Review
Die Saat des heiligen Feigenbaums
Die Zukunft ist weiblich
Die Zukunft ist weiblich
Mohammad Rasoulofs DIE SAAT DES HEILIGEN FEIGENBAUMS lässt die gleichnishaften Feigenblatterzählungen hinter sich und findet zu schonungsloser Realität
»Femme, vie, liberté«, Frauen, Leben, Freiheit – das ist der Schlachtruf der kurdischen Frauen, die auf eine feministische Gesellschaftsordnung in einem Staat, der erst noch kommen muss, hoffen. Der Dreiklang der kurdischen Hoffnung wurde auch der Slogan der Aufstände im Iran, die 2022 auf den gewaltvollen Tod der dreiundzwanzigjährigen Jina Mahsa Amini folgten. Mohammad Rasoulof hat mit Die Saat des heiligen Feigenbaums den Ereignissen auf der Straße seinen neuen Film gewidmet, nimmt sie als realen Hintergrund für einen politischen Thriller, der eine ganze Familie erfasst. Das Fazit des Regisseurs, der seit Mai nach einer spektakulären Flucht aus dem Iran in Hamburg im Exil lebt (er wurde wegen seiner Filme zu acht Jahren Haft und Peitschenhieben verurteilt), ist ernüchternd: Die iranische Gesellschaft kennt keinen Ausweg aus dem Doublebind der Scharia. Blut ist hier niemals dicker als Wasser.
Bereits seit seinem letzten, in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film Doch das Böse gibt es nicht (in ihm ging es, stark verkürzt, um die iranischen Henker) hat Rasoulof Beziehungen nach Deutschland geknüpft. So stecken in Die Saat des heiligen Feigenbaums bereits Gelder der Hamburger Filmförderung MOIN drin, die Postproduktion erfolgte in Deutschland, nachdem das Filmmaterial aus dem Iran geschmuggelt werden konnte, wie es heißt. Und auch wenn der Film eine internationale Co-Produktion ist (arte hat ebenfalls produziert), was für Filme unter Zensurbedingungen der Regelfall geworden ist, wurde Die Saat des heiligen Feigenbaums nun als deutscher Oscarbeitrag für den besten fremdsprachigen Film nominiert.
Die Saat des heiligen Feigenbaums ist ein Thriller von einer Familie, in deren Mikrokosmos sich die Spaltung der iranischen Gesellschaft konkretisiert. Als großer moralischer Gap, der sich zwischen den Generationen auftut und für die junge Generation sehr viel mehr Gerechtigkeitsbewusstsein vorgesehen hat, enthält Rasoulofs Film aber auch eindeutige Momente der Hoffnung. Wird Veränderung kommen, wenn nicht jetzt, dann später? Hoffnung zu geben ist, so könnte man formulieren, eine der Standardaufgaben des großen politischen Kinos. Und Hoffnung ist das Opium für die Unterdrückten, Ausgepeitschten, Ermordeten der Islamischen Republik. Die den Film nicht mehr sehen werden, nicht sehen können.
Der Untersuchungsrichter, seine Frau und die Töchter
Rasoulofs Geschichte ist bedeutungsvoll angelegt. Im Zentrum steht die Familie des frisch zum Untersuchungsrichter des Revolutionsgerichts berufenen Iman, der natürlich nicht zufällig so heißt wie das Wort für Glauben im Islam. Er muss die Vollstreckungsurteile der Hinrichtungen unterzeichnen, ohne Einfluss nehmen zu können, ist also selbst nur ein Handlanger der iranischen Scharia mit der Rekordzahl von 853 Todesstrafen im Jahr 2023. Während er sich noch an seine Beförderung gewöhnt, die auch mit sich bringt, dass er eine Waffe bekommt, um notfalls auch seine Familie gegen Kritiker der Islamischen Republik zu verteidigen, beginnen auf den Straßen von Teheran die Aufstände der Frauen.
