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Review

Die Tiefseetaucher

Tauchfahrt zur verlorenen Zeit

Familienausflug unter Wasser

Tauchfahrt zur verlorenen Zeit

Ich verstehe, wie Wes Anderson fühlt. Ich hatte als Kind ein Modell der »Calypso« im Regal stehen, selbst zusam­men­ge­bas­telt als Revell-Bausatz. Ich glaube, das gibt es sogar noch, irgendwo verräumt und verstaubt im Keller, im Speicher.
Jacques-Yves Cousteau war einer der großen Helden jeder ‘70er-Jahre-Kindheit: Meeres­for­scher, Aben­teurer, Doku­men­tar­filmer, jede Woche im Fernsehen zu bestaunen – er und sein berühmtes Schiff Ikonen, Symbole für eine Welt, die noch voll unent­deckter Wunder war, die man sich noch erobern konnte.

The Life Aquatic With Steve Zissou ist nicht einfach eine Hommage an Cousteau, es ist erst recht keine Parodie. Es ist der komplexe Versuch, diese Welt der Kindheit mit ihren Gefühlen noch einmal aufer­stehen zu lassen, im vollen Wissen dessen, welche Enttäu­schungen das Leben seither mit sich brachte und wie sich seine wahren Wunder und Abenteuer an ganz anderen Stellen fanden als damals geträumt.
Nicht zufällig liest die hoch­schwan­gere Jour­na­listin Jane Winslett-Richardson (Cate Blanchett) – an Bord der »Belafonte«, um ein Porträt des Kapitäns Steve Zissou (Bill Murray) zu verfassen – ihrem unge­bo­renen Kind Proust vor: The Life Aquatic ist eine Tauch­fahrt zur verlo­renen Zeit.

Die Welt von The Life Aquatic lässt sich nicht richtig verankern zwischen damals und heute, zwischen Realität und Fantasie. Ihr Dekor ist voller Ortungs­punkte der ‘70er Jahre, aber kennt dann auch wieder moderne Gerät­schaften (und Espres­so­ma­schinen). Sie ist bevölkert von Menschen, die bei aller exzen­tri­scher Zeichnung ein sehr real greif­bares Seelen­leben an den Tag legen – und von einer bunt­stift­far­benen Fantasie-Unter­was­ser­fauna, die Henry Selick (Nightmare Before Christmas) mit seinen wunder­schönen Anima­tionen zum Leben erweckt.
Es ist eine Welt der nahtlosen Koexis­tenz von Erin­ne­rung und Gegenwart, Abbildung und Imagi­na­tion. In der sich, »Ch-ch-ch-changes«, manches auf wunder­same Weise verwan­delt findet, wie die David Bowie-Songs, die auf Portu­gie­sisch zur Akus­tik­gi­tarre die Reise begleiten.

Als Cousteau-Reinkar­na­tion Steve Zissou ist Bill Murray einmal mehr die ulti­ma­tive Verkör­pe­rung uner­füllter Sehn­süchte. Er ist einer, der das Leben mit leicht amüsiertem, leicht pikiertem Abstand betrachtet, nachdem es ihn einmal zu oft enttäuscht hat. Keiner weiß besser als Wes Anderson, wie perfekt Murray so eine Rolle steht – schließ­lich hat er in Rushmore diese Facette des ehema­ligen »Ghost­bus­ters« als erster konse­quent entdeckt und gefördert. Und Anderson ist klug genug, das jetzt nicht mehr zu forcieren. Murray ist ein mehr depres­siver als manischer Ahab, sein »weißer Wal« ist ein Jaguarhai, der Zissous lang­jäh­rigen Freund und Kollegen verspeist hat.

Zissou nimmt das wahr­schein­lich persön­li­cher, als wenn der Fisch ihm selbst ein Bein abge­bissen hätte. Denn wie Rushmore und noch mehr The Royal Tenen­baums ist The Life Aquatic ein Film über Familie – und darüber, dass Familie weniger ein biolo­gi­sches Phänomen als ein soziales Konstrukt ist, eine ziemlich schwie­rige und schmerz­hafte Ange­le­gen­heit, die man sich selbst zusam­men­bas­teln und zum Funk­tio­nieren kriegen muss. Und die einem doch irgendwie wichtiger werden kann als man selbst.

