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Review

Die stille Revolution

Eitle Weltverbesserer

In sich gehen im Watt

Eitle Weltverbesserer

Längst ist nicht nur im Staate Dänemark etwas faul, sondern auf der ganzen Welt. Im Zuge des allge­gen­wär­tigen Strebens nach Gewinn­ma­xi­mie­rung gehören psychi­sche Erkran­kungen schon lange zu den häufigsten Gründen für Fehl­zeiten bei der Arbeit, und selbst das Klima gerät auf unserer von Ausbeu­tung geplagten Erde immer stärker außer Rand und Band. Zugleich signa­li­sieren die zuneh­mende Poli­tik­ver­dros­sen­heit und die wachsende Radi­ka­li­sie­rung immer größerer Teile der einstigen gesell­schaft­li­chen Mitte, dass immer weniger Menschen darauf vertrauen, dass sich mit Konzepten aus dem 19. Jahr­hun­dert die Probleme des 21. lösen lassen werden.

Immer lauter wird der Ruf nach einem tief­grei­fenden Bewusst­seins­wandel. Dies zeigt sich para­do­xer­weise auch daran, dass die »stillen Revo­lu­ti­onäre« auf dem Vormarsch sind. Ihnen allen ist gemein, dass sie die Notwen­dig­keit eines inneren Wandels sehen, um die äußeren Verhält­nisse nach­haltig zum Positiven hin zu verändern. Zu diesen zählt Bodo Janssen, seines Zeichens Leiter der nord­deut­schen Hotel­kette Upstals­boom. Dem frie­si­schen Unter­nehmer kam nach dem für ihn vernich­tenden Ergebnis einer im Jahr 2010 durch­ge­führten Mitar­bei­ter­be­fra­gung die Erkenntnis, dass der »Fisch am Kopf (also bei mir) anfing zu stinken«. Um der Welt zu zeigen, was sich seither bei Upstals­boom getan hat, hat Janssen jetzt Kristian Gründling mit dem 90 minütigen Hoch­glanz­film Die stille Revo­lu­tion beauf­tragt.

Gründling, das muss man dazusagen, betreibt die Firma Grünfilm, die im Dienste von Unter­nehmen Filme macht. Die Refe­renzen werden auf der Website geführt sowie das Motto der Firma: »Jedes Unter­nehmen hütet einen Schatz und wir bringen ihn durch unsere Film­pro­jekte ans Licht. Wir unter­s­tützen Orga­ni­sa­tionen dabei, dieses Potenzial zu entfalten und dadurch echt und besonders wertvoll zu werden.« Die stille Revo­lu­tion ist dementspre­chend ein Imagefilm, der die Idee des Unter­neh­mens befördert.

Ansich aber ist das Thema inter­es­sant. Dass sich die stillen Revo­lu­ti­onäre mitt­ler­weile auch im Kino so wohl fühlen wie Fische im Wasser, zeigte zuletzt Kevin Roche – Der stille Architekt. In der Doku­men­ta­tion legte der irisch-ameri­ka­ni­sche Baumeister mit äußerst sympa­thi­scher Beschei­den­heit dar, weshalb bei seiner Archi­tektur nicht der Wille zur großen gestal­te­ri­schen Geste, sondern die Menschen im Mittel­punkt stehen. Roche meint zudem, dass er dieses Ziel selbst dann erreiche, wenn seine Auftrag­geber mit derar­tigen Werten selbst nichts am Hut haben. Dass zu einem derar­tigen Vorgehen die Kraft von innen her geschöpft werden muss, war in der Doku Hannah – Ein buddhis­ti­scher Weg zur Freiheit zu sehen. Aller­dings balan­cierte die filmische Umsetzung bereits gefähr­lich vor den zwei­fel­haften Werbe-Abgründen, die eine allzu geschönte Darstel­lung des Diamantweg-Buddhismus mit sich bringt.

