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Review

Die wilde Zeit

Auf die Jugend: Vive la révolution… oder besser doch nicht?

Cool, aber zu nostalgisch & zu wenig politisch.

Auf die Jugend: Vive la révolution… oder besser doch nicht?

Paris, frühe siebziger Jahre: Eine aufge­la­dene Zeit, junge Männer unter haarigen Tollen und lässige Frauen unter geraden Ponys zwischen Liebe, Politik, Malerei und Film.

Assayas, immer schon ein leicht melan­cho­li­scher Typ, beschreibt die Zeit seiner Jugend und rüttelt damit etwas wütend an der heutigen, für ihn offenbar wenig enga­gierten, unpo­li­ti­schen Gene­ra­tion. Er versucht ihr ein paar Ohrfeigen zu geben, bleibt dabei aber so distan­ziert, dass er wohl kaum etwas bewirken wird. Thema­ti­siert wird die Krux der Nach-68er, ihr Gefühl etwas radikal umsetzen zu müssen, was zuvor nur rosa-idea­lis­tisch angedacht worden war und ihr Scheitern am eigenen Anspruch. Die Schlag­hosen-Siebziger also, die nach den Hippies nach etwas mehr Realität verlangten und dabei etwas mehr Aggres­sion, Drauf­gän­gertum und stra­te­gi­sches Geschick mitbrachten. Es ist nun der persön­li­chere, viel­leicht auch intimere Film nach Carlos – Der Schakal, der vor zwei Jahren in den Kinos lief und das Leben des Terro­risten Ramírez Sánchez erzählt, der bis heute in Frank­reich für seinen „Traum“ eines radikalen Gesell­schafts­wan­dels, den man nur mit Waffen umsetzen kann, im Gefängnis sitzt. Der sich nur teilweise an Fakten haltende Film zeigt, was geschieht, wenn Idea­lismus in Größen­wahn umschlägt und Selbst­ver­herr­li­chung in Realitäts­ver­wei­ge­rung. Carlos scheitert im großen Stil und driftet von revo­lu­ti­onärer Romantik zu einer Aggres­sion, die ihre Ziele aus den Augen verliert. Carlos und die Die wilde Zeit beschreiben einen Moment und ein Lebens­ge­fühl. Die Jungen in Die wilde Zeit machen erste verzagte Versuche in die Öffent­lich­keit zu treten. Carlos ist schon einen Schritt weiter und hat diesen vorsich­tigen Ansatz in einen wirklich über Leichen gehenden Wahn verwan­delt.

Gilles, die Haupt­figur, Schüler in Paris, etwas verträumt, etwas verloren und doch ziemlich selbst­be­wusst und ganz offen­sicht­lich das Alter Ego von Olivier Assayas, laviert sich durch sein junges Erwach­se­nen­leben.
Man sieht dabei zu, wie sich jene formieren, die glauben, dass man etwas ändern kann. Die sanftere Variante der deutschen RAF oder eben von Carlos. Es sind Gilles und seine Freunde, lang­haa­rige, lang­bei­nige Gestalten, die einen Tick zu cool sind um mal zu lachen, einen Tick zu ernsthaft um wirklich kreativ zu sein und etwas zu idea­lis­tisch um wirklich richtig lebendig zu werden.

Was sie verbindet, ist der Drang etwas zu tun und etwas zu verändern: Flug­blätter drucken und verteilen, in den Rauch­wolken der Straßen­demos toben, in denen Poli­zisten auf Motor­rä­dern wie Cowboys auf Vieh, mit Schlags­tö­cken auf Demons­tranten einschlagen.

Und dann das Feuer. Sie waren jung und bereit das Feuer zu entzünden – eine platte Metapher, die es aber wagt, sich durch den gesamten Film zu ziehen. Immer wieder taucht sie auf, in einem Gedicht­band von Gregory Corso, Wurf­brand­sätzen, Drogen­vi­sionen und Autos, die in die Luft gesprengt werden. Vive la révo­lu­tion! Und neben dem Willen, die Gesell­schaft ändern zu wollen, neben dem poli­ti­schen Menschen steht glei­cher­maßen das Herum­wälzen der Jugend­li­chen in ihren eigenen Gefühlen, zwischen verschie­denen Frauen und Lebens­ent­würfen, der Frage Künstler zu werden oder politisch aktiv zu sein oder beides. Oder gar Alighiero Boetti und sein Hotel­pro­jekt in Kabul zu unter­s­tützen. Filme zum und für das Vergnügen drehen oder zur Aufklä­rung? Wir machen Agita­ti­ons­filme, keine Fiktion. Was tun?

Assayas wählt das Kino und den Film. Das Kino lässt die Toten zum Leben erwachen: Der erste Kuss im Halb­dunkel des Kinosaals. Die eine Frau führt Gilles dann zur Malerei, die andere zum Film. Und das ist wohl auch das, wofür dieser Film steht: Für das Kino, den Film, das Filme­ma­chen und was es für Assayas bedeutet und was es bewirken kann – ein Zwischen­raum gut durch­or­ga­ni­sierter Sprayer-Flugblatt-Aktionen und Anarchie, Jagden durch die Straßen und der Ruhe im Bett einer anderen, zwischen Kunst und Politik, vom Abstrakten zum Realen, vom fiktio­nalen zum agita­to­ri­schen Film.

Assayas hat seinen Auftrag erfüllt, in revo­lu­ti­onären Zeiten kein Unter­hal­tungs­kino machen zu wollen und in nicht-revo­lu­ti­onären Zeiten erst recht nicht. Also macht er eben einen poli­ti­schen Unter­hal­tungs­film. Das ist cool und reißt mit, könnte aber poli­ti­scher und etwas weniger nost­al­gisch sein.