er sie heimlich verbrannt hat.
Die Kinder aus armen jüdischen Familien, die Dora in einem Kurheim an der Ostsee betreut, sind allesamt niedlich und brav. Eigentlich schon streberhaft. Kein Wunder, dass kein Kind eine natürliche Reaktion zeigt, nachdem Kafka seine Fabel von der chancenlosen Maus erzählt hat, die von der Katze gefressen wird. Interessant wäre es gewesen, der Realität eine winzige Chance zu geben. Also wenn wenigstens ein Kind gesagt hätte: Verstehe ich nicht. Oder: Katzen sind doof. Stattdessen: Der Tod der Maus macht alle Kinder zu Kafka-Fangirls und -Fanboys. Apropos Kinder. Warum sehen die in Filmen immer aus wie gecastet? Natürlich weil sie gecastet sind. Aber könnte man einer Casting-Agentur zur Abwechslung nicht mal sagen: Wir wollen Kinder, die aussehen wie echte Kinder. Nicht wie aus dem Model-Katalog entsprungen. Das erledigen die Casting-Agenturen sicher gerne.
Max Brod ist hier kein Schriftsteller, hedonistischer Schürzenjäger, Ehebrecher und Strippenzieher wie in der Realität und wie in Michael Kumpfmüllers Roman. Stattdessen eine schlichte Frohnatur mit festgetackertem Lächeln. Er spendet Trost und verbreitet gute Laune. Wie schafft er das? Er schenkt Champagner aus und klimpert flotte Melodien auf dem Klavier.
Diese Liste von Szenen aus dem Mindset »Das Leben ist schön« – für alle, die an den Storch glauben, ließe sich fortsetzen, das Prinzip ist klar. Solche naiven Vorstellungen von Glück und Realität erinnern an kitschige Lovestorys, Feelgood-Filme.
Scheinbar ist die Aussage des Regie-Duos Georg Maas und Judith Kaufmann: Lebensglück besteht darin, Negatives so gut es geht auszublenden. Gemäß den glatten Bildern ihres Films bedeutet ein herrliches Leben: Ein Leben wie in einem endlosen Werbeblock mit entsprechender Ästhetik. Das Meer ist schön. Der Himmel blau. Die Kinder süß. Draußen scheint die Sonne. Drinnen kommt alles aus dem Manufactum-Katalog. Das hieße, wir sollten uns von persönlichen Ecken und Kanten verabschieden. Stattdessen zufrieden konsumieren und daten wie Lieschen Müller und Max Mustermann. Dann klappt’s nicht nur mit dem Liebesglück, sondern auch mit der Herrlichkeit des Lebens.
Solche Filme gibt es mehr als genug. Ständig werden neue produziert. Kafkas letztes bittersüßes Lebensjahr nachzusüßen, schönzufärben und neu zu verquirlen, ist fast überflüssig. Warum nur fast? Weil einige Elemente trotz aller Kritikpunkte erstaunlich gut gelungen sind.
Sabin Tambrea spielt Franz Kafka sehr überzeugend. Es scheint, als schwebe er mit seiner rätselhaften Aura über den trivialen Szenen des Drehbuchs. Ganz besonders, wenn er nicht die fiktiven Dialoge, sondern Originalzitate spricht. Henriette Confurius harmoniert mit ihm als Dora Diamant. Schade, dass das Drehbuch ihre Figur fast bis zur Charakterlosigkeit zurechtgestutzt hat.
Die besten Stellen sind, wenn man Kafkas Texte hört. Der Film kann ihren feinen Humor und ihre Relevanz nicht mindern, im Gegenteil: Das seichte Setting bringt ihre Wucht erst recht zur Geltung. Sehr wahrscheinlich kann man Kafka gar nicht schrumpfen. Nach diesem Film wirkt sein Werk noch größer und beeindruckender, als es vorher schon war.