Review
Die progressiven Nostalgiker
Ein Prosit auf die Frauen
Ein Prosit auf die Frauen
Zeitreise, Rollenwechsel und der Mut zum Unsinn – Vinciane Millereau zerlegt lustvoll Patriarchat und Fortschrittsangst
Auf den ersten Blick sind Die progressiven Nostalgiker eine der (nicht nur) französischen Komödien, die mit einem vertrauten, beinahe abgenutzten Genreversprechen auftreten – Zeitreise, Kulturclash, Verwechslungseffekte –, dieses Versprechen dann aber erstaunlich entschlossen politisch und zugleich verspielt variieren. Regisseurin Vinciane Millereau, die das Drehbuch gemeinsam mit Julien Lambroschini schrieb, nutzt das populäre Format nicht als bloßen Gag-Generator, sondern als Werkzeug zur lustvollen Demontage gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten.
Der Ausgangspunkt ist das Jahr 1958, ein Frankreich der klaren Rollenzuschreibungen. Hélène Dupuis (großartig: Elsa Zylberstein) führt den Haushalt, Michel (der bewusst brachial aufspielende Didier Bourdon) arbeitet bei der Bank. Die Tochter Jeanne ist schwanger und soll heiraten. Ein Stromschlag – ausgelöst durch eine Waschmaschine, Symbol häuslicher Modernisierung – katapultiert das Ehepaar ins Jahr 2025. Was folgt, ist kein feinsinniges Zeitreise-Paradox, sondern eine grelle, komödiantische Konfrontation zweier Weltbilder.
Denn die Gegenwart entzieht Michel systematisch alle Gewissheiten: Hélène ist nun Bankdirektorin, er selbst Hausmann. Die Tochter will eine Frau heiraten, der Sohn ist rebellisch, und der totgeglaubte Vater lebt dank medizinischen Fortschritts. Während Michel an smarten Küchen, Sprachassistenten und dem Verlust seiner männlichen Privilegien verzweifelt, eignet sich Hélène die neue Welt mit wachsender Lust an. Ihre Emanzipation wird hier nicht behauptet, sondern ausgespielt – als körperliche, soziale und emotionale Erfahrung.
Formal setzt der Film auf hohes Tempo, Slapstick und Überzeichnung. Nicht jeder Gag sitzt, manches ist bewusst platt, manches nah am Klamauk. Doch diese Grobheit ist kein Unfall, kein Versagen, sondern Methode. Millereau interessiert sich weniger für psychologische Feinzeichnung als für das Offenlegen ideologischer Reflexe. In seiner bewusst artifiziellen Seifenblasenwelt erinnert der Film nicht zufällig an Barbie (2023), denn so wie bei Greta Gerwig werden auch in Die progressiven Nostalgiker klassische Geschlechterordnungen erst ausgestellt und dann mit Genuss zerlegt.
In dieser Haltung steht Die progressiven Nostalgiker auch ganz in der Tradition von Miau und Wau, jener herrlich unkorrekten Komödie über Liebe, Tiere, Narzissmus und den Mut zum Unsinn, die erst vor wenigen Monaten bei uns im Kino lief. Wie dort wird auch hier die politische Aussage nicht durch Ernsthaftigkeit, sondern durch bewusste Albernheit getragen. Der Film erlaubt sich den Luxus, falsch zu sein, zu überdrehen, Grenzen zu missachten – und gerade darin eine Form von Wahrheit freizulegen, die bravere Komödien nie erreichen.
Didier Bourdon darf dabei hemmungslos so wie einst Louis de Funès überziehen: Michel ist lächerlich, unerquicklich, manchmal kaum zu ertragen und und genau deshalb natürlich entlarvend. Elsa Zylberstein hingegen erdet den Film mit einer Figur, die Neugier, Witz und leise Melancholie verbindet. Die Nebenrollen – etwa Aurore Clément oder Mathilde Le Borgne – fügen sich stimmig in dieses bewusst künstliche, einer Versuchsanordnung gleichende Universum.
Die progressiven Nostalgiker sind keine subtile Gesellschaftssatire, sondern eine offensive, manchmal schrille, oft sehr komische Abrechnung mit Patriarchat und Nationalismus. Der Film will lachen lassen, er will provozieren, er will Haltung zeigen und macht all das mit einer Lust am Unsinn, die im europäischen Mainstreamkino eher selten geworden ist.