Die Geschichte von der Frau des Richters und den beiden Töchtern, die sich gegen das Familienoberhaupt stellen werden – und sich damit gegen das theokratische und patriarchale System per se wenden, ist gleichnishaft wie so oft im iranischen Kino. Zum großen Teil vollzieht sich die Handlung in den Privaträumen der Familie, zeigt, wie die Mutter versucht, ihre Töchter Rezvan und Sana auf System-Konformität zu halten, loyal dem Vater gegenüber, unberührt von den Ereignissen auf den Straßen von Teheran. Immer wieder schickt sie eine Freundin der Töchter weg, die im Studentenwohnheim in die Niederschlagung der Aufstände durch die Staatsgewalt gerät. In einer peniblen Szene hebt die Mutter vorsichtig die Schrotkugel aus der Haut des jungen Mädchens, die deren Gesicht zerfetzt haben.
Schließlich verschwindet die Waffe des Vaters, der Thriller-Plot hebt an. In den Gang der Handlung, und das macht Die Saat des heiligen Feigenbaums politisch so brisant wie ästhetisch interessant, montiert Rasoulof dokumentarische Aufnahmen von den Aufständen der Frauen, aufgenommen vom Schwarm der Mobiltelefone. Er kontrastiert das gewaltvolle und erschütternde Material auch mit dem Programm des Staatsfernsehens, das die Mutter von ihrer Couch im vielsagend grau-grün gehaltenen Wohnzimmer aus sieht und das anfänglich noch über die Aufstände berichtet. Bis die Sender wieder unter Kontrolle sind, Ratespiele und Soaps das Programm dominieren, die Nachrichten die Verlautbarungen der Mullahs ausstrahlen.
Das reale Gleichnis
Rasoulofs Fiktion gibt ihm die gleichnishafte Geschichte vom Vater und seinen Töchtern, die er aber nicht in der Uneigentlichkeit über den realen politischen Verhältnissen verbleiben lässt. Er konkretisiert und expliziert sie in den dokumentarischen Aufnahmen der umwälzenden Realität. Und er schließt seine Geschichte und die politischen Ereignisse kurz, wenn die Töchter, die neue Generation, den Konflikt mit dem Vater, dem Patriarchen und Theokraten, zum Abschluss bringen.
Spektakulär ist der Showdown, in einer verlassenen Lehmstadt in den Bergen von Iran, in die sich die Mutter mit den Töchtern vor dem Vater geflüchtet hat, einer dem Western würdigen Szene. Im Häuserkampf der Schritte hört man nur das Getrippel der Schuhe auf den Lehmböden, den flach gehaltenen Atem der fliehenden Frauen, minutenlang, in einer stillen und kunstvollen Choreographie der Geräusche. Hier zeigt sich das Phantasma des engagierten Erzählens, Rasoulof beweist mit dieser finalen Szene seine große Kunst der politischen Poesie.
So ist Die Saat des heiligen Feigenbaums mehr als »nur« ein politischer Film. Er ist überaus kunstvoll, auch wenn er einen manichäischen Thrill zwischen dem Bösen des Systems und den Guten des Volkes entfaltet, der keine Ambivalenzen zulässt – und bei der Weltpremiere in Cannes das Publikum mitgehen ließ wie im Kasperletheater. Wenn der Böse eins auf die Rübe bekam, erntete das doch glatt Szenenapplaus.
Diese emotionale Rezeption des Films zur Premiere muss der politisch aufgeladenen Situation angerechnet werden, nicht etwa einer groben Inszenierung (es ist kaum zu erwarten, dass sich der Szenenapplaus wiederholt). Wenn der Vater qua Staatsbeamter gegen die Töchter ausgespielt wird, dann geschieht dies mit dem Blick auf das System der iranischen Theokratie, nicht als Überzeichnung der Verhältnisse. Die Werte der Familie sind hier ausgehebelt, und dass von den jungen Frauen die Kraft der Revolution ausgeht, ist für den Iran ebenso wie für Kurdistan, wo die Frauen gegen den IS kämpfen, eine immanente Logik.
Dieser Realität öffnet sich Die Saat des heiligen Feigenbaums bereitwillig. Rasoulof lässt mit dem dokumentarischen Material das Gleichnishafte des iranischen Kinos hinter sich, nennt die Dinge beim Namen und bringt sie erst dann durch seine Erzählung zu einer höchst kunstvollen, philosophisch-lehrhaften Anschauung. Und ist dabei alles andere als zurückhaltend. Eben weil er nicht nur Gleichnis bleibt, ist Die Saat des heiligen Feigenbaums alles andere als ein Feigenblattfilm.