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Review

Die Theorie von Allem

Der Filmfilm

Filmszene »Die Theorie von Allem«
Was sehen wir, was wir nicht wissen? (Foto: Neue Visionen)

Der Filmfilm

Timm Kröger hat mit Die Theorie von Allem ein soghaftes, meisterliches Multiversum geschaffen

Eine Talkshow, offen­sicht­li­ches Vorbild ist der legendäre Club 2, damit beginnt Timm Krögers Die Theorie von Allem. Es sind die Sieb­zi­ger­jahre. Unter groß­ge­mus­terter Tapete wird im Studio geraucht, die Männer­runde meint es lustig, auf Kosten des einge­la­denen Gastes. Er ist der Autor eines Romans mit dem Titel: »Die Theorie von Allem«. Die Studio-Kamera zeigt das Cover in Groß­auf­nahme. »Also, Sie fragen darin, in welcher Welt wir leben?«, beginnt der Moderator. »Sie gehen von mehreren Universen aus?« Gelächter. Der Roman sollte eine Fort­füh­rung seiner Disser­ta­tion in Physik mit den Mitteln einer Liebes­ge­schichte sein, stammelt der Gast. Noch größeres Gelächter. »Karin, wenn du das siehst: Wo bist du? Melde dich bei mir!«, ruft der Gast mit wirrem Blick in die Fern­seh­ka­mera und stürzt aus dem Studio.

Ein Close-up auf eine künst­liche Fern­seh­si­tua­tion, ein Roman, der ein PhD in Physik werden sollte, ein direkt in die Kamera gerich­teter Blick. Danach: Wechsel in kontrast­rei­ches Schwarz­weiß, ein zeit­li­cher Sprung, es geht zwölf Jahre zurück, es geht in die Berge. Timm Kröger beginnt seinen aufse­hen­er­re­genden, in Venedig mit dem Bisato d’Oro der unab­hän­gigen Film­kritik ausge­zeich­neten Film mit einer subtilen Verschach­te­lung verschie­dener medialer Ebenen. Mit der Eingangs­se­quenz werden wir auf äußerst unter­halt­same Weise in eine komplexe Welt geschubst, um die es im weiteren gehen wird: ins Multi­versum, in die kolla­bie­renden Sphären der Welt­ge­wiss­heit. In die Gleich­zei­tig­keit der Wirk­lich­keits­ab­schat­tungen – real, irreal, potential – und in die spatialen Unmög­lich­keiten.

An der Theorie des Multi­ver­sums hat der hinaus­stür­zende Gast des Prologs in den Sech­zi­ger­jahren als Promovend der Physik geforscht. Jan Bülow verkör­pert diesen Johannes Leinert als Mischung aus spätem Pennäler, unsi­cherem Jung­wis­sen­schaftler und einem, der es wissen will. An der Seite seines unnah­baren Doktor­va­ters Dr. Strathen (Hanns Zischler in einer Para­de­rolle) reist er zu einem Physi­ker­kon­gress hoch in den verschneiten Schweizer Alpen. Weiß ragen die zackigen Berg­gipfel in den Himmel, dunkel schieben sich die Nadel­bäume ins Bild. Ohnehin schon eine Kulisse in Schwarz­weiß, wird sie, derart filmisch gebannt, zum Einfallstor für den Heimat­film und Luis Trenker, wenn es später auf Skiern rasant die steilen Berghänge hinun­ter­geht.

Kröger hat zuletzt als Kame­ra­mann bei Sandra Wollner gear­beitet, die in Das unmög­liche Bild und The Trouble with Being Born perfekte Illu­sionen der Vergan­gen­heit und KI-Virtua­lität geschaffen hat. In seinem zweiten Spielfilm öffnet er jetzt selbst seine Bilder fort­wäh­rend in andere Sphären hinein. Unter der Gestal­tung seines Kame­ra­manns Roland Stuprich beginnen diese zu oszil­lieren, zwischen dem Jetzt auf der Leinwand, und dem, was sie als Bild­zi­tate aus der Film­ge­schichte mittrans­por­tieren. Mit verscho­benen Kame­ra­per­spek­tiven und Schat­ten­würfen gleiten sie in den Expres­sio­nismus hinein, mit den Kata­komben, in denen die Figuren in Paral­lel­uni­versen gelangen, in den Film noir und in Carol Reeds Nach­kriegs­krimi Der dritte Mann. Die Wieder­kehr von verschwunden geglaubten Figuren, das Auftreten von Doppel­gän­gern, ein Telefonat unter höchster Anspan­nung, das sind Einfalls­tore für Hitch­cocks Vertigo und North by Northwest. Aber auch Alain Resnais' Nouveau-Roman-Film L’année dernière à Marienbad und Chris Markers Zeitrei­sen­film La Jetée klingen an. Und überhaupt der Score: Er legt sich in groß­ar­tiger Symphonik unter den Film, schwillt an und ebbt ab, dräuend und raunend. Film­kom­po­nist Diego Ramos Rodríguez lässt hier große Bernard-Herrmann-Remi­nis­zenzen anklingen, als Verbin­dungs­li­nien zu den heim­ge­suchten, irre­ge­henden Figuren Alfred Hitch­chocks. Dies wird, während man im Kino sitzt, ständig mitver­standen, mitgehört, als glücklich machendes Sprung­brett zu anderen Filmen, anderen Zeiten, anderen Geschichten.

