Review
Die Ökonomie der Liebe
Das scharfe Messer der Trennung
Das scharfe Messer der Trennung
»Paarökomonie«, so heißt Die Ökonomie der Liebe etwas nüchterner im Original. Nicht romantisch, sondern institutionell, nicht Gefühlsökonomie, sondern Ökonomie des Zivilstandes. Es geht um Geld und ums Ganze, den finalen Gesichtsverlust. Der Belgier Joachim Lafosse hat ein Scheidungsdrama inszeniert, wie es wohl viele Familien in der heutigen Zeit erleben: Weil das Geld nicht reicht, sich eine neue Wohnung zu nehmen, bleibt Papa erst mal bei der Ex-Frau und den Kindern wohnen.
Der Film ist jedoch mehr als nur Alltag und Wirklichkeit: Er ist ein gnadenloser Blick auf die Mechanismen von Streit und Uneinigkeit, kurzem Waffenstillstand mit der Aussicht auf Versöhnung und einem finalen Kompromiss. Eine hart inszenierte Zeit der Abrechnung, fußend auf einer unausgesprochenen Kränkung, die zur Erosion der Beziehung führte – die Trivialitäten der Beziehung lässt Lafosse im Unklaren, überlässt es jedem selbst, sich einen Grund für die Trennung des Paares zu suchen: Die ewige Schuldfrage bleibt einem erspart.
Auf dieser Grundlage ohne Fundament wird aufgerechnet. Vormals hatte man in die Liebe investiert, jetzt wird Bilanz gezogen: Wer hat wieviel beigetragen in das einstige gemeinsame Leben? Und: Lässt sich dies in Geld umrechnen? Oder zählen nur die Geldscheine, die man auf den Tresen legte, um zu bezahlen? Lafosse bürstet dabei die Statistik, nach der die Familienmutter meist vom Mann abhängig ist, gegen den Strich: Sie, Marie, kommt aus vermögendem Elternhaus, hat einen guten Job und ernährt die Familie, er, Boris, ist ein arbeitsloser Architekt, der sich mit handwerklichen Arbeiten über Wasser hält. Vor allem hat er sich um das Haus und die Kinder gekümmert. Das soziale Ungleichgewicht bedeutet im Falle einer Scheidung, falls sie ihm keine Zugeständnisse macht, seinen privaten Konkurs. Um diesen Kern der Existenz wird unerbittlich gestritten.
Lafosse legt ein scharfes Seziermesser an. Das Wechselspiel des Kampfes, in dem sich das Paar gegenseitig Niederlagen ausliefert, wird zu einem Vexierspiel von Sympathie und Antipathie, kristallisiert in Zuneigung und Ablehnung, wie es jedes Paar erlebt. Beide Seiten werden hellsichtig inszeniert, Lafosse schickt den Zuschauer in die Mechanik der Paar-Polaritäten wie eine Kugel in den Flipperautomaten. Bérénice Bejo und Cédric Kahn verkörpern das Uneindeutige des Paares, liefern sich dabei heftige Gefechte: Sie ist arschig, hat scheinbar Oberwasser, ertränkt ihr Verletztsein jedoch in einer uneingestandenen Tablettensucht. Er ist trottelig mit dem Blick eines gescholtenen Hundes und Opferlammes, dazu ein unsensibler Poltergeist, strahlt aber Wärme und Authentizität aus. Mal ist sie ungerecht und kalt, mal ist er machomäßig und einfach nur unmöglich.
Der Blick des Zuschauers geht bei den inflationären Angeboten der Parteinahme, die immer sogleich zurückgezogen werden, hin und her wie bei einem rasanten Schlagabtausch der Liebe. Nach dem Aufschlag wird zurückgeschmettert. Inszeniert wird ein unerbittlicher Huis-clos der feindlichen Begegnung auf unterkühltem, jedoch familiärem Terrain. Die gnadenlose Heftigkeit, in der der Streit ausgetragen wird, erinnert an Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, und Bérénice Bejo und Cédric Kahn erweisen sich als würdige Erben der sich ans Messer liefernden Liz Taylor und Richard Burton. Nur, dass hier nicht um das Phantom der Beziehung, sondern vor den anwesenden Kindern um die Existenz gerungen wird. Den größten Schaden tragen so auch die Kinder, ein Zwillingspaar, davon, die fast dem Streit der Eltern geopfert werden. Lafosse, selbst ein Zwilling, lässt in seinen Filmen immer wieder echte Zwillinge in Nebenrollen auftreten. Sie führen als spiegelbildliches Geschwisterpaar eine genuine Verbundenheit vor Augen, die von der romantischen Sehnsucht der unbedingten Liebe erzählt und vom Gegenüber, in dem man sich spiegeln kann: die Zwillingsseele der Liebenden. Eine Utopie der Verbundenheit, die hier dem dystopisch Realen Platz macht.
Lafosse erzählt auch von der bürgerlichen Sehnsucht nach der verbundenen Beständigkeit, von Maries Mutter als Thema aufgebracht, die daran erinnert, dass man früher Dinge zum Reparieren gebracht habe, heute in einer Wegwerfgesellschaft lebe, in der auch der Partner, wenn er nicht mehr funktioniert, auf den Müll geworfen wird. Ihre eigene Beziehung ist jedoch auf mehr als nur auf Kompromissen gebaut, so wird in einer Szene deutlich – dieses unausgesprochenene, beiläufig sich ergebende Revidieren des Ausformulierten macht den Film so schillernd, uneindeutig wie dialektisch. Eine Moral mit erhobenem Zeigefinger hat in diesem Film wie auch im Leben keinen Platz.