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Review

Die Missetäter

Die Ausbruchsphantasten

Raus aus der Unternehmensmonotonie! (Foto: Mubi)

Die Ausbruchsphantasten

Der argentinische Los delincuentes verknüpft auf unglaublich leichte Weise urbanes, alltagsnahes Erzählen mit dem Heistmovie

Der beschei­dene Bank­an­ge­stellte Román (Esteban Bigliardi) denkt sich nichts dabei, als sich sein nicht minder durch­schnitt­li­cher Kollege Morán (Daniel Elías) eines Tages nach Feier­abend mit ihm treffen will. Bei einem Glas Bier und einem Stück argen­ti­ni­scher Pizza am Stehtisch im Imperia, einer der ikoni­schen populären Pizzerien in Buenos Aires, übergibt ihm Morán eine Reise­ta­sche mit einer Unmenge an Dollars, die er in einer günstigen Gele­gen­heit aus dem Tresor ihrer Bank entwendet hat. Román soll es aufbe­wahren und verste­cken, ansonsten aber normal weiter­ar­beiten und möglichst unauf­fällig bleiben. Morán will sich nach einer Zeit des Unter­tau­chens stellen und die Strafe absitzen. Danach könnten sie die Beute genießen und sich ein Leben in Muße gönnen. Die paar Jahre Gefängnis für Diebstahl scheinen ihm gegenüber der Bürozeit bis zur Rente nicht weiter ins Gewicht zu fallen. So wird Román unver­mutet und ohne eigenes Zutun zum Komplizen des Coups seines Kollegen.

Als sich diese Szene in dem dreis­tün­digen Film Los delin­cuentes (deutsch: Die Misse­täter) von Rodrigo Moreno (Regie und Drehbuch) abspielt, ist die Handlung schon etwas fort­ge­schritten und ein ruhiger, gelas­sener Erzählton längst etabliert. Das banale Ange­stell­ten­da­sein in Buenos Aires ist der Stoff, aus dem dieser Film gemacht ist, mit all den Routinen in Büro und zu Hause, die sich zu skurrilen Ritualen verfes­tigt haben. Dabei kippt das exis­ten­tia­lis­ti­sche Alltags­pa­thos mit seinem Heroismus der Monotonie immer wieder in absurde Situa­ti­ons­komik.

Die bewährten Genre­mo­tive eines Heist­mo­vies werden hier in das urbane Buenos Aires verpflanzt, in eine Atmo­sphäre, die sich sukzes­sive mit gelebtem Alltag sättigt und anrei­chert, mit jeder einfachen Geste, die gemacht, jedem Glas Wasser oder Bier, das getrunken, und jeder Zigarette, die geraucht wird. Physisch beglau­bigte Wirk­lich­keit erzeugt einen voll­kommen natür­li­chen Erzähl­fluss, der über drei Stunden lang mühelos in Bann zu schlagen vermag.

Die Stan­dard­mo­tive des Genres werden episch ausge­spielt und die Spannung nährt sich vor allem daraus, ob den beiden kleinen Ange­stellten der Coup nicht irgend­wann doch über den Kopf wächst. Der Druck, dem sich Morán im Gefängnis ausge­setzt sieht, ist nämlich größer als gedacht. Und auch Román vermag den hart­nä­ckigen Nach­for­schungen der internen Ermitt­lerin in der Bank nur mühsam stand­zu­halten.

Tragi­ko­mi­sche Volten führen die beiden Delin­quenten zeit­ver­setzt ins Hinter­land der Provinz Córdoba, wo ein Teil der Beute in der abge­le­genen Land­schaft versteckt wird. Dabei kommt es in der idyl­li­schen Natur zu Begeg­nungen, die den Traum von einem neuen Leben abseits der stumpfen Alltags­rou­tine in der Haupt­stadt auch mit eroti­schen Verheißungen aufladen. Dass die Schwes­tern Norma und Morna und ihr Begleiter Ramón, auf die Román und Morán jeweils treffen, mit all ihren Namen ein regel­rechtes anagram­ma­ti­sches Kalei­do­skop aus den gleichen Buch­staben entfalten, gibt der Geschichte einen fikti­ons­i­ro­ni­schen Twist, der an den großen argen­ti­ni­schen Phan­tasten Jorge Luis Borges denken lässt.

Die argen­ti­ni­sche Poesie bekommt dann auch noch ihren großen Auftritt, wenn Morán im Gefängnis das surrea­lis­ti­sche Lang­ge­dicht »La Gran Salina« von Ricardo Zelarayán (1922-2010) rezitiert. Eine fast schon delirante Passage, die endgültig beweist, dass dieser Film auf äußerst generöse Weise einen Reichtum des Erzählens feiert und die ökono­mi­schen Zwänge der schnöden Wirk­lich­keit weit hinter sich gelassen hat. Und damit genau das prak­ti­ziert, wonach sich die beiden Prot­ago­nisten in ihren Ausbruchs­phan­ta­sien sehnen. Die männ­li­chen Phan­tasmen bedienen sich zwar der scheinbar naiven Formeln des Gangster-, Abenteuer- oder Western­genres. Und die zöger­li­chen Gauner- und Macho­al­lüren, die die beiden Delin­quenten als Posen der Freiheit auspro­bieren, stehen immer unter einem skeptisch-ironi­schen Vorbehalt. Doch liegt darin durchaus ein utopi­sches Moment. »Adónde está la libertad« (»Wo ist die Freiheit?«) fragt hinter­gründig ein Song der Debüt-LP »Pappo’s Blues« (1971) der gleich­na­migen argen­ti­ni­schen Blues­rock­band, die von Morán wie ein Talisman oder Fetisch weiter­ge­reicht wird. Rodrigo Moreno versteht es, mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit die unter­schied­lichsten Register zu ziehen und so ein höchst vergnüg­li­ches Erzähl­wunder zu schaffen.