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Review

Die süße Gier

Fressen und gefressen werden

Handschlag zweier Welten

Fressen und gefressen werden

Wegen seiner geogra­fi­schen Nähe zum afro-arabi­schen Raum gilt Italien als einer der inter­es­san­testen Anlauf­punkte für Flücht­linge jeder Art. Dass dieser »Vorposten« europäi­schen Wohl­stands selbst immer wieder in poli­ti­sche und wirt­schaft­liche und Affären verstrickt ist, die im übrigen Europa mit der üblichen poli­ti­schen Fassungs­lo­sig­keit quittiert werden, ist nur die eine Seite einer grotesken Dynamik. Dass Italien aber auch als Muster­fall für den seit einigen Jahren langsam erodie­renden Mittel­stand der west­li­chen Gesell­schaft herhalten kann, ist die andere, fast logische Konse­quenz.

Da diese Verstri­ckungen und der seichte, aber stete Nieder­gang alles andere als einfach zu erken­nende Muster sind, bleiben nur Jour­na­lismus, Literatur und Film, um zu erklären, was kaum mehr zu erklären ist und außerdem plastisch erfahrbar zu machen, was es bedeutet, wenn eine Gesell­schaft sich selbst kanni­ba­li­siert. Stephan Amidon hat diesen Prozess in seinem Roman »Human Capital« exem­pla­risch vorge­führt. Seine im ameri­ka­ni­schen Connec­ticut spielende Geschichte hat Paolo Virzì nun verfilmt. Virzì, der nicht nur das Turiner Filmfest betreut, sondern auch für doppel­bö­dige Komödien wie La prima cosa bella verant­wort­lich zeichnet, hat Amidons Roman auf italie­ni­sche Verhält­nisse angepasst und damit einen faszi­nie­renden Brücken­schlag zwischen Literatur und Film, europäi­scher und ameri­ka­ni­scher Krise geleistet.

Die süße Gier – der deutsche Verleih­titel kapert hier ein wenig zu offen­sicht­lich Fellinis La Dolce Vita – spielt nicht mehr in Connec­ticut, sondern im kleinen nord­ita­lie­ni­schen Brianza und in Mailand. Ein in der Nacht auf seinem Fahrrad durch ein Auto zu Tode gekom­mener Kellner bildet die erzäh­le­ri­sche Schnitt­stelle, über die Virzì zwei Familien aus völlig unter­schied­li­chen Lebens­welten mitein­ander vernetzt. Zum einen die klas­si­sche, reiche Indus­tri­el­len­kreise Nord­ita­liens, zum anderen typischer Mittel­stand. Die multi­per­spek­ti­visch angelegte Geschichte, die sowohl Thriller-Elemente, Wirt­schafts­krimi und Liebes­ge­schichte in sich vereint, fokus­siert dabei zum einen stark auf die Suche nach dem Schul­digen, lässt jedoch genug Raum, um jener Lebens­welt den Raum zu geben, der notwendig ist, um die Beweg­gründe für ihr Handeln zu verstehen. So wird nicht nur die im Wanken begrif­fene Welt des Immo­bi­li­en­mak­lers Dino (Fabrizio Bentivo­glio) und seiner Tochter Serena (Matilde Gioli) plausibel darge­stellt, sondern auch der durch inter­na­tio­nale Verwer­fungen kaum mehr zu kontrol­lie­rende Wohlstand der Familie Bernaschi. Was Virzìs süße Gier dabei so inter­es­sant macht, ist nicht nur sein multi­per­spek­ti­vi­scher Erzählan­satz, sondern vor allem auch eine mal humor­volle, dann wieder sarkas­ti­sche Annähe­rung an seine Figuren. Dinos immer wieder groteske Aufstiegs­be­mühungen etwa stehen in einem frap­pie­renden Gegensatz zu der Lebens­mü­dig­keit der reichen Carla Bernaschi, völlig atem­be­rau­bend von Valeria Bruni Tedeschi verkör­pert; der unschul­dige, naive, impulsiv-poli­ti­sche Charakter von Dinos Tochter Serena bildet einen aufre­genden Gegenpol zur völlig entfrem­deten Realität von Carlas Sohn Massi­mi­liano, mit dem sie eine ambi­va­lente Beziehung einge­gangen ist.

Diese Gegen­sätze sind jedoch nicht die einzigen, die Virzìs Die süße Gier zu einem erzäh­le­risch aufre­genden, poli­ti­schen Statement zur gegen­wär­tigen Krise der west­li­chen Gesell­schaft machen. Denn Virzì blickt nicht nur auf die persön­li­chen Miseren, sondern bindet immer wieder auch die anderen gesell­schaft­li­chen Sphären, die den Alltag unserer »zweiten Moderne« bestimmen, mit ein. Dabei gelingt ihm nicht nur ein beängs­ti­gendes Porträt vom Nieder­gang west­li­chen Wohl­stands, sondern auch eines vom Verfall jeglicher Moral, in der die ankom­menden Flücht­linge nur am untersten Ende einer mehr und mehr kolla­bie­renden Hier­ar­chie stehen, in der jeder versucht den anderen zu fressen, nur um selbst nicht gefressen zu werden.