Zissous »Familie« ist seine Crew – ein Häuflein exzen­tri­scher Gestalten aller Natio­na­litäten und Haut­farben, inklusive eines barbu­sigen Skript-Girls und einer Horde Prak­ti­kanten –, ist sein Porduzent Oseary Drak­ou­lias (Michael Gambon) seine Noch-Ehefrau Eleanor (Anjelica Huston), sind irgendwie selbst sein Erzfeind Alistair Hennessey (Jeff Goldblum) und der von der Versi­che­rung für die Produk­tion ange­stellte Wachwastl (Bud Cort, der Harold aus Harold and Maude, an dem man sehen kann, dass die ‘70er schon lange vorbei sind).
Und dann ist da Ned (Owen Wilson), Pilot bei Air Kentucky (sic!) – ein Pilot, wie er Catch Me If You Can nicht schöner hätte entspringen können, aus jener Zeit, als Flug­ka­pitäne noch aufrechte Männer mit sauberem Helden-Profil waren. Ned ist womöglich Steves Sohn, und wenn er es biolo­gisch nicht sein sollte, so wird er es doch sehr schnell von seiner Rolle her.

Wie The Royal Tenen­baums und noch mehr Rushmore ist The Life Aquatic ein Film über Vater­fi­guren und Mentoren: Zissou selbst schwärmt noch immer von seinem Vorbild Lord Mandrake; sein Chef­in­ge­nieur Klaus ist ihm geradezu unheim­lich ergeben – und schielt womöglich insgeheim auf seine Nachfolge; der Vater von Janes Kind hingegen ist abwesend.

Wie diese Figuren ihre Bezie­hungen unter­ein­ander verhan­deln, das gibt dem Film sein Herz. Vor allem die zentrale Beziehung zwischen Ned und Steve ist voller wunder­barer Facetten: Zissous Schwanken zwischen Stolz und Abweisung, seine rührend hilflose Versuche, der plötzlich aufgenö­tigten Vorbild­rolle gerecht zu werden, gemischt mit seinen dikta­to­ri­schen Zügen – und Neds fraglose, aber nicht gänzlich naive Bewun­de­rung, seine Bereit­schaft, in Steve einen Vater zu sehen, egal, was alles dagegen spricht. Familie, das ist bei Wes Anderson der nie enden­wol­lende Versuch, eine Balance, einen Umgang mitein­ander zu finden. Was schon mit der Sprache anfängt: Über den ganzen Film hinweg sind Steve und Ned damit beschäf­tigt, zu verhan­deln, mit welchen Namen, Kosenamen sie sich anspre­chen sollen.

The Life Aquatic ist ein Film, der von der unend­li­chen Genau­ig­keit seiner Fein­heiten, seiner Zwischen­töne lebt; bei dem der Tonfall meist wichtiger ist als das Gesagte selbst. Dass die deutsche Synchro aus Klaus Daimler, von Willem Dafoe mit einem köst­li­chen deutschen Akzent gespielt, einen Schwaben macht, ist nur ihre offen­sicht­lichste Todsünde. Mit dem Dialekt kommt eine viel zu grobe, plumpe Komiknote in den Film, und aus dem über­eif­rigen, stets latent ange­spannten und leicht weiner­li­chen Daimler wird plötzlich ein gemüt­li­cher, etwas langsamer Kerl. Aber nicht minder grob werden fast alle übrigen Charak­tere durch die Stimmen verfälscht, ebnet das Hoch­deutsch die viel­fäl­tigen Idiome ein – Winslett-Richard­sons etwas hoch­nä­siges, vorlautes Britisch; Neds proppere Kentucky-Art. Auf Deutsch ist The Life Aquatic ein komplett anderer Film – und ein um etliches schwächerer.

