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Review

Die Vorahnung

Cassandra made in Hollywood

Zwischen den Welten: Linda (S. Bullock)

Cassandra made in Hollywood

Was wäre, wenn wir in die Zukunft blicken könnten? Wären wir reich, weil wir vorab die Lotto­zahlen wüssten? Wären wir gegen Unfälle und Miss­ge­schicke gewappnet? Könnten wir den Satz, die Geste, den Blick proben, der uns das Herz des Liebsten erobert? Wären wir – womöglich – glück­li­cher? Die grie­chi­sche Mytho­logie weiß anderes zu berichten. Seit Ödipus kennt das Abendland die gnaden­lose Unent­rinn­bar­keit der self-fulfil­ling prophecy, seit Cassandra wissen wir, dass auch der Hell­sich­tige den Lauf der Welt nicht ändern kann. Nur Hollywood nimmt sich hier und da die Freiheit, diese schick­sal­hafte Gleichung auf den Kopf zu stel­lenBack to the Future!

Mennan Yapo ist nach Hollywood gegangen. In Deutsch­land war sein Kühl­schrank leer, dort winkten Millionen-Dollar-Angebote. Den 100-Mille-Monster-Film hat er nicht gedreht. Das 60-Millionen-Angebot (Plot: Vier mittel­mäßige Ganoven kidnappen ein Kind, das sich als der Anti­christ entpuppt) hat er ebenfalls abgelehnt.

Alle Chancen kann man nicht ausschlagen: Der Film, den er dort gemacht hat, ist über­wie­gend ein echter Yapo – soweit man das von einem Regisseur zu behaupten wagt, der bisher einen Kurz- und einen (viel gelobten, aber zu wenig beach­teten) Langfilm gedreht hat: Lautlos, eine Mär vom Mädchen und dem melan­cho­li­schem Auftrags­killer. Immerhin hatte Yapo aber seinen Kame­ra­mann mit am US-Set (grandios: Torsten Lippstock), welcher dann aller­dings die Kamera nicht selbst bedienen durf­te­wegen obskurer arbeits­recht­li­cher US-Auflagen, ihm dafür aber abends Spaghetti in der WG kochte: zwei einsame German Guys, die sich im Holly­wood­wahn­sinn durch­schlagen.

Glück ist ein zerbrech­li­ches Gut. Das erfährt auch Linda, hinge­bungs­volle Hausfrau und Mutter. An einem Tag gerät mit der Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes ihre Welt aus den Fugen. Doch am nächsten Morgen trifft sie Jim in der Küche, wo er ahnungslos seinen Kaffee trinkt.

Linda und ihr Mann sind glück­liche Eltern – doch kein Liebes­paar mehr. Wie bei den Hand­läufen der schönen alten Treppe in ihrem Haus blättert auch von ihrer Beziehung längst der Lack. Mit dem Tod des Mannes mäandert Lindas Leben plötzlich durch chao­ti­sche Paral­lel­welten. Die Reihen­folge der Wochen­tage gerät durch­ein­ander, Tod und Leben bereiten ein beängs­ti­gendes Vexier­spiel. Linda trifft Menschen, die sie zu kennen scheinen, an die sie sich aber nicht erinnern kann und kennt dafür andere, die sie noch nie gesehen haben. Sie findet Psycho­phar­maka in ihrem Wasch­be­cken, ihre kleine Tochter hat plötzlich ein zerschnit­tenes Gesicht, und schließ­lich wird Linda in die Psych­ia­trie verschleppt. Doch statt eines Komplotts steckt hinter dem Ganzen eine Art Zusam­men­bruch des Raum- und Zeit-Konti­nuums, ausgelöst durch die Tragödie. Wie beim Puzzle­spiel ihrer beiden Töchter hält Linda nur Bruch­s­tücke in den Händen, die sich erst nach und nach zu einem Bild der Gescheh­nisse fügen. Schließ­lich erwacht sie an dem schick­sal­haften Mitt­woch­morgen und versucht mit aller Macht und dem Wissen um die Zukunft, ihren Mann zu retten.

Wie schon in Lautlos verlässt sich Yapo auch in diesem Film auf eines: Gesichter. Lieferten sich in seinem ersten Langfilm noch die Züge von Jachim Król und Nadja Uhl ein eindrucks­volles Pas de deux, steht hier der US-Star im Mittel­punkt. Am unge­schminkten Antlitz von Sandra Bullock spielt sich auch in Die Vorahnung das meiste ab, die Kamera zoomt in jede Pore, erkundet die wech­sel­hafte Gesicht­land­schaft.

So betörend die Bilder auch sind, so grandios ganze Szenenam Ende irritiert, dass das Drehbuch so unaus­ge­goren bleibt. Da werden lose Fäden, wie die alptraum­hafte Einlie­fe­rung in die Psych­ia­trie, später nicht mehr einge­bunden. An andere Stellen stößt einem der ameri­ka­ni­sche Pathos auf: Sagt Eurem Daddy, wie lieb ihr ihn habt! Der Showdown am Meilen­stein 220 des Highways ist holly­wood­würdig. Wie man es verdaut, muss jeder für sich selbst entscheiden. Trotz dieser Schwächen: sehens­wert.