In Die stille Revo­lu­tion ist diese gerade-noch-Balance verloren. Hier scheitert die Vermitt­lung des Anliegens an dem glatten Fokus auf das Unter­nehmen. Mit dieser als Doku­men­ta­tion getarnten PR-Maßnahme gelingt Gründling das zwei­fel­hafte Kunst­stück, einen einein­halb­stün­digen Werbefilm für Upstals­boom ins Kino zu drücken, bei dem der Zuschauer am Ende nach wie vor nicht wirklich weiß, was genau bei diesem Fischkopf eigent­lich gestunken hat. So vergeht die gesamte erste halbe Stunde damit, diesen zentralen wunden Punkt auf möglichst elegante Art zu umschiffen.

Bodo Janssen erzählt von besagter Mitar­bei­ter­be­fra­gung. Was deren exakte Kritik­punkte waren, erfahren wir jedoch nicht. Statt­dessen berichtet Janssen davon, dass er bis dahin nur so führen konnte, wie er es in seinem Studium gelernt habe. Doch auch dazu, was dort eigent­lich gelehrt wurde, schweigt sich der im stille Revo­lu­ti­onär weitest­ge­hend aus. Dies erschließt sich lediglich nach und nach indirekt über die Kommen­tare zahl­rei­cher Experten, wie dem Neuro­wis­sen­schaftler Prof. Dr. Gerald Hüther. Sie erzählen von der Herkunft des Begriffs »Manager« vom Dompteur im Zirkus und von dem fort­wir­kenden schweren Erbe aus der Anfangs­zeit der indus­tri­ellen Revo­lu­tion und des Preußen­tums.

Dazwi­schen sieht man immer wieder Bodo Janssen. Mal sitzt der Unter­nehmer lässig im Büro, mal fummelt er bedeu­tungs­schwanger am Barometer seiner Segel­jacht herum und ganz oft schaut er tief­sinnig grübelnd über die Weiten des frie­si­schen Watts oder über leere Fabrik­hallen. Janssen ist durchaus sehr fotogen. Mit seinem gepflegten Drei­ta­ge­bart und – selbst barfuß im Watt – stets makellos gekleidet, würden sich viele Einstel­lungen mit ihm in Die stille Revo­lu­tion perfekt für eine Werbe­an­zeige für Herren­mode eigenen.

Was bei Upstals­boom eigent­lich konkret los war, erfahren wir erst ab dem Zeitpunkt, an dem bei Janssen nach einem längeren Klos­ter­auf­ent­halt ein Bewusst­seins­wandel einge­setzt hat. Plötzlich sehen wir echte Mitar­beiter in Aktion. Aller­dings nicht bei der Arbeit, sondern bei hier­ar­chie­freien Krea­tiv­mee­tings oder bei der Einwei­hung neuer, von Upstals­boom finan­zierter Schulen in Ruanda und bei dem Aufstieg auf den Kili­man­dscharo. Das ist poten­ziell durchaus inter­es­sant. Aber da sehr unklar bleibt, wie es davor bei Upstals­boom aussah, bleibt der mit zahl­rei­chen fröh­li­chen und vor Freude weinenden Azubis und Ange­stellten bebil­derte Wandel abstrakt.

Erschwe­rend kommt hinzu, dass ab dem Zeitpunkt, an dem Janssen endlich konkreter wird, die anderen Experten nichts Substan­zi­elles mehr beizu­tragen haben. Statt­dessen ergehen sie sich im Herum­schmeißen mit leeren Wort­hülsen, wie der Fest­stel­lung, dass wir mehr »Know-why« statt Know-how benötigen würden. Selbst der dm-Chef Götz Werner, der mit Büchern, wie »Einkommen für alle« bewiesen hat, dass er durchaus sehr inter­es­sante Vorschläge zur Verbes­se­rung unserer Arbeits­welt zu machen hat, gibt hier nur selbst­ver­liebtes pseu­do­phi­lo­so­phi­sches Geschwafel von sich. So bleibt am Ende die Erkenntnis, dass ein innerer Wandel auch nicht vor der Eitelkeit der einen solchen propa­gie­renden Akteure halt­ma­chen sollte.