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Review

Die Lügen der Sieger

Die Konstruktion von Wahrheit

Bewusster Scherenschnitt

Die Konstruktion von Wahrheit

Man könnte schon verzwei­feln, wenn man sich diesen Gegensatz einmal so richtig vor Augen hält: eine sich zunehmend mit dem Privaten verzah­nende wirt­schafts­po­li­ti­sche Land­schaft mit all ihren natür­li­chen Krebs­ge­schwüren, aber kaum ein Filme­ma­cher, der sich dieser gefähr­li­chen Entwick­lung annimmt. Zumindest in Deutsch­land. Schon allein deshalb ist Christoph Hoch­häus­lers Die Lügen der Sieger eine echte Berei­che­rung.

Dabei ist es nicht Hoch­häus­lers erster Versuch dieser Art. Konzen­trierte sich Hoch­häusler aller­dings in Unter dir die Stadt auf ein Porträt der Hoch­fi­nanz und ihrer Konstruk­tion von Macht und deren Auswir­kungen auf die intimsten Lebens­be­reiche, erweitert er in Die Lügen der Sieger sein Blickfeld und erzählt von der Konstruk­tion von Wahrheit in unserer von digitalen Trans­pa­renz durch­setzten Gegenwart.

Ganz verzichtet Hoch­häusler aller­dings nicht auf die Mecha­nismen seines früheren Films. Auch in seinem neuen Werk stehen Stell­ver­treter der Wirt­schaft im Zentrum der Kritik. Doch ist es dieses Mal nicht die vermeint­lich glit­zernde Welt der Banker, sondern die der im Verbor­genen agie­renden Lobby­isten, die die Grenzen zwischen Legalität und illegalem Handeln aufzu­lösen versuchen. Hoch­häusler platziert um diesen Tatbe­stand die Geschichte des inves­ti­ga­tiven Reporters Fabian (Florian David Fitz) und seiner Prak­ti­kantin Nadja (Lilith Stan­gen­berg), die versuchen, den vermeint­li­chen Konstruk­tionen von Wahrheit auf die Spur zu kommen, dabei aber selbst zunehmend ins Strudeln geraten.

Passen­der­weise bedient sich Hoch­häusler dafür aus dem Reper­toire des Genres »Polit­thriller«. Es gibt verdeckte Übergaben, geheime Beob­ach­tungen, grell kontras­tie­rende Lebens­welten und durch­ge­hend stereotyp gezeich­nete Charak­tere: Fabian ist der einsame Wolf, der mit niemandem zusam­men­ar­beiten möchte und er ist auch noch Spieler und Vintage-Porsche-Fahrer – mehr geht eigent­lich kaum. Das gleiche gilt für das übrige Personal, das durch­ge­hend sche­ren­schnitt­ar­tigen Abzieh­bil­dern gleicht. Durch diese Über­zeich­nungen wird schnell deutlich, dass es Hoch­häusler nicht nur um eine Kritik unserer wirt­schafts­po­li­ti­schen Realität und der Glaub­wür­dig­keit medialer Wahr­heiten geht, sondern auch um die Dekon­struk­tion des Genres Polit-Thriller: Da, wo gemeinhin das Tempo angezogen wird, verlang­samt Hoch­häusler; da, wo sonst Fakten stehen, gibt es plötzlich Leer­stellen und da, wo stan­dard­mäßig eine tiefere charak­ter­liche Schraffur erwartet wird, operiert Hoch­häusler mit dem Radier­gummi.

Hoch­häusler schafft damit eine zusätz­liche, völlig über­ra­schende, höchst subver­sive und kluge Meta- und Refle­xi­ons­ebene und distan­ziert sich damit von im Ansatz ähnlichen und ebenfalls ambi­tio­nierten, poli­ti­schen Produk­tionen wie etwa Zal Batman­g­lijs The East oder Paolo Virzis Die süße Gier. Doch der Preis ist hoch, denn gleich­zeitig entzieht er seinem Plot damit die im Kern angelegte, pulsie­rende Kraft und die für einen enga­gierten, poli­ti­schen Film zwin­genden Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ebenen.

Das bedeutet schließ­lich auch, dass selbst das gläserne Ende der Erkenntnis beliebig erscheint und die Trauer und Wut in Lawrence Ferlin­ghettis titel­ge­benden und am Ende zitiertem Gedicht mehr berührt und angreift als der eigent­liche Film: Geschichte wird gemacht / aus den Lügen der Sieger. / Aber man würd’s nicht erkennen / an den Titeln der Bücher.