Review
Die Träumer
Film denken, leben, sein
Film denken, leben, sein
»Non, je ne regrette rien.« singt die Piaf, und man darf sicher sein, dass dieses Bekenntnis auch für Bernardo Bertolucci gilt. In seinem neuen Werk The Dreamers erklingt das berühmte Chanson ganz am Ende eines Films, der voller Rock und Pop ist, die Wildheit des Pariser Mai ‘68 rekapituliert, aber in einer Weise, wie man es noch nie gesehen hat.
Ein Amerikaner in Paris: Man begegnet Matthew, der auch Off-Erzähler ist, zunächst als staunendem Beobachter des Geschehens. Gleich zu Beginn trifft er die schöne Isabell und deren Bruder Theo, beide Kinder aus liberalem Intellektuellenmilieu. Kino, Politik und Lebensgefühl verschmelzen schon in diesen ersten Szenen wie in den Gesprächen der Twens; schnell freunden sie sich miteinander an, und als die Eltern der Geschwister für längere Zeit aufs Land fahren, wird Matthew eingeladen, in die Wohnung einzuziehen. Nun beginnt eine merkwürdige menage á trois. Viel Action gibt es nicht, und doch passiert eine Menge. Vor allem schaut der Film seinen Figuren beim Leben zu: Aufstehen, baden, essen, lieben, reden, Filme gucken. Ganz unverklemmt schildert The Dreamers das Leben in der Wohnung gerade zu Beginn als paradiesischen Zustand der Seligkeit. Dabei ist dies weit entfernt von der hysterischen Sexualität, die 30 Jahre zuvor Der letzte Tango in Paris prägte und zu einem der wichtigsten Dokumente der Epoche machte. The Dreamers ist nun die gelassene Reflexion über sie. Die erwähnte menage á trois ist dabei eine geistige, die Kinoerfahrung deren Vermittlungsinstanz.
Bertolucci inszeniert die Erotik des Kinos schwelgerisch und im guten Sinne nostalgisch – als Erinnerung an Filme, die nicht Unterhaltung und Eskapismus im Sinn haben, sondern Befreiung. Immer wieder schneidet Bertolucci kurze Originalszenen ein, spielt nach oder parodiert, und bei aller offenkundigen Verehrung holt die Regie dabei die Idole vom Sockel, versucht vorsichtige Umdefinitionen quasi »heiliger« Szenen – etwa von Greta Garbo als Königin Christina. Hauptfunktion von all dem bleibt es, einen anderen Umgang mit Kino vorzuführen. Die drei denken Kino, leben Kino, sind Kino. Noch wichtiger für Bertolucci: Das Kino etwas mit Verführung, mit Sex zu tun hat.
Der Regisseur erzählt den »Mythos 1968« als Geschichte eher privaten, oberflächlich betrachtet unpolitischen Entdeckungsreise. Elegant werden innere und äußere Vorgänge miteinander verschränkt. Fast der ganze Film verharrt kammerspielartig im bürgerlichen Salon, als dem eigentlichen Ausgangspunkt der Revolte. So sympathisch die drei in ihrer Neugier und Entdeckungslust, auch in ihrer Dekadenz sind, so präzis zeigt Bertoluccis trotzdem auch Tristesse: Trauer und Sehnsucht liegt in allen Blicken. Und konsequenterweise endet es fast mit dem letzten bürgerlichen Ausweg: dem Selbstmord. Aber da fliegt gerade noch rechtzeitig ein Pflasterstein durchs Fenster, ein Luftzug weht den Dunst aus dem Salon, und lässt den Lärm der Straße hinein. Die drei ziehen hinaus, und verlieren sich in der Menge. Noch hier wird das Abgegriffene vermieden, mit dem man 1968 in immer wieder den gleichen Bildern schildert; nur beiläufig beschwört der Film die Ikonen jener Epoche, auch musikalisch, indem er zwar die Doors und Hendrix spielt, aber unbekanntere Songs.
Wohltuend verzichtet The Dreamers darauf, den Aufbruch als Spinnerei Irregeleiteter abzutun, oder ihn wieder einmal in Extremismus und Terror enden zu lassen. Ganz anders als Louis Malle, dem der Pariser Mai in Eine Komödie im Mai zur absurden Komödie gerann, nimmt Bertolucci das Pathos von einst wohltuend ernst, ohne umgekehrt in depressive Geschichtslektionen zu verfallen; vielmehr bleibt der ganze Film bis zum Ende unvorhersehbar, findet immer wieder neue Wendungen.
Am Ende steht der Auszug aus dem Paradies, der auch einer ist aus der Verwechslung von Kino und Leben, die Befreiung von einer Bürgerlichkeit, nach der sich heute viele zurücksehnen. Bertolucci hält ihnen den Spiegel vor, unserer sehr heutigen Weltflucht in die Salons und Kinosäle. Aber er will etwas zeigen, nichts beweisen. Dabei ist er als Filmemacher so stark, wie seit 1900 (1976) nicht mehr. Und noch wenn alles charmant mit »Non, je ne regrette rien« ausklingt, gibt er sich noch einmal ganz preis. Was will man von einem Filmemacher mehr verlangen?