So sehr die Figu­ren­zeich­nung von unzäh­ligen Klei­nig­keiten lebt, so sehr ist auch Wes Andersons Humor eine Ange­le­gen­heit von Under­state­ment und Präzision. Dass kann man sofort zu Beginn des Films wunderbar erleben: Die Szenen beim Film­fes­tival von Loquasto sind nicht komisch, weil etwas an sich komisches vor sich gehen würde. Sie sind komisch, weil sie – nicht ganz unähnlich der Komik eines Jaques Tati – das Alltäg­liche mit einer minimal über­trie­benen Genau­ig­keit wieder­geben: Der gelang­weilte Haus­meister, der das Mikro rausträgt, das Wasser rein­bringt; die gestaf­felten Lacher des Publikums – erst die, die Englisch können, dann die, die auf die Über­set­zung warten müssen.Die Komik liegt bei Wes Anderson in der leichten Distan­zi­er­heit des Blicks – und zu der gehört entschei­dend, dass derzeit wohl kein Regisseur (und erst recht kein ameri­ka­ni­scher) einen so bewussten und kreativen Umgang mit dem Breitwand-Format pflegt. Gleich mit der ersten Einstel­lung etabliert Anderson nicht umsonst den Lein­wan­d­raum zugleich als Bild-/Gemälde- und als Bühnen­raum. Er ist ein Meister darin, Gruppen von Figuren so im Kader zu arran­gieren, dass dies zugleich ein Abbild der Bezie­hungen zwischen ihnen ergibt und – durch die spürbare Künst­lich­keit von Distanz und Symmetrie – eine unter­schwel­lige Komik erhält. Er liebt es, den Bild­hin­ter­grund mit gezielten Ablen­kungen zu füllen; er schiebt gerne das Geschehen, dem eigent­lich die Aufmer­sam­keit gilt, an den Bildrand und verlagert damit zugleich das emotio­nale Zentrum einer Szene. Wenn in Andersons Werken Ironie vorherrscht (und sie tut das erheblich weniger, als ihm gern vorge­worfen wird), dann liegt sie am ehesten in diesem Blick. Und dann ist sie untrennbar mit Andersons Grund-Melan­cholie verknüpft.
Dabei nutzt Anderson Breitwand nicht nur für seine charak­te­ris­ti­schen Tableaus – wenn er will, kann er unauf­fällig elegant durch Raum­auf­tei­lung erreichen, wofür andere Schnitte brauchen (und ist damit, zumindest in diesem Aspekt, ein Enkel von Orson Welles): Man betrachte nur die Ankunft von Steve und Ned auf Zissous Insel, die erste Begegnung mit Eleanor. In einer einzigen Einstel­lung ersetzen ein paar wohl­cho­reo­gra­phierte Posi­ti­ons­wechsel von Kamera und Darstel­lern mindes­tens vier Setups.

Es ist erstaun­lich, dass ein Film, der so sehr von Mentoren und geistigen Erbfolgen handelt, zwar unzählige Einflüsse freimütig präsen­tiert, aber kein direktes Vorbild kennt. The Life Aquatic ist ein besonders schönes Exemplar einer extrem seltenen Spezies: Er ist ein wirklich origi­neller Film. Er läßt sich nicht mit wenigen Sätzen und ein paar Verweisen auf Vertrautes beschreiben.Das Wagnis, so komplett die üblichen Fahr­wasser zu verlassen, die erprobten Baupläne zu miss­achten, bringt es mit sich, dass nicht alles immer reibungslos funk­tio­niert. In einer längeren, action­rei­chen Sequenz mit einem Pira­tenüber­fall kommt der Film für meinen Geschmack mal eine Weile aus dem Tritt. Aber das finde ich so vernach­läs­sigbar wie eine verein­zelte schwächere Arie bei einer begna­deten Opern­sän­gerin in einer genialen Inter­pre­ta­tion einer Partie – zumal wenn sie die Partie urauf­führt.

Freilich lassen sich durchaus ein paar Grundzüge eines Stamm­baums für The Life Aquatic ausmachen. Der streckt seine Wurzeln aller­dings weit zurück: Wenn Zissous Forschungs­schiff als Kulisse im Längs­schnitt präsen­tiert wird, sind wir wieder bei Georges Méliès, dem frühen Kino-Zauberer und seinen Bürgern auf Aben­teu­er­fahrt. Die Magie der essen­ti­ellen Tricks des Mediums liegt Anderson merklich am Herzen. Cousteau ist nicht zuletzt als Filme­ma­cher ein Held für ihn; Zissous rudi­men­täres Bord-Studio ist mit Absicht eine reine Bastel­kammer, ein Expe­ri­men­tier­stüberl, in dem mit einfachsten Mitteln und kind­li­cher Freude Bilder und Töne zusam­men­mon­tiert werden. The Life Aquatic ist ein Plädoyer für Lo-Tech, eine Feier des Filme­ma­chens als wahres Abenteuer.

Bei aller Sehnsucht nach der verlo­renen Zeit, bei aller Nostalgie ist Andersons Film in letzter Konse­quenz nicht rück­wärts­ge­wandt. An seinem wirklich tief bewe­genden Höhepunkt trifft The Life Aquatic die Erkenntnis, dass man manchmal all die offenen Rech­nungen der Vergan­gen­heit über Bord werfen muss und die Augen aufmachen für die Wunder der Gegenwart. Dass die beste Waffe gegen das Gefühl von Verlust schlicht und einfach das Loslassen ist.