Review
Die Spielwütigen
Wie viele Hollywoodfilme sind voll von der Prämisse: Du kannst es schaffen, wenn Du nur willst! Die außerfilmische Realität beweist oft genug, dass Wille und Ausdauer nicht alles sind – aber ganz ohne geht es auch nicht. Besonders in Berufen, die die ganze Persönlichkeit fordern, wie dem Schauspielberuf. Andres Veiel verfolgt sieben Jahre lang, von 1996 bis 2003, den Werdegang von vier jungen Leuten, die sich bei der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin beworben haben.
Nicht erst seit Kleine Haie weiß man, dass der Weg an die Schauspielschule kein leichter ist, dass oft genug zahlreiche Bewerbungen nötig sind, um einen Platz zu bekommen. Nicht ganz so bekannt ist die schlechte Arbeitsmarktsituation: trotz der harten Auswahl werden immer noch viel mehr Darsteller ausgebildet, als später unterkommen können. Erschwerend kommt hinzu, dass zwar überwiegend Frauen die Ausbildung absolvieren, an den Theatern aber mehr Männer benötigt werden – besonders die Klassiker weisen viel mehr Männer- als Frauenrollen auf. Und wenn die vielfach von öffentlicher Hand geförderten Theater den Sparzwang der Kommunen und Länder zu spüren bekommen, sind es nicht die festangestellten Handwerker hinter den Kulissen, an denen gespart werden kann, sondern die Darsteller mit ihren Zeitverträgen. Von den ungünstigen Arbeitszeiten und der örtlichen Flexibilität, die von den Schauspielern gefordert werden, ganz zu schweigen. Denn die meisten Jobs gibt es nach wie vor an den Bühnen, billige TV-Produktionen greifen lieber auf Laien zurück.
Man muss also schon einen leichten Wahnsinn kultivieren, um sich mit Leib und Seele gerade diesem Beruf hinzugeben, man muss äußerst selbstsicher und – spielwütig sein. Und das sind sie, schon als wir sie im Kreis ihrer Familien kennen lernen, wenn sie sich zu Hause auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten und eine Probe ihres Könnens geben. Die Eltern reagieren sehr unterschiedlich, vorsichtig bis skeptisch, voller Angst, dass sich der Traum von Constanze, Karina, Prodromos und Stephanie als Hirngespinst erweisen könnte. Die Zeiten, als der Schauspielberuf als unsolide galt, sind offenbar noch nicht vorbei. Es ist ein großer Schritt, wenn man auch ohne Verständnis und Unterstützung der Eltern den eigenen Weg zu gehen bereit ist.
Andres Veiel, der mit Black Box BRD bekannt wurde, in dem er die Lebensläufe des ermordeten Bankchefs Alfred Herrhausen und des bei einem Festnahmeversuch erschossenen Terroristen Holger Grams gegeneinander setzt, erzählt mit Die Spielwütigen unglaublich viel: Eine Geschichte vom erwachsen Werden, vom Finden des eigenen Weges und der Überwindung von Widerständen, von der Offenheit, derer es Bedarf, um ein guter Darsteller zu werden, aber er wirft auch einen kritischen Blick auf die Methoden, mit denen in der schon zu DDR-Zeiten berühmten Schule gearbeitet wird – rechtfertigen Ruf des Instituts und Ergebnis der Ausbildung, nämlich die Tatsache, dass so gut wie alle Ernst-Busch-Absolventen ein Engagement bekommen, wirklich alles?
Veiel arbeitet dokumentarisch, aber er scheut nicht davor zurück, auch zu inszenieren, wenn es der Pointierung einer Situation bedarf (wie viel mehr wirkt das Bild des leidenschaftlichen Gitarristen Prodromos, der sein Instrument ins Leihhaus trägt, als sein Bekenntnis, sich keine Krankenversicherung mehr leisten zu können). Und warum soll auch nicht »gestellt« werden – schließlich geht es um Schauspieler, und wir beobachten sie bei ihrer Arbeit. Nicht bei jedem einschneidenden Ereignis (wie den Prüfungen) kann die Kamera dabei sein. Zumal einige abgewiesene Bewerber der Dokumentation sowie die Lehrer die Dreharbeiten nicht immer unterstützt haben. Allerdings stellt sich die Frage, ob die ungekennzeichneten inszenierten Szenen die Zuschauer nicht täuschen – schließlich wird das Etikett »Dokumentarfilm« weitgehend als Zeichen für die Abbildung einer (wenn auch subjektiv durch den Filmemacher gefilterten) Realität verstanden.
Das warmherzige Interesse und die Hochachtung, mit der Veiel seinen »Beobachtungsobjekten« begegnet, wird durch den ganzen Film hindurch spürbar und vermittelt sich auch dem Publikum – ebenso wie die Ernsthaftigkeit und Stärke der Protagonisten. Dennoch erstarrt man nicht in Ehrfurcht, oft genug gibt es Gelegenheit zum Lachen. Und am Ende freut man sich über den Erfolg der vier, die einem während der sieben Jahre umfassenden Erzählung ans Herz gewachsen sind und deren äußerliche wie innerliche Entwicklung man ein wenig verfolgen durfte.