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Review

Die Spielwütigen

Gretchen im See – Stephanie Stremler

Wie viele Holly­wood­filme sind voll von der Prämisse: Du kannst es schaffen, wenn Du nur willst! Die außer­fil­mi­sche Realität beweist oft genug, dass Wille und Ausdauer nicht alles sind – aber ganz ohne geht es auch nicht. Besonders in Berufen, die die ganze Persön­lich­keit fordern, wie dem Schau­spiel­beruf. Andres Veiel verfolgt sieben Jahre lang, von 1996 bis 2003, den Werdegang von vier jungen Leuten, die sich bei der Hoch­schule für Schau­spiel­kunst Ernst Busch in Berlin beworben haben.

Nicht erst seit Kleine Haie weiß man, dass der Weg an die Schau­spiel­schule kein leichter ist, dass oft genug zahl­reiche Bewer­bungen nötig sind, um einen Platz zu bekommen. Nicht ganz so bekannt ist die schlechte Arbeits­markt­si­tua­tion: trotz der harten Auswahl werden immer noch viel mehr Darsteller ausge­bildet, als später unter­kommen können. Erschwe­rend kommt hinzu, dass zwar über­wie­gend Frauen die Ausbil­dung absol­vieren, an den Theatern aber mehr Männer benötigt werden – besonders die Klassiker weisen viel mehr Männer- als Frau­en­rollen auf. Und wenn die vielfach von öffent­li­cher Hand geför­derten Theater den Sparzwang der Kommunen und Länder zu spüren bekommen, sind es nicht die fest­an­ge­stellten Hand­werker hinter den Kulissen, an denen gespart werden kann, sondern die Darsteller mit ihren Zeit­ver­trägen. Von den ungüns­tigen Arbeits­zeiten und der örtlichen Flexi­bi­lität, die von den Schau­spie­lern gefordert werden, ganz zu schweigen. Denn die meisten Jobs gibt es nach wie vor an den Bühnen, billige TV-Produk­tionen greifen lieber auf Laien zurück.

Man muss also schon einen leichten Wahnsinn kulti­vieren, um sich mit Leib und Seele gerade diesem Beruf hinzu­geben, man muss äußerst selbst­si­cher und – spiel­wütig sein. Und das sind sie, schon als wir sie im Kreis ihrer Familien kennen lernen, wenn sie sich zu Hause auf die Aufnah­me­prü­fung vorbe­reiten und eine Probe ihres Könnens geben. Die Eltern reagieren sehr unter­schied­lich, vorsichtig bis skeptisch, voller Angst, dass sich der Traum von Constanze, Karina, Prodromos und Stephanie als Hirn­ge­spinst erweisen könnte. Die Zeiten, als der Schau­spiel­beruf als unsolide galt, sind offenbar noch nicht vorbei. Es ist ein großer Schritt, wenn man auch ohne Vers­tändnis und Unter­s­tüt­zung der Eltern den eigenen Weg zu gehen bereit ist.

Andres Veiel, der mit Black Box BRD bekannt wurde, in dem er die Lebens­läufe des ermor­deten Bankchefs Alfred Herr­hausen und des bei einem Fest­nah­me­ver­such erschos­senen Terro­risten Holger Grams gegen­ein­ander setzt, erzählt mit Die Spiel­wü­tigen unglaub­lich viel: Eine Geschichte vom erwachsen Werden, vom Finden des eigenen Weges und der Über­win­dung von Wider­s­tänden, von der Offenheit, derer es Bedarf, um ein guter Darsteller zu werden, aber er wirft auch einen kriti­schen Blick auf die Methoden, mit denen in der schon zu DDR-Zeiten berühmten Schule gear­beitet wird – recht­fer­tigen Ruf des Instituts und Ergebnis der Ausbil­dung, nämlich die Tatsache, dass so gut wie alle Ernst-Busch-Absol­venten ein Enga­ge­ment bekommen, wirklich alles?

Veiel arbeitet doku­men­ta­risch, aber er scheut nicht davor zurück, auch zu insze­nieren, wenn es der Poin­tie­rung einer Situation bedarf (wie viel mehr wirkt das Bild des leiden­schaft­li­chen Gitar­risten Prodromos, der sein Instru­ment ins Leihhaus trägt, als sein Bekenntnis, sich keine Kran­ken­ver­si­che­rung mehr leisten zu können). Und warum soll auch nicht »gestellt« werden – schließ­lich geht es um Schau­spieler, und wir beob­achten sie bei ihrer Arbeit. Nicht bei jedem einschnei­denden Ereignis (wie den Prüfungen) kann die Kamera dabei sein. Zumal einige abge­wie­sene Bewerber der Doku­men­ta­tion sowie die Lehrer die Dreh­ar­beiten nicht immer unter­s­tützt haben. Aller­dings stellt sich die Frage, ob die unge­kenn­zeich­neten insze­nierten Szenen die Zuschauer nicht täuschen – schließ­lich wird das Etikett »Doku­men­tar­film« weit­ge­hend als Zeichen für die Abbildung einer (wenn auch subjektiv durch den Filme­ma­cher gefil­terten) Realität verstanden.

Das warm­her­zige Interesse und die Hoch­ach­tung, mit der Veiel seinen »Beob­ach­tungs­ob­jekten« begegnet, wird durch den ganzen Film hindurch spürbar und vermit­telt sich auch dem Publikum – ebenso wie die Ernst­haf­tig­keit und Stärke der Prot­ago­nisten. Dennoch erstarrt man nicht in Ehrfurcht, oft genug gibt es Gele­gen­heit zum Lachen. Und am Ende freut man sich über den Erfolg der vier, die einem während der sieben Jahre umfas­senden Erzählung ans Herz gewachsen sind und deren äußer­liche wie inner­liche Entwick­lung man ein wenig verfolgen durfte.