Review
Die Kommune
Time is on my side, yes it is
Time is on my side, yes it is
Wie vielfältig Thomas Vinterberg thematisch ist, lässt sich allein schon an seinen letzten beiden Produktionen sehen, der perfiden Gruppenwahnstudie seiner Jagd und dem tiefgründigen, historisch-feministischen Emanzipationsdrama Am grünen Rand der Welt. Dass er nun mit der Bestandsaufnahme des Lebens in einer Kommune wieder etwas ganz anderes versucht, spricht für ihn, dass auch dieser Film über alle Maßen gelingt, ist allerdings erstaunlich.
Denn tatsächlich fragt man sich nach den ersten Einstellungen, warum es in unserer pragmatischen, ideologiearmen Zeit einen Kommune-Film brauchen sollte. Diese Frage beantwortet sich allerdings schnell selbst, denn lange bewegt sich die Kommune auf fast zeitlosem Niveau, fragt man sich viel eher, warum nur jedes Mitglied von Vinterbergs Wohngemeinschaft dem 1970er Retro-Look verfallen ist. Aber spätestens in dem Moment, als Erik (Ulrich Thomsen) in seinem Büro an der Uni raucht, wird klar, dass wir es hier mit einem historischen Stoff aus den mittleren 1970er Jahren zu tun haben, einer einfachen Geschichte, die im Grunde schnell erzählt ist: Erik erbt ein Haus und beschließt mit Anna (Trine Dyrholm) und der gemeinsamen Tochter Freya (Martha Hansen) das konventionelle (Ehe-) Leben hinter sich zu lassen und Freunde und Bekannte einzuladen, das große Haus mit ihnen zu teilen.
Ein Wunsch, der heute nicht weniger dringlich sein könnte; hier, 1975, aber so etwas wie ein wirklicher Neustart ist. Zum einen referenziert Vinterberg damit auf die ersten »68er«-Wohnmodellversuche wie die Freistadt Christiana in Kopenhagen oder die K1 in Berlin, zum anderen fließt hier etwas ganz neues, privates, mit ein, dass vielleicht am ehesten mit Karl Ove Knausgards autobiografisch-litererarischer Alltagsbewältigung zu umschreiben ist, konkret aber auf Erinnerungen aus Vinterbergs eigener Kindheit und Jugend fußt. Denn im Alter zwischen sieben und neunzehn Jahren ist Vinterberg selbst in einer Kommune aufgewachsen und auch dort geblieben, als seine Eltern sich schon getrennt hatten und ausgezogen waren: »Das war eine verrückte, tolle Zeit für mich inmitten von Nackten, Bier, hochgestochenen Diskussionen, Liebe und persönlichen Tragödien. Für mich als Kind war jeder Tag dort wie ein Märchen.«
Dementsprechend holt sich Vinterberg für seinen Film gleich zwei Alter Egos ins Boot, die pubertierende Freya (Martha Sofie Hansen), die ihren Eltern hilflos beim Experimentieren mit ihrer Ehe zusieht und den kleinen Vilads, der traumwandlerisch zwischen seinen immer zahlreicher werdenden Bezugspersonen hin- und herdefiliert. Vinterberg verläßt diese beiden autobiografischen Perspektiven jedoch immer wieder, um den radikalen Lebensentwürfen der Erwachsenen auch wirklich näher zu kommen. Dabei konzentriert er sich zwar hauptsächlich auf die alles überragende Trine Dyrholm, die aus einem fast schon unheimlichen, mal schönen, mal hässlichen Reservoir aus nach außen gekehrter Innerlichkeit schöpft, gibt aber auch den anderen Darstellern den Raum, der notwendig ist, um Die Kommune über das Autobiografische hinauszuführen und sie zu so etwas wie einem Statement zu unserer gegenwärtigen Suche nach neuen Wohn- und Lebensmodellen zu machen.
Denn was die Gegenwart bietet, erinnert manchmal eher an die Zeit vor dem Aufbruch der 68er als an das, was die 68er-Ideen schließlich ermöglicht haben. Gerade die Rückbesinnung auf Sicherheit und restaurative Gender-Modelle ist unübersehbar und z.B. in Vanessa Wintermantels gerade veröffentlichter Studie zu Lebensentwürfen junger Frauen und junger Männer, explizit – und beängstigend – nachzuverfolgen. Neue Großversuche wie etwa Schloss Tempelhof sind selten, die Kleinversuche eher ernüchternd bzw. pragmatisch und auch dementsprechend rezipiert, wie sich an filmischen Aufbereitungen wie Ralf Westhoffs Wir sind die Neuen, David Wains Wanderlust oder Judd Apatows, Paul Rusts und Lesley Arfins spitzüngiger und intelligenter Netflix-Serie LOVE nur allzu gut ablesen lässt.
Nur gut also, dass mit der sich gerade entfaltenden »Industrie 4.0« und zunehmend in den Alltag eingreifenden KI-Modellen die Speckgürtel des Mittelstandes – sei es in London Islington, Berlin Mitte oder im Münchner Glockenbachviertel – in der Hitze des Gefechts wegbrutzeln dürften. Dann sollten auch die letzten die altdeutschen Mutterwerte verteidigenden Väter und Mütter auch die Mutter als Mitverdiener dringend nötig haben und vielleicht auch gleich noch das Kind auf die Straße zum Betteln schicken. Und sich einen Film wie Vinterbergs Kommune zu Herzen nehmen. Denn gerade, weil Vinterberg sich über sein mit Tobias Lindholm (der gerade mit A War ebenfalls am Puls der Zeit operiert) verfasstes Drehbuch nicht auf die übliche Moral einlässt, die 68er-Ideen also weder verteufelt noch verklärt, taugt die Kommune nicht nur als psychodramatischer Film mit komödiantischen Anteilen, sondern auch als Prototyp für einen Neuanfang in unserer kommunalen Gesellschaftszukunft.