Doch zurück in die erste Erzäh­le­bene, den »Realis«.

Die im Kongress­hotel eintref­fenden Gäste wirken sehr erwachsen, wie man es nur in den Sech­zi­ger­jahren sein konnte. Strathen hatte seinen trink­freu­digen Kollegen und Konkur­renten Professor Blumberg (Gottfried Breitfuß) bereits im Zug ausge­mus­tert, an der Hotel­re­zep­tion wird er mit einem spontanen »Heil Hitler« begrüßt. Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren… Und Blumberg, ist das nicht ein jüdischer Name? Karin, die Barpia­nistin, in die sich Johannes verlieben wird (Olivia Ross), wird im Epilog vom Off-Erzähler zu Grabe getragen werden, auf einem jüdischen Friedhof.

Dominik Graf spricht diesen Erzähler, man hat seine Stimme noch aus seinem Weimar-Film Die geliebten Schwes­tern im Ohr, und viel­leicht sogar noch aus München – Geheim­nisse einer Stadt. Die Projek­tionen seines Erzähl­texts von damals, die imagi­nierten Szenarien über die Geheim­nisse in den Häusern der Menschen übernimmt Timm Kröger nicht nur im charak­te­ris­ti­schen Dominik-Graf-Sprech­duktus. Den Text des vermeint­lich wissenden Erzählers verschieben er und sein Co-Autor Roderick Warich ganz in die temporale Möglich­keits­form des Poten­tialis: »…würde«, so schwächt der Erzähler seinen Blick in die Zukunft ab… Karin würde Johannes meiden, sie würde gefahren sein, er würde glauben, sie sei verschwunden. Mit der Sprache eröffnet der Film auch die Sphäre des Speku­la­tiven. Was wäre gewesen? Was würde passiert sein?

Der Hitler­gruß in der Hotel­lobby, der jüdische Grabstein, später Ermittler in langen dunklen Mänteln, die dem (vermeint­li­chen?) Tod von Blumberg hinter­her­spüren (ein Skiunfall?), die verkrus­teten Struk­turen der Wissen­schaft, durch die der Promovend Johannes Leinert nicht hindurch kann – will­kommen im nächsten Universum. Kröger macht das Undurch­schau­bare, das Bodenlose der Gegenwart als verschüt­tete Geschichte deutlich, als allge­gen­wär­tige Präsenz der Vergan­gen­heit: Es ist die unter den Schichten des Verdrän­gens und Verleug­nens vergra­bene Nazizeit. Die aber wie in einem arte­si­schen Brunnen mit Hochdruck aus den unter­ir­di­schen Gesteins­schichten an die Ober­fläche gepresst wird. Das ist die poli­ti­sche Ebene des Films, die heute, mit den Gespens­tern und Wieder­keh­rern der Vergan­gen­heit, höchst aktuell ist.

Immer tiefer taucht der Film ins Rätsel­hafte, überlässt sich der gewal­tigen Kraft der Natur, die pysi­ka­li­sche Gesetze aushebeln kann wie in Son of Fran­ken­stein. Ein heftiges Gewitter spaltet den Berg­felsen, Uranium tritt aus, die Objekt­per­ma­nenz wird ausge­setzt, Doppel­gänger treten auf. Das ist soghaft-abge­fahren, man verliert sich bereit­willig in den diffusen Hinweisen der Geschichte wie Johannes zwischen den mathe­ma­ti­schen Formeln seiner ins Romaneske gewen­deten Doktor­ar­beit.

Die Tele­skopie des Medialen, die das Entfernte und Diskon­ti­nu­ier­liche zusam­men­bringt, die mathe­ma­ti­schen Formeln, die Tele­fo­nate, die Züge, die Quan­ten­physik, Heisen­bergs Unschärfe und Schrö­din­gers Katze, das histo­risch Verdrängte, das Wahre, das Mögliche und die Uner­bitt­lich­keit einer Gesell­schaft, die unter dem Hochdruck des Simu­lie­rens steht: All das vereint Timm Kröger in Die Theorie von Allem zu einem hypno­ti­schen Filmsog, der selbst sein eigenes Thema ist – ein viel­schich­tiges, ein undurch­schau­bares und faszi­nie­rendes Multi­versum aus Geschichten, Stim­mungen, Tönen, Asso­zia­tionen, Erkennt­nissen und Verwir­rungen.

Mit anderen Worten: Das Multi­versum kann nur ein Film sein. Ein Filmfilm, der wie Die Theorie von Allem ist. Timm Kröger hat es bewiesen.