Review
Die Tribute von Panem – The Hunger Games
Brot und Spiele
Brot und Spiele
In grauen Hemden oder weißen Kleidern stehen sie dort unten eingepfercht. Der ganze Marktplatz ist ein Ort ohne Farbe. Die Kinder tragen das Beste am Leibe, das sie haben. Und zwei von ihnen werden heute zum Tode verurteilt.
Suzanne Collins hat in ihrer Bestseller-Trilogie »Die Tribute von Panem«, die allein in den USA über 24 Millionen Bücher verkaufte, ein voyeuristisches Spektakel erdacht, einen modernen Gladiatorenkampf, der zur Belustigung und Erregung eines rettungslos in der Dekadenz versunkenen Publikums gegeben wird. Aus den Ruinen Nordamerikas hat sich Panem erhoben, ein Staat, in dem das übermächtige Kapitol die 12 Randbezirke nicht nur ökonomisch ausbluten lässt: Als Erinnerung an einen Aufstand muss alljährlich jeder der Bezirke zwei Teilnehmer zwischen 12 und 18, einen Jungen und ein Mädchen, in die Arena schicken, die nur einer der sogenannten »Tribute« lebendig verlassen wird.
Die Verfilmung des ersten Bandes hat Gary Ross übernommen, und er weiß sehr genau, dass es die grelle Obszönitat des geraubten Luxus am besten entlarvt, wenn man sie durchaus plakativ dem bitteren Elend gegenüberstellt. Diese Stärke der Vorlage unterstreicht seine Inszenierung eindrucksvoll – und sie schließt sich ebenso deren Tendenz an, ein gekonntes Spiel mit den Phantasien und Phantomen zu treiben, die gerade jetzt so durch unsere Popkultur geistern.
So geht der Szene, in der die Tribute ausgelost werden, eine Registrierung voraus, die man als Selektion bezeichnen muss. Dann die Aufstellung auf dem schmucklosen Marktplatz, auch sie ist angelehnt an die Bilder, die die Filmbranche sich von Konzentrationslagern macht und gemacht hat. Diese Analogien aber treibt Ross nicht so weit, dass sie geschmacklos schienen. Die gespenstische Stille, in der diese Massenveranstaltung abläuft, beklemmt. Die Hektik der Handkamera, die durch die scheinbar so ordentliche, noch nicht ganz militärische Aufstellung der Teenager irrt, prallt auf die schablonenhaften Bilder eines Propagandafilms, den man den Jugendlichen zeigt und in dem manche Einstellung direkt aus Leni Riefenstahls Olympia entnommen ist. Keine Frage, Ross weiß um die verlogene Ästhetik der Stärke.
Mit einem differenzierten Geschichtsbewusstsein hat dies freilich wenig zu tun, mit der Vergangenheit geht der Film manchmal so um wie die Menschen im Kapitol: Dessen Architektur erinnert an das Modell eines Las Vegas des Neoklassizismus, in das einem Dreijährigen versehentlich sein Spielzeug-Laserschwert gefallen ist. Die Menschen dort heißen Coriolanus, Seneca, Claudius und für alle, die es bis dahin noch nicht begriffen haben, gibt es auch einen Caesar. In diese grellbunte Hölle der Geschmacklosigkeit werden aus Distrikt 12 die findige Jägerin Katniss (Jennifer Lawrence), die als Freiwillige ihre bereits aus dem Los-Topf gezogene kleine Schwester gerettet hat, und der schüchterne Bäckerssohn Peeta (Josh Hutcherson) gebracht.
Zu den erzählerischen Kniffen von Collins' Romanen gehört es, eine unvermeidliche Liebesgeschichte als notwendige Überlebensstrategie in die Geschichte hineinzuschmuggeln: So gewinnt man in der medialen Welt von Panem Zuschauer, die Zuneigung der Öffentlichkeit, womöglich potente Sponsoren, die einem Nahrung oder Medizin in die Arena schicken. Und, na klar, so verkauft man auch Bücher.
Diese Geschäftstüchtigkeit gehört quasi zur DNA der Filmbranche, und Ross' Umgang mit dem äußerst brutalen Geschehen während der Mordspiele ist von sichtlich großer Vorsicht geprägt und dennoch eindrucksvoll anzusehen. Das Schlachten ist ein wirres Traumspiel, ein langer delirierender Schock, der einem die Ohren verschließt und ganz ohne spekulative Bildeffekte auskommt. Katniss und Peeta werden schnell getrennt, und während, immer wieder von Phasen des Rastens und des Atemholens unterbrochen, die Jugendlichen einander der Reihe nach zum Opfer fallen, schleicht sich eine lähmende Routine in den Film, die ihn anfällig macht für Kitsch und Melodramatik.
Dabei ist die ständige Unsicherheit und der nicht enden wollende Todeskampf doch das Programm der Spiele. Ein Spielleiter, den Wes Bentley mit trügerischer Sanftheit und manchmal geradezu arroganter Entspannung gibt, ist eigens dafür eingesetzt, die Tribute am Rennen zu halten. In einer hochmodernen, sterilen Kommandozentrale entwickelt er mit seinem Team die nächste Grausamkeit, und draußen, im Dreck, im Blut, im Feuer, werden seine Knopfdrücke zur lebensgefährlichen Wirklichkeit. Dabei wird an manchen Stellen sehr zielgenau auf das Reality-TV und die Casting-Shows der Gegenwart abgefeuert. Die bewusst gesetzten Kontraste geben dem Film eine Tiefe, die den Stoff in seiner audiovisuellen Umsetzung eindeutig